Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- Seite 67 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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67 A. : Professor Delitzsch meint aber, daß das Gesetz der Babylonier oft, z. B. die Stellung der Frauen betreffend, höher als das biblische Gesetz zu bewerten sei. B. : Ich bin, wie gesagt, kein Assyriologe, die Beweise, die Delitzsch erbringt, kann ich nicht Prüfen, ich kenne jedoch die Geschichte Israels und der Juden, und ich finde nicht, daß irgendwo und irgendwann die Stellung der jüdischen Frau selbst den weitgehendsten Ansprüchen der Gattin nicht entsprechen würde. Solange der Mann die Gattin heimführt und nicht die Frau den Gatten, solange der Mann Weib und Kinder ernährt, ist das Verhältnis zwischen Gatte und Gattin in den Hauptpunkten nicht anders darzustellen, als es die Bibel tut. Einige unwesentliche Punkte, wie z. B. das Einverständnis bei einer Scheidung oder das Erbrecht, wurde der: Zeitverhältnissen, von denen solch unwesentliche Punkte abhängen, auch immer angepaßt. A. : Aber die Polygamie? B. : Nun, ich weiß augenblicklich nicht, wie es die Babylonier mit der Polygamie hielten. Sie dürfen jedoch nicht eine in alter Zeit für das Volkswohl sehr nützliche Institution in unsere Zeit einfach übertragen. Die Bibel hat die Polygamie geduldet, verherrlicht hat sie die Monogamie, und von einem Haremsleben ist in der Bibel überhaupt nicht die Rede. A. : Wie kommt es aber, daß nach einem Ausspruche Delitzsch' in der Bibel, in Hiob Blasphemien Vorkommen und gar das Hohelied mit seinen erotischen Stellen? B. : Was mich betrifft, würde ich viel lieber einige Stellen der Bibel, die von den Kriegszügeu erzählen, als das Buch Hiob oder gar das Hohelied missen. Beweisen diese verleumdeten Stellen in Hiob nicht, daß der Geist Israels immer frei war, bis an die Grenzen menschlichen Denkens ging und sich durch Pessimismus (Hiob) und Skeptizismus (Koheleth) zur Höhe freier Gottesgemeinschaft aufgeschwungen hat? Das Hohelied wieder mit seiner glühenden Erotik ist so zart, das Verhältnis junger Leute verschiedenen Geschlechtes zueinander so anmutig darstellend, daß. wenn das Hohelied auch kein religiöses Buch im gewöhnlichen Sinne ist, es doch der Bibel einen unvergleichlichen Schmuck verleiht. Die Rose von Saron schmückt das ernste, prophetische Haupt Judäas. Trotz aller Erotik ist das Büchlein züchtig und maßvoll. Kennen Sie noch ein erotisches Lied von solcher Vollendung? A. : Warum aber der Kampf mit Keulenschlägen gegen Professor Delitzsch? B. : Ein solcher Kampf ist nicht gerechtfertigt. In einem Jahre wird auch von diesem ganzen Kampfe keine Rede mehr sein. Professor Delitzsch überschätzt nur in der Freude des Finders seinen Fund und den Wert seiner Täfelchen. Neues hat er eigentlich nur Unbedeutendes erbracht. Die Bibelkritik hat weiterreichende Hypothesen aufgestellt, denn auch sie, überhaupt jede Religionswissenschaft geht vom Grundsätze aus, daß nichts, wie aus der Pistole geschossen, plötzlich im Dasein erscheint, auch nicht der Monotheismus, auch nicht der Sabbath. Alles mußte seine Vorbedingungen, seine Quellen haben, auch das religiöse Gesetz, auch die Shakespeare'schen Dramen. Shakespeare bleibt aber Shakespeare, wenn auch zu jedem Akte in seinen Stücken die Quellen erforscht werden, und gerade weil Shakespeare Shakespeare ist, nimmt man sich die Mühe, die Quellen zu seinen Werken zu erforschen. So bleibt die Bibel die Bibel, und das religiöse Genie Israels ist sm Zeneris, wenn auch noch einige Namen biblischer Institutionen in Babylon gefunden werden sollten. A. : Nun bleibt doch Professor Delitzsch immerhin das Verdienst, einige dieser Quellen gefunden zu haben. Mögen sie nun mehr oder weniger ergiebig sein, Quellen sind es. B. : Wir sagen jedem Dank, der die Wissenschaft bereichert, jedem, der forscht und sich müht, neue Wahrheiten zu finden. Jeder behält sich aber das Recht vor, alles zu prüfen, um dann zuzustimmen oder abzuweisen. Eine Ansicht, daß die Bibel nur eine verschlimmbesserte Auflage babylonischer Weisheit sei, müßte unwiderleglich und anders bewiesen werden, als dies Professor Delitzsch getan hat. Daß einige Erzählungen der Bibel uralte, vielleicht babylonische, vielleicht noch ältere Motive enthalten, ist kein Beweis und nichts Erschreckendes. Das haben schon mehrere bewiesen, mit bezug auf Babylon Schräder. Ich glaube, daß auch Sie jetzt weder für die Bibel noch für die Freiheit der Wissenschaft das Mindeste fürchten. Der MWonstriek des Judentums. Von Dr. I. C ohn - Eschwege. ^j^^as ist die neueste Entdeckung, die ein Göttinger Theologieprofessor gemacht hat. Aus dessen jüngst erschienenen Schrift teilt Herr Dr. Silberstein-Elbing in Nummer 2 dieser Zeitung folgende Stelle mit: „Soweit und so energisch der Missionstrieb im Judentum vorhanden war, so sehr wird der partikularistische Charakter der jüdischen Ethik durchbrochen. Die Propaganda hebt das Judentum über den Partikularismus hinaus. Dieser Partikularismus wird aber nirgends aufgehoben, sondern gleichsam suspendiert." Wenn also unsere Weisen allgemeine Menschenliebe, Milde und Sanftmut und Wohlwollen auch Nichrjuden gegenüber gelehrt haben, so hätten sie diese dem Wesen des Judentums eigentlich fremden Lehren nur zu propagandistischen Zwecken empfohlen. Und nun sage man noch, cs gebe nichts Neues unter der Sonne, es gebe keinen Gedanken, der nicht schon früher einmal gedacht und ausgesprochen worden sei! Stets hat man uns einen Vorwurf daraus gemacht, daß wir keine Propaganda ^ür unsere Religion treiben, daß wir keine Missionare aussenden, um Proselyten zu werben; stets hat man es als Anmaßung und Engherzigkeit ausgelegt oder wenigstens höchst auffallend gefunden, daß wir jeder Bekehrungssucht abhold sind, daß wir gemäß den klareil und ausdrücklichen Bestimmungen des Religionsgesetzes nicht nur niemand einladen, sich uns anznschließen, daß wir nicht nur jeden zurückweisen, der um irdischer Vorteile willen, z. B. behufs ehelicher Verbindung mit einem Mitgliede unserer Religionsgenossenschaft, die Aufnahme in das Judentum begehrt, daß wir sogar denjenigen, die aus freier Entschließung, in reiner Absicht, aus ehrlicher Ueberzeugnng zu uns kommen, den Uebertritt zu unserem Bekenntnis ernstlich widerraten, widerraten müssen mit dem Hinweis auf die geringe Anzahl, die gedrückte Lage und Ohnmacht der Judenheit, mit dem Hinweis auf die vielen und schwer zu erfüllenden religiösen Gebote, zn deren Erfüllung sie als Nichtjuden nicht verpflichtet seien, für deren Uebertretung sie jedoch nach ihrem Eintritt ins Judentum vercmtwortlich sein würden,