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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 66 (sequence 8)
Language
German
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66 Volksschule dort ausfallcn, so werden sie doch noch weit überholt durch seine moralischen und ethischen Gaben. Er setzte, selbst in Zeiten wechselreicher Lebensschicksale, die auch ihm nicht erspart blieben, sein ganzes Ich, seine ganze Persönlichkeit ein für seine Arbeit zu Gunsten der russischen Judenheit. Ein einzig dastehendes Beispiel hingebender Tatkraft liefert Baron Günzburg vor allem durch sein Wirken in der „Russisch-Jüdischen Ausklärungsgesellschaft", an der er mit allen Fasern seines Herzens zu hängen scheint. Er ist von der Ileberzeugung durchdrungen, daß die Bildung allein, der intellektuelle und sittliche Hvchstand, die Juden von dem sozialen, moralischen und ökonomischen Druck befreien könne, und daher ist sein Hauptstreben auf die Verbreitung von Bildung unter den Juden, ans ihre größere Zuführung zum Gewerbe und zum Ackerbau gerichtet. Unendlich viel hat die Gesellschaft durch die Gründung von jüdischen Elementar-, Mittel- und Gewerblichen-, wie Ackerbauschulen in den entferntesten Teilen des russischen Reiches geleistet. Seit vierzig Jahren arbeitet Baron Günzburg emsig und unverdrossen in dieser Gesellschaft, in der er seit dem Tode seines Vaters im Jahre 1879 den Vorsitz übernommen hat. Seine flammende Begeisterung für die jüdische Aufklärungssache teilte sich auch einem Kreise der akademischen Jugend mit, und einzelne junge Arbeitskräfte erachten es als ihre heiligste Pflicht, den Aufgaben der Anfklürnngsgesellschaft obzuliegen. Alle bereits vorhandenen jüdischen Schulen zeigen befriedigende Resultate, nur erhöht die wachsende Zahl der Lehranstalten den Mangel an tüchtigen Lehrkräften. Der Vorstand der Aufklüruugsgesellschaft hat nunmehr den Entschluß gefaßt, das denkwürdige Jubiläumsfest von Baron Günzburg durch die Gründung eines „Barou-Günzburg-Fonds" zu verewigen, der ein festes Kapital darstellen soll zur Errichtung und Erhaltung einer Bildungsstätte für jüdische Lehrer. Die „Jubilüums-Foud-Kommission" der Gesellschaft in Petersburg, Samjatin 4, entwickelt bereits seit einiger Zeit eine rege Tätigkeit und organisierte eine umfassende Propaganda, um überall Sympathie für das Unternehmen zu wecken, das berufen sein wird, die Erziehung der Jugend in gesunde Bahnen zu lenken und das Judentum dort zu neuem Leben zu erwecken. Diese Stiftung kommt dem Ideal von Baron Günzburg entgegen, das Licht des Wissens in alle jüdischen Volksschulen zu tragen. Möge es ihm vergönnt sein, sich an den Früchten dieser Jubilüumshuldigung zu erfreuen und noch lange Jahre in frischer Kraft zum Segen seines Stammes zu wirken und zu schaffen. Nie neuesten Funde. (Ein Gespräch). Von Dr. S. Ster» in Saaz. A. : Hat Sie Professor Delitzsch' Vertrag nicht erschreckt? B. : Nicht im entferntesten, so wenig wie der Darwinismus. A.: Wie können Sie das eine mit dem andern vergleichen? Der Darwinismus ist eine Hypothese, eine nicht stringent zu beweisende und selbst von Naturforschern stark bestrittene Ansicht. Professor Delitzsch jedoch erbringt historische Dokumente als Beweise dafür, daß die Offenbarung keine Tatsache sei, und das, was die Offenbarung hätte verkünden wollen, nichts neues enthalte. B.: Also? A. : Also kann man bei logischem Denken nicht mehr von der Göttlichkeit der Bibel und des religiösen Gesetzes sprechen, und demgemäß gehört auch das religiöse Genie des jüdischen Volkes zu den historischen Vorurteilen. B. : Meinen Sie? Da wir den Darwinismus erwähnten, hat schon einer behauptet, daß ein Darwinianer den Sabbath nicht feiern kann, weil die sechs Schöpfungstage mit dem Darwinismus in Widerspruch sind, oder hat schon einer behauptet, daß einem richtigen Bibelkritiker bei logischem Denken die Feier der religiösen Feste inhaltslos wäre? Sabbath und Feste haben neben dem ursprünglichen Inhalt noch im Laufe der Geschichte gewaltige Bedeutung und reichen Inhalt erworben, sie sind mit jüdischem Geiste erfüllt und Heiligtümer des Volkes geworden. Welcher vornehm denkende Mensch wird die Heiligtümer seines Volkes darum aufgeben, weil vielleicht, wenn Professor Delitzsch richtig gelesen hat, was übrigens von Fachmännern bestritten wird, auch auf einem babylonischen Täfelchen der Name Sabbath vorkommt. Ist der babylonische Sabbath der jüdische? Nicht das Wort Sabbath, sondern das, was aus dem Sabbath geworden ist, beweist das religiöse Genie und die Originalität Israels. Zugegeben, daß auf einem anderen Täfelchen der Name unseres Gottes zu finden sei, ich bin nicht Assyriolog und darf es nicht bestreiten, aber hatte bei den Babyloniern dieser Name Gottes dieselbe Bedeutung wie in der Bibel? Den Ruhm Israels bildet nicht der Gottesname, sondern der Gottesbegriff. Die Babylonier waren und blieben Anhänger eines scheußlichen Götzendienstes, wenn auch möglicherweise einige auserlesene Geister philosophisch genug dachten, sich einen metaphysischen Gott zu konstruieren; das religiöse Genie und die Originalität Israels besteht darin, einen lebendigen, einzigen, gerechten, das Schicksal lenkenden und Lohn und Strafe zuerteilenden Gott mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zu bekennen. Das ist die monotheistische Religion und nicht nur monotheistische Philosophie, eine Religion des Volkes und nicht Weltanschauung einiger Auserlesenen. Die Babylonier waren und blieben Götzendiener, Israel das Volk Gottes. Das ist das ureigenste Besitztum Israels, seine nicht abzuleugnende welt- und kulturhistorische Bedeutung. Zugegeben, daß die Babylonier auch mehrere weise Gesetze hatten, was übrigens gar nicht zu beweisen nötig, weil es bei jedem Volke selbstverständlich ist, haben sie das in allen Einzelheiten und in seiner Gesamtheit so wunderbare Gesetz Mosis, haben die Babylonier ein Psalmenbuch, haben sie die prophetischen Reden? A.: Wie steht es aber mit der Göttlichkeit unserer Bibel, mit der Offenbarung? B: Sie wissen, daß der Begriff Offenbarung ein weiter, sozusagen ein uferloser ist. Der Begriff hat Raum für die weitgehendste Ansicht, auch für die, daß das Edelste und Moralischste, das Höchste und Erhabenste, was Völker gedacht haben, in die Offenbarung ausgenommen wurde. Die Offenbarung ist dann die Verkündigung des Vollkommensten, die die Lücken ergänzt, die Schlacken ausgeschieden hat. Wie die Verkündigung stattfand? Mag sich jeder darüber seine Ansicht bilden, der Vorurteilslose wird jedoch immer anerkennen, daß die Bibel den Maßstab für jede Moral bildet. Erscheint ein moderner Gedanke, so ist sein Ausgangspunkt entweder in der Bibel zu finden, oder er ist für die Moral wertlos, und die Bibel ist schon einige tausend Jahre alt,

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