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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 65

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 65 (sequence 7)
Language
German
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65 geworden ist! Man mißverstehe uns nicht, wir haben gar nichts gegen den gewiß sehr ehrenwerten Charakter vieler unserer Rabbiner, es sind Männer von Wissen und Geist, von Herz und Gemüt, Männer, die oft in minutiöser Weise jede Zeremonie unserer Codices ausüben, zur rechten Zeit auch das rechte Wort finden, aber wie schwach sind sie, wenn es gilt, die großen Gegner zu bekämpfen, wie nachgebend den Großen in Israel gegenüber, und wie wenig beschäftigen sie sich mit der Jugend! Nochmals, ein minimaler Religionsunterricht tut es in unserer Zeit nicht, der geistig überlegene Rabbiner wirke vielmehr auf das Haus ein und wende die ganze Aufmerksamkeit der Jugend zu. Und das Resultat? Probepredigten sind das wenigst wirksame Mittel, um tüchtige Rabbiner zu gewinnen. Man suche vielmehr den Mann in seinem Tun und Wirken zu erkennen. Hat man den Mann der Tat gefunden, dann wähle man ihn, und sei auch sein Organ weniger melodramatisch und seine Bibelauslegung weniger geistreich, und wisse er auch nicht immer, was Abaje sagt oder Rabba, was der Ris lehrt oder der gewaltige Rosch. I«ni. ZUM Jubiläum des Baron Sora; Günzburg. Von M. Beßmertny. enn man das soziale und geistige Leben der russischen Juden in den letzten vier Dezennien gründlich betrachtet, wird man immer wieder aus die Person eines Mannes geführt, der den Angelpunkt bildet für viele Lebensumstände und für den Bildungsgang unserer östlichen Glaubensgenossen. Diese Persönlichkeit ist Baron Horaz Günzburg, der am 8. Februar (26. Januar russischen Stils) 1903 sein siebzigstes Lebensjahr vollendet und zugleich an diesem Tage das vierzigjährige Jubiläum seiner öffentlichen Tätigkeit im Dienste der jüdischen Aufklärung feiert. Im Kiew'schen Gouvernement, im Städtchen Swenigorok erblickte Horaz Günzburg 1833 das Licht der Welt. Das Studium des Hebräischen und der modernen Sprachen füllte zumeist seine Jugendjahre aus. Er hatte das Vorbild eines energischen Vaters vor sich, der als sslk mack-- man im weiten Sinne des Wortes mit der treibenden Kraft eines starken Willens und einer bedeutenden Intelligenz sich auf eine hohe soziale Stufe emporgeschwungen hatte. Als die Familie Günzburg nach mehrjährigem Aufenthalt in Kamenez-Podolsk Mitte der sechziger Jahre nach St, Petersburg übersiedelte, nahm Josef Günzburg, der Vater des Barons, bereits eine leitende Stelle in der Handelswelt ein, und der Name Günzburg stand an der Spitze aller großen merkantilen und .finanziellen Operationen. Auch alle Werke der Wohltätigkeit fanden im Hause Günzburg ein warmes Herz und eine offene Hand. Im Jahre 1868 wurde Horaz Günzburg, der schon jung dem väterlichen Geschäft sich gewidmet hatte, zum Konsul von Hessen-Darmstadt ernannt und 1871 verlieh ihm der Großherzog den Titel eines Barons, der von der russischen Regierung genehmigt wurde. Es ist erstaunlich, welch eine vielseitige Tätigkeit Baron Günzburg seit dem Jahre 1863 auf handelsfinanziellem, industriellem und humanitärem Gebiete entfaltete. Wir könnten eine ganze Spalte mit den Namen der Institute füllen, die Baron Günzburg ihren Gründer und ihren Vorsitzenden nennen, und mit Aufzählung der Orden und Auszeichnungen, die ihm für seine, das Volkswohl fördernden Werke zu teil geworden sind. Hervorgehoben soll nur werden, daß er 1880 auf Anregung des russischen Finanzministers für seine Verdienste um Rußlands Handel und Industrie zum Kommerzienrat, 1884 zum wirklichen Staatsrat und 1888 zum Mitglieds deS Departementsrates für Handel und Manufaktur ernannt wurde. Auch wurde er verschiedentlich als gewähltes Mitglied in Kommissionen zur Mitarbeit an handelsgesetzlichen Reformen herangezogen. Die Fülle mannigfaltiger Geschäfte erschöpfte jedoch das Leben von Horaz Günzburg nicht, durch das sich wie ein roter Faden die große Idee zieht: die gedrückte Lage seiner russischen Glaubensgenossen zu heben, sie ökonomisch, moralisch und geistig aufzurichten und ihr Selbstbewußtsein zu stärken. Mit beispielloser Opferfreudigkeit überwand er stets alle Schwierigkeiten, alle noch so unangenehmen, kränkenden und aufreibenden Begleiterscheinungen des Kampfes, um beständig am Platze für das Judentum, mir allezeit der Vormund und Fürsprecher seines Volkes zu sein. Im Jahre 1870, als die Jüdische Frage auf die Tagesordnung des Ministeriums des Innern gesetzt wurde, stellte er den Experten in dieser Kommission dar. Nachdem im Jahre 1882 die obrigkeitliche Genehmigung zur Tagung eines Jüdischen Kongresses in Petersburg erwirkt wurde, wählten die Vertreter aller jüdisch-russischen Gemeinden Baron Günzburg zum Präsidenten desselben. Bei den wichtigen Verhandlungen über die jüdischen Interessen in der kaiserlichen Kommission unter Graf Pahlen 1887 wurde Baron Günzburg ebenfalls zur Teilnahme eingeladen. Wie ein Schutzgeist seines Stammes stand er immer auf der Warte, seinen Einfluß bei den Behörden zu Gunsten der Juden geltend zu machen. Mit unentwegter Beharrlichkeit verfolgte er nach dieser Richtung hin seine Ziele und setzte alle Hebel in Bewegung, um sie zu erreichen. Es kursieren sogar Anekdoten, daß ein russischer Minister gesagt haben soll, er werde den Juden Freiheiten erwirken müssen, um die Attacken eines angesehenen Bittstellers von sich abzuwenden. Unter diesem Bittsteller ist aber seit Jahrzehnten nur Baron Günzburg allein denkbar. In seinem impulsiven Geinüte fand die politische und wirtschaftliche Drangsal, die Not der studierenden Jugend und jedes große wie auch kleine Unglück im Judentum ein lautes Echo. Sehr schätzenswert war vrln jeher sein maßvolles Vorgehen bei der Erfüllung seiner sozialen Pflichten in einer Form, die stets eine Wirkung versprach, ohne sozialpolitische Theorien aufzurolleu. Ohne Aufsehen und viel Aufhebens zu machen, fördert er als Vorstandsmitglied die „Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden", ferner in gleicher Eigenschaft die „Jüdische Kolonisationsgesellschaft" „I. 6. die „Gesellschaft zur Beschaffung hygienischer Wohnungen in der jüdischen Bevölkerung", das „Landwirtschaftliche Komitee der jüdischen Farmen im Minsker Gouvernement" rc. In dem weiten Kreise der Judenheit ist Baron Günzburg stets der Gebende und Segenspendende seit fast einem halben Jahrhundert. Doch wie reich seine Spenden auch für die private Wohltätigkeit, für Stiftungen, wie beispielsweise für den Bau der monumentalen Synagoge in Petersburg und für das Gebäude der jüdischen

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