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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 64 (sequence 6)
Language
German
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64 Brief ans Oesterreich. Im Januar 1903. eit einer Reihe von Wochen bietet die Haupt- und Nesidenzgemeinde Wien das Schauspiel eines gewaltigen Nabbinerturniers dar. Wie einst zur Zeit des alten seligen Burgtheaters in dieses Schauspielhaus, drängt sich die Menge jetzt zum Einlass in den Leopoldstädter Tempel jeden Freitag Abend, »m der Redeschlacht hier beizuwohnen. Es wird philosophisch, national, gelehrt und ungelehrt, es wird sür die werten Vorstände und für die viel umschmeichelte Volksmenge gesprochen. Der eine hat die offiziellen Blätter, der andere die nationalen Zeitungen für sich. Der eine faßt die Religion orthodox, der andere im Sinne der Reform ans Jeder aber möchte Rabbiner in Wien iverden. Der greise Rabbi der Leopoldstadt hat freilich erklärt, er bedürfe trotz seiner 80 Jahre keiner Hülfskraft — aber die Gemeinde ist eben anderer Meinung. Der Oberrabbiner in der Seitenstättengasse braucht eine Hülfskraft, einen Vikar, denn die Agenden des Rabbiners werden von Tag zu Tag zahlreicher. Wien hat heute 160 000 Juden, — unberufen — eine stattliche Zahl. In dem Bezirk Fünfhaus ist das Rabbinat verwaist, denn der dortige Rabbiner verstarb im verflossenen Sommer. Eine vierte Kraft soll zur freien Disposition der Gemeinde angestellt werden. Wie man also sieht, ist der Ruf oder „Schrei" nach Rabbinern ein wohlberechtigter, das Bedürfnis ein tiefempfundenes. Und doch, von allen den Männern, die bis jetzt auf der Kanzel „aufgetreten" sind, hat keiner, wie man hört, wirklich „durchgeschlagen". Es mögen sich ja unter den Rednern solche finden, die ein schönes, wohlklingendes Organ besitzen, bekanntlich ein bedeutendes Erfordernis in unserer durch theatralische Effekte und äußere Mittelchen so verwöhnten Zeit; es sind auch unter ihnen solche, die talmudisches, hebräisches Wissen besitzen; solche, die sich ihrer universellen Kenntnisse rühmen können. Und doch, viele Berufene und nur wenige, sehr wenige Auserwählte. Wo mag dafür der tiefere Grund liegen? Es ist kein Zweifel, die Anforderungen, die heute unsere Gemeinden, und selbst die kleinsten, an den Rabbiner stellen, sind große. Und wie groß sind sie in einer Gemeinde von der Bedeutung Wiens! Wie zusammengewürfelt aus allen vier Enden Oesterreichs ist doch die Judenschaft dieser Großgemeinde! Hier findet man den äußersten rechten Flügel des Judentums neben dem äußersten linken: Chassidim in der Schiffgasse und Neureformierte im Tempel zu Mariahilf, auf demselben Boden. Sollten sich nun unter den zur Probepredigt Berufenen wirklich keine Männer finden, die den an sie gestellten Anforderungen Nachkommen könnten? Wir bezweifeln dies und wollen es, zur Ehre der Rabbiner sei es gesagt, nicht annehmen. Warum aber wird die Wahl des Rabbiners dennoch so schwer? Da müssen wohl die Ursachen tiefere sein. Und wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir als solche folgende anführen: Man ist sich heute dessen bewußt geworden, daß, selbst wenn der gewaltigste Redner gefunden würde, man damit noch immer nicht denjenigen besitzen muß, der das Judentum repräsentieren könnte. Man fühlt es, heute soll der Rabbiner mehr sein, als der glänzende Redner, der ja doch nur im ästhetischen Sinne wirkt. Was nützt es, wenn selbst die glänzendsten Raketen des Kanzelseuerwerks über die bewundernde Zuhörerschaft dahinschwirren, und man hat nicht die Gewähr, daß der Redner auch ein Mann der belebenden Tat ist? Man hat es endlich erkannt, der Rabbiner soll nicht nur dazu da sein, um an Festtagen und Sabbaten „geistreiche" Bibelauslegungen darzubieten, um bei Trauungen die Vorzüge der sehr geehrten Sippschaften hervorzuheben, um über Verstorbene nicht immer sehr wahrheitsgemäße „lamlationes" hören zu lassen, er soll vielmehr der Vertreter, der Annehmer für das vielverlästerte Judentum sein. Und dessen bedürfen wir in dieser wahrhaft schweren Zeit. Gewaltig, schier unbesiegbar sind die Kämpen, die gegen uns ins Feld rücken. Diese besiegt man mit schöneil Reden nicht. Da gilt es, alle Waffen, die das Arsenal des Judentums darbietet, ins Feld zu führen. Eine andere Ursache dafür, daß es schwer wird, geeignete Rabbiner zu finden, glauben wir darin zu sehen, weil viele von ihnen noch immer nicht mit dem Fühlung genommen, was sür unsere Gegenwart und Zukunft das wichtigste ist: wir meine», unsere Jugend. Das ist ein Thema, welches des gründlichsten Studiums bedarf. Wenn wir nicht frühzeitig, solange es nicht zu spät wird, für unsere Jugend sorgen werden, dann geht sie uns, wir sprechen aus vieljähriger Erfahrung und sehen nicht zu schwarz, ganz verloren. Nur bei den wenigsten unter unseren jungen Leuten ist heute wirkliches Gefühl für unsere Religion zu finden. Das religiöse Gefühl, das Interesse für die Religion ist im allgemeinen im Absterben begriffen, im Judentum aber, und insonderheit bei unserer Jugend, fast dem Tode nahe. Was tun wir, um diese tieftraurige Erscheinung zu verhindern? Wie steht es mit der religiösen Erziehung im Hause? Glaubt man. diese durch den zweistündigen wöchentlicheil Religionsunterricht ersetzen zu können? Und selbst wenn dieser ein gründlicher ist, wird nicht zu Hanse oft alles eingerissen, was der Lehrer mit heißem Bemühen aufgebaut zu haben glaubt? Ersetzt etwa die radikale, nationalistische Bewegung, in welche sich einige unserer grünen Jünglinge gefallen, die religiöse Erziehung? Das sind brennende Fragen, die sich uns aufdrängen, und es gibt der Fragen noch so viele, daß sie uns schier zu erdrücken drohen. Der noch so weit getriebene Nationalismus, welcher sogar eine offizielle Airerkennung der Nationalsprache verlangt, kann rvohl ein geistiges Ghetto rings um uns errichten, das Judentum erhalten und wieder aufrichten wird er nicht, denn jüdische Nation, das ist jüdische Religion, nichts mehr und nichts weniger. Erkennt man nun, welche vitale Forderung in einer Großgemeinde, rvie es Wien ist, an den Rabbiner herantritt? Er soll auf die Eltern und durch die Eltern auf die Kinder wirken. Er soll die traurige Erscheinung verhindern, daß die Väter sich an die Spitze der Judenschaft stellen, um, ans deren Schultern stehend, Ehren und Würden und Aemter einzuheimsen, während die Kinder offen vom Judentum abfallen oder dieses schmähen und verlästern. Der Rabbiner soll seine Gemeinde bei den Mächtigen vertreten, er soll abwehren und verteidigen, er soll der geistige Führer der Gemeinschaft sein, aufrichten und trösten, kämpfen und lehren, er soll aber sein besonderes Augenmerk der Jugend zuwenden, öfter vor sie hintreten, ihr die Wahrheiten des Judentums verkündigen und insbesondere den richtigen Geist in der Schule und im Hause pflegen. Eine Riesenaufgabe in der Tat!j Wir österreichischen Juden sind uns aber dessen leider bewußt geworden, wie wenig unsere weltlichen und geistlichen Vertreter dieser Riesenaufgabe gewachsen sind, was Wunder, wenn man bei der Wahl eines Rabbiners so vorsichtig

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