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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 63 (sequence 5)
Language
German
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63 „Vor einigen Monaten stand in jüdischen Zeitungen ein Bericht über den Empfang einer jüdischen Abordnung durch den griechischkatholischen Metropoliten Grafen Szczeptycki in Lemberg. Als nämlich die Juden in Burßtyn von dem bevorstehenden Eintreffen des Metropoliten erfuhren, beeilten sie sich, ihm ein Zeichen ihrer Ergebenheit zu liefern und sandten dem Erzbischof eine Deputation ihrer angesehensten Gemeindemitglieder mit einer Thora entgegen. Seine Eminenz der Erzbischof hielt eine huldvolle hebräische Ansprache an sie, worin er sie seines Wohlwollens und seiner Geneigtheit versicherte. Ein freudiges Gefühl beschlich jeden bei der Lektüre dieser Nachricht, wie heilsamer Balsam stoffen die Worte Seiner Eminenz ans das wunde Herz jedes Juden. In einer Zeit, wo der Antisemitismus Trumpf ist, mußte es um so angenehmer berühren, Worte christlicher Nächsten- und Menschenliebe aus so berufenem Munde zu hören. Aber schönes Sprechen ist noch nicht schönes Handeln, und so sehen wir auch bei diesen! Kirchenfürsten seine Taten und seine Worte kontrastieren. Seine Eminenz der Erzbischof scheint äo zur« gesprochen zu haben, de Ineto handelt er aus einem Gesichtspunkte, der nichts weniger als human ist. In seinem ausgedehnten Erzbistum werden die Juden förmlich ausgetrieben, man verweigert ihnen Land zu verpachten, wo sie seit Menschengedenken ansässig sind. Obwohl Heuer nordische Kälte herrscht, werden viele arme jüdische Familien delogiert und obdachlos gemacht. Es ist wirklich herzzerreißend, zu sehen, wie diese armen Wesen jetzt rat- und hilflos dastehen, da in diesen Orten keine Lokale mehr für sie zu haben sind. So sägt man den galizischen Juden allmählich die Aeste ab, worauf sie sitzen, und sie werden ins elendeste Proletariat gestoßen. Hoffentlich genügen diese Details, um die Befähigung des Erzbischofs für das Schiedsrichteramt in einer Frage, die übrigens für keinen Gebildeten je eine Frage gewesen ist, vollauf uachzuweisen. In der französischen Kammer hat der bekannte Deputierte Jules Roche mit anderen gemäßigten Deputierten einen Antrag auf Abänderung der Verfassung eingebracht. Danach soll kein gegen die Erklärung der Menschenrechte verstoßendes Gesetz eingebracht werden dürfen. Wenn dieser Antrag Gesetzeskraft erlangt, würde nie mehr ein antisemitischer Antrag in irgend einer Form eingebracht werden können. Man darf darauf gespannt sein, ob die Kammer auf den Vorschlag Jnles Roche's eiugeht. 4 Die Errichtung eines jüdischen Auswanderungsbureaus dürfte binnen kurzem zur Verwirklichung gelangen. Seit Jahren fordern einsichtsvolle Männer im Judentum die Schaffung einer Organisation zum Schutz der jüdischen Auswanderer, welche alljährlich in der Stärke von 100 000 Seelen ihre östliche Heimat verlassen, um in fernen Ländern ein neues Asyl zu suchen. Auf dein weiten Weg von dem Heimatstädtchen bis zum Bestimmungsorte sind diese unsere armen Brüder und Schwestern den schlimmsten Unbilden preisgegeben. Sie werden von den verschiedensten Behörden malträtiert und von gewissenlosen Agenten und sonstigen berufsmäßigen Betrügern oft um ihren letzten Groschen betrogen. Viele werden noch in der zwölften Stunde in ihrer letzten Hoffnung getäuscht, indem sie am Ziele ihrer Sehnsucht von den Behörden am Landen gehindert werden. Alle diese schweren Uebel ließen sich durch Errichtung eines Auswanderungsbureaus, das an allen Ausnnd Einwanderungsplätzen geeignete Filialen hätte, leicht beseitigen, und wir können zu unserer großen Genugtuung nur nitteilen, das der erste Schritt zur Gründung eines solchen Bureaus bereits im Gange ist. Wie Mr. M. L. Cohen in der Sitzung des Londoner Board of Deputies vom 25. Januar Mitteilen konnte, wird in den nächsten Wochen schon in London ein „Jnformationsbureau für jüdische Auswanderer" eröffnet werden. Dasselbe wird hauptsächlich über England und dessen Kolonien Auskunft erteilen und die Auswanderer über die Plätze unterrichten, wo bereits jüdische Gemeinden bestehen oder in denen Nachfrage nach bestimmten Kategorien von Arbeitern und Handwerkern vorhanden ist. Es ist das noch nicht sehr viel, aber der Anfang ist gemacht, und wir zweifeln nicht, daß die neue Institution sich mit der Zeit zu dem so sehr dringend notwendigen Nuswauderungsbnreau answachsen wird. r Auch die Amerikaner bereiten sich vor, gleich ihren englischen Vettern, mit der von den Vätern überlieferten Tradition zu brechen und den Fremden die bisher weit geöffneten Tore des gastlichen Amerika zu verschließen. Offenbar hat der Mohr bereits einen großen Teil seiner Arbeit getan nnd kann nunmehr zu Hanse bleiben. Das neue Einwandernugsgesetz, das von der Repräsentantenkammer zu Washington angenommen wurde, ist, mit einer Approbation Roosevelts versehen, dem Senat zugegaugen, und mächtige Einflüsse sind an der Arbeit, dies Gesetz durch die letzte Instanz zu drücken. Nebst den Einwandernngsbeamten, die begreiflicherweise eine Erweiterung ihrer Machtbefugnisse anstreben, wirst die in Amerika machtvolle „Labour Union" ihren ganzen Einfluß zu gunsten des neuen Gesetzes in die Wagschale. Der bisherige Generalkommissär für Einwanderungswesen, Powderly, hat im Senat gefordert, daß die Einwanderung zu Land über Kanada und Mexiko einer strengeren Kontrolle unterstellt, und daß auch die Kajütenpassagiere, welche bis jetzt ungehindert amerikanischen Boden betreten dürfen, dem Einwanderungsgesetz unterworfen werden. Andererseits fordert die Arbeiterunion, daß man die Einwanderung fremder Arbeiter möglichst beschränke, wenig,lens aber, daß die Analphabeten am Landen verhindert werden. Demnach enthält das neues Gesetz den wichtigen Passus, daß alle Einwanderer die Sprache ihrer Heimat lesen und schreiben können müssen. Es würde dadurch möglich sein, 24 Prozent aller erwachsenen Immigranten nebst ihren Familien zurückznweisen. Die Maßregel richtet sich in erster Reihe gegen die Italiener, welche nahezu 5 Prozent Analphabeten aufweisen. In zweiter Reihe würden die Polen hart betroffen werden, die in den letzten drei Jahren unter 143 000 Immigranten im Alter von über 14 Jahren nichlweniger als 52000Analphabeten hatten. Dicht hinter den Polen kommen die mit diesen aus denselben Ländern einwandernden und unter den gleichen Politischen und ökonomische» Verhältnissen lebenden Juden. Dieselben haben in den letzten drei Jahren 176 340 Auswanderer an die Vereinigten Staaten abgegeben, von denen 153 405 im Alter von über 14 Jahren waren. Von diesen waren aber 35 260 „Jlliteraey", die, wenn das neue Gesetz bereits iu Geltung wäre, mit ihren 10 784 unmündigen Kindern am Landen verhindert worden wären. Daß die Juden des Ostens, welche seit Jahrhunderten in Gestalt des Cheders die allgemeine Schulpflicht besitzen, dennoch 25 Prozent Analphabeten haben, rührt bloß daher daß die amerikanischen Hafenbeainten die hebräische Sprache, geschweige denn das Jargon nicht für voll ansehen. Es wäre eine Aufgabe für unsere amerikanischen Glaubensgenossen, wenigstens den Versuch eines Ausgleichs machen.

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