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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 62 (sequence 4)
Language
German
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62 bewahren: er hat ausschließlich die Wünsche jeder einzelnen Gemeinde zu berücksichtigen und ist nicht berufen, alle Gemeinden einseitig zu beeinflussen, gleichviel ob er orthodoxen oder liberalen Anschauungen huldigt. Den größten Nutzen aber gewinnen die Schulen von der Einrichtung eines Verbandsrabbiners. So wie das Gesamtbild der Schulen eines Kreises nur dann gewonnen wird, wenn ein Kreisschulinspektor sämtliche Schulen des Kreises beaufsichtigt, um die auf eigener Anschauung erhaltenen Ergebnisse vergleichen zu können, so wird nur der Verbandsrabbiner durch Inspektion aller Schulen der Verbandsgemeinden in der Lage sein, ein treffendes Urteil zu fällen. Er ist aber auch eher imstande, den gesamten Unterricht — trotz der Mannigfaltigkeit der durch die Größe der Schulen bedingten Pläne — in den Grnndzügen einheitlich zu gestalten, hier zu bessern, dort einzuschränken, aber auch durch das Hospitieren in den vielen Schulen sich ein gutes Maß von Methodik anzueignen. Nicht zu unterschätzen ist endlich der Umstand, daß der Lehrer einem angestellten Rabbiner gegenübersteht. Wenn er weiß, daß er nicht der religiösen und persönlichen Willkür preisgegeben, daß es noch eine höhere Instanz, den Verband gibt, der im Bedürfnisfalle anaerufen werden kann, dann dürfte — die äußeren und inneren Verhältnisse ins Auge gefaßt — Harmonie zwischen Schule und Rabbiner und Schule und Haus und Rabbiner und Haus entstehen. So wird der Verband srabbiner die einzelnen Gemeinden zum Seger: für das Judentum verbinden. Me Woche. Berlin, 3. Februar. ^M^n der Neichstagssitzung vom 30. v. M. hat der Abgeordnete Fürst Radziwill bei der Besprechung der Polen-Interpellation einige Bemerkungen gemacht, die von Interesse sind. Er sagte nämlich: „An die jüdische Gemeinde in Berlin ist vom Provinzalkollegium auf das Ersuchen, in den Volksschulen hebräischen Unterricht geben zu lassen, ein Erlaß ergangen, worin es heißt, es könnte zwar nicht von amtswegen der hebräische Unterricht eingeführt werden, aber es bliebe der Gemeinde überlassen, solche Kurse einzurichten. Ich bin weit entfernt, der jüdischen Bevölkerung ihre Rechte verkümmern zu wollen. Ich bin kein Antisemit; auch kein Titelchen ihrer Rechte soll unsern jüdischen Mitbürgern geraubt werden. Aber was ihnen recht, muß auch der polnischen Bevölkerung, die nicht eingewandert ist, sondern über ein Jahrtausend auf ihren alten Sitzen wohnt, billig sein. Aber was man der jüdischen Religionsgemeinschaft gewährt, das wird den katholischen Erzdiözesen Posen und Gnesen systematisch von der preußischen Unterrichtsverwaltung verweigert." Wir haben nie geglaubt, daß ein Fürst Radziwill mit den Antisemiten gemeinsame Sache machen könnte. Insofern freuen wir uns dieser Erklärung, wenn auch der daran sich schließende Vergleich sehr stark hinkt, denn erstens hat die jüdische Gemeinde ja nicht Erteilung des Religionsunterrichts in hebräischer Sprache verlangt, wie dies die Polen tun, und zweitens hat selbst der verbissenste Antisemit bis jetzt nicht nachzuweisen versucht, daß die Erteilung des Unterrichts im Hebräischen in der Volksschule staatsgefährlich sein könne, was vorn polnischen Unterricht allerdings behauptet wird. Schorr jetzt treibt dieWahlbe w egnn g wunderliche Blasen. Konservative, Agrarier und Antisemiten befehden sich und suchen sich Wahlkreise abzunehmen, wo sie nur können. Dabei geht es natürlich oft nicht ohne ergötzliche Plänkeleien ab. So sind in einer Wähler-Versammlung im Wahlkreise Pyritz-Saatzig Konservative und Antisemiten scharf aneinander geraten. In der „Deutschen Tageszeitung" liest man darüber: „Pastor Krösell ergriff das Wort zu einer längeren Rede, in der er zwar wiederholt versicherte, er sei bis in die Knochen konservativ, aber trotzdem gegen die Konservativen sehr aggressiv vorging. Er verlangte schließlich, als konservativerKandidat aufgestelltzu werden, und erzählte u. a., daß er noch mit neun Juden wegen Beleidigung im Prozesse stehe. Abgeordneter Freiherr v. Wangenheim wies die Beschuldigungen gegen die konservative Partei ruhig und maßvoll zurück und machte den Herrn Pastor Krösell darauf aufmerksam, daß die Art seines Auftretens ihn kaum geeignet erscheinen lasse, als konservativer Kandidat aufgestellt zu werden." Ja, die konservative „Pommersche Reichspost" erklärt sogar, man sei bei den Aeußerungen Krösells lebhaft an die Hetzreden der sozialdemokratischen Agitatoren erinnert worden und muß „leider" konstatieren, daß ein Teil eines seit Jahren sicher konservativen Wahlkreises durch ein agitatorisches Vorgehen der aufreizendsten Art in kurzer Zeit zum völligen Gegensatz des kleineren zum größeren Besitz gebracht werden könne, der sich schwer beseitigen lassen werde. Wie überall in den bündlerischen Gerbereien werden auch in Pyritz-Saatzig die Wahlfelle der Antisemiten davonschwimmen. Die Agrarier sehen die Antisemiten in den liberalen Wahlkreisen gern an der Arbeit, in den konservativen Weinbergen aber kann man sie nicht gebrauchen, und wenn ihr Kandidat auch mit neun mal neun Judenprozessen aufwarten wollte. 4 In der „Deutschen Warte", einem Blatte, dessen Objektivität zum mindesten den Juden gegenüber sehr fragwürdig erscheint, macht jemand den folgenden kuriosen Vorschlag: „Die Gerichtsverhandlung in Berlin am 11. November vorigen Jahres hat den Ritualmord nur gestreift, wie dies aus den Zeitungsberichten ersichtlich ist. Aber die Wahrheit über den jüdischen Ritualmord muß endlich zum vollständigen Austrag kommeu. Es sei deshalb hiermit öffentlich die ergebene, auch Privatim folgende Bitte um gütige Beteiligung gerichtet an: 1. den katholischen Kanonikus Professor Dr. Rohling in Prag. 2. den protestantischen Professor der Theologie Dr. Strack in Berlin, ihre begründeten Ansichten über den „jüdischen Ritualmord" schriftlich oder gedruckt einsenden zu wollen an 3. den Herrn Erzbischof Gra fen Szczepthcki in Lemberg, der hebräisch spricht und schreibt und eine anerkannte Autorität in dieser Sprache und Literatur ist. Dieser Herr wird dann gebeten, über die beiden Nachweise seine Urteile abzugeben und diese mit den beiden Nachweisen an das Seminar für orientalische Sprachen in Berlin, als unbeteiligtes amtliches Institut, zur gefälligen Verwertung gütigst zu senden. — Wie der mittelalterliche Aberglaube an Hexen unter Gebildeten ausgerottet werde, so ist es auch für den Glauben an jüdischen Ritualmord zu wünschen. Wenn er als erdichtet nachgewieseu ist, so sollten Belehrungen seitens der Herren Lehrer und Geistlichen aller Konfessionen weiterverbreitend helfen, damit das leicht zu erregende Volk nicht mehr durch diesen Aberglauben fanatisiert wird und Gerüchte entstehen wie in Xanten und Könitz, und daraufhin sogar Meineide geschworen werden. Derartige Exzesse müssen endlich aufhören, damit Friede und Eintracht unter Bürgern verschiedener Religionen herrsche." ' Der Urheber des Vorschlags scheint allerdings nicht gewußt zu haben, daß Graf Szczepthcki griechisch-katholischer Metropolit ist. Ueber diesen Würdenträger der Kirche bringt nun aber ein galizisches Blatt folgende charakteristische Mitteilungen: 4.

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