Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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67. Jahrgang- Nr- 5. Kertin. ^«nnar 1903 Vertage zur „Aktgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 27. Januar. Der Rabbinerverband in Deutschland hat an alle Gemeinden, die bisher noch keinen Beitrag zum Garantiefonds seiner Pensionskasse geleistet haben, das nachfolgende Schreiben gerichtet: „Berlin, im Januar 1903. Schon vor mehr denn Jahresfrist hat der Rabbinerverband in Deutschland in einem Aufrufe an die Glaubensgenossen auf die dringende Pflicht hingewiesen, eine Pensions- und Relikt enkasse für die Rabbiner zu begründen. Es wurde darin hervorgehoben, daß diese Gründung in erster Reihe im Interesse der mittleren und kleinen Gemeinden geboten ist, welche mit ihrer Steuerkraft allein die Kosten für die Erhaltung der Familie des in Ruhestand getretenen oder verstorbenen Rabbiners und für die Anstellung seines Nachfolgers nicht ausbringen können. Es wurde aber auch mit Recht behauptet, daß diese Gründung ein Erfordernis der Gesamtheit sei, weil durch sie die Würde und die Unabhängigkeit des Rabbinerstandes bedingt werden, der seine idealen Ausgaben nicht erfüllen kann, wenn er nicht von den drückenden Sorgen um die materielle Existenz befreit ist. In dieser Erkenntnis wird seit nunmehr zwei Jahren in den Gemeinden gesammelt, um vor allem einen G arantiefon d auszubringen, aus dessen Zinsen, verstärkt durch die jährlichen Beiträge der Rabbiner und Gemeinden, die erforderliche Summen für den Lebensunterhalt der emeritierten Rabbiner und deren Witwen und Waisen gezahlt werden können. Schon ist durch diese Sammlungen eine Summe von 225 000 Mark aufgebracht, und es ist die gegründete Aussicht vorhanden, daß die von versicherungstechnischer Seite als notwendig erachtete Höhe des Garantiefonds alsbald erreicht werden wird. Auch das Statut für die Kasse ist bereits durch vielfache Beratungen hindurchgegangen und wird seine endgültige Erledigung demnächst finden, so daß das Werk als gesichert erscheint, welches durch seine Organisation die Einheit der deutschen Gemeinden in hervorragender Weise zu fördern geeignet ist. Denn die Gemeinden, welche den Garantiefond aufgebracht haben, sind und bleiben unter allen Umständen die Eigentümer der Kasse; sie entsenden bei einem Beitrag von 3000 Mark einen Delegierten in den Aufsichtsrat und für je fernere 5000 Mark noch einen, bis zu fünf Delegierten, und sie üben in solcher Weise durch ihre Großgemeinden einen bestimmenden Einfluß auf die Verwaltung der Kasse. Darum beehren wir uns, auch an Ihre verehrliche Gemeinde mit der ergebenen Bitte heranzutreten, zum Garantiefond unserer Pensions- und Neliktenkasse entweder durch Sammlung bei den wohlhabenden Mitgliedern Ihrer Gemeinde, zu der sich Ihr Herr Rabbiner wohl gern wird bereit finden lassen, oder durch Bewilligung aus der Gemeindekasse einen einmaligen Beitrag gewähren zu wollen, welcher dem Ansehen und der Leistungsfähigkeit Ihrer verehrlichen Gemeinde entspricht. Wir geben uns der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß Sie nicht anstehen werden, zur Begründung eines Werkes beizutragen, welches für die Ehre unserer Religion und für die Kräftigung des jüdischen Gemeindelebens von weittragender Bedeutung ist. Der geschäftsführende Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland." -O- Berlin. 25. Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 22. d. M. Herr Rabbiner Dr, Ludwig Pick über: „Friedr. Nietzsche und das Judentum". Der Vortrag wurde durch eine poetisch fein empfundene treffende Charakteristik des Dichterphilosophen eingeleitet. Nach den entsprechenden biographischen Mitteilungen über Nietzsche führte der Redner dessen geistiges Schaffen nebst den Wandlungen in zwei großen Perioden vor und zog für jede derselben die Gedankenwelt des Judentums zum Vergleich heran. In der zweiten Periode, wo Nietzsche von seinen bisherigen Idealen Schopenhauer und Richard Wagner abfällt, bekämpft er auch deren Antisemitismus auf das Nachdrücklichste. In Anlehnung daran wurde dann in weiteren Folgen ausgeführt, wie Nietzsche-Zarathustra gar vieles am Menschengeschlecht faul, ekel uud widrig findet, und wie das nicht zu verwundern sei. wenn man sieht, wie Haß. Verleumdung, Bosheit und Tücke in allen Schichten, bei Gebildeten und Ungebildeten, ihre Orgien feiern. Es sei dann kein Wunder, wenn Nietzsche-Zarathustra die Gesellschaft und die Wohnungen der Menschen verläßt und draußen in den tiefsten Wäldern unter den Tieren seine Genossen sucht. In Nietzsche-Zarathustra hat sich ein mächtiger Explosivstoff der Empörung und Verachtung angesammelt. Dieser Explosivstoff hat zwar seinen Geist und seine Phantasie in die Luft gesprengt, denn er ist dem Wahnsinn verfallen, und als Niederschlag erschien der öde brutale Uebermensch. Aber wir lernen aus Fr. Nietzsche mehr als aus manchen andern Büchern, die in zahmer, aber nicht selten perfider Art geschrieben sind; die Welt kann von ihm lernen die gerechte Würdigung eines vielgeschmähten Volksstammes; wir lernen aus ihm, daß die Menschheit aus dem Zustand der Gehässigkeit und Verhetzung, der ihre geistige uud sittliche Entartung darstellt, über sich selbst hinaus muß zu einer moralischen Ueberart. Der höchst interessante Vortrag wurde von dem zahlreich versammelten Publikum mit lebhaftem Beifall ausgenommen. — Wie alljährlich so veranstaltet auch in diesem Winter der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" unentgeltliche Fortbildungskurse für der Schule entwachsene junge Leute auch in jüdischer Geschichte und Literatur. Dieselben finden an jedem Donnerstag von 8^2 bis 9^2 Uhr abends in der Jüdischen Lesehalle, Oranienburgerstraße 28 statt und werden von dem Dozenten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Herrn Dr. I. Elbogen, abgehalten. Derselbe liest in diesem Semester über „Die spanische Blüteperiode der jüdischen Literatur". Es ist dringend zu wünschen, daß die Mitglieder unserer Gemeinde ihre der Schule entwachsene Söhne und Töchter zum Besuch dieser unentgeltlichen Kurse veranlassen. Schriftliche Meldungen nimmt Herr Dr. Elbogen, 8VV. Jerusalemerstraße 11/12 entgegen. k". Berlin, 23. Januar. Der Verein jü bischer Lehrer der Provinz Brandenburg hielt seine zweite vorjährige Versammlung am 30. v. M. in Berlin in Dräsels Festsälen. Neue Friedrichstrabe 35, ab. Auf der Tagesordnung stand: 1. Referat des Herrn Dr. Kellermann: „Die Psalmen im Religionsunterricht." (Verbandsthema.j 2. Geschäftliche Mitteilungen. 3. Anträge. 4. Bestimmung über Ort und Zeit der nächsten Versammlung. Der Vorsitzende Dr. Fiegel eröffnete die Sitzung um 11'/-. Uhr und gab nach Begrüßung der Mitglieder und Gäste Herrn Dr. Kellermann das Wort zu seinem Referat. Derselbe führte etwa folgendes ans: Die Propheten haben entsprechend dem Begriff der Menschheit die Beherrschung des Universums durch den Geist wahrer Humanität und Gesittung gefördert. Der redliche Mensch sollte die Forderung des unendlichen Sittengesetzes erfüllen. Die Lösung dieses Problems wurde und wird ihm wenigstens zum Teil nur dadurch möglich, daß die Spekulation des kritischen Verstandes mit der Macht des Gefühles in ihm einen innigen Bund eingeht, wodurch die Kluft zwischen Sollen und Sein überbrückt wird. Durch die Erweckung des Unendlichkeitsgefühls, durch seine Beziehungell auf die Moral, durch diesen Aesthetisirungsprozeß fand die Moral in der Geschichte des Individuums und der Gesamtheit einen festen Grund. Im Psalter ist das Unendlichkeitsgefühl gleichsam kristallisiert und dem Menschenherzen nahe gebracht, sei es in Tönen der Freude über den Sieg des Gesetzes und der Frommen, sei es in wehmütig-schmerzlichen Klagen über den Niedergang des Höchsten und seiner Beschützer. Der Psalter muß in dieser Bedeutung für die ethische Erziehung der Menschheit auch in der Schule zu seinem Rechte kommen. Die Besprechung einzelner Psalmen hat möglichst früh zu erfolgen, zum mindesten in Sätzen, in denen Gottes Liebe dem kindlichen Herzen nahe gebracht werden. (Unterstufe.) Zum volleil Verständnis der Psalmen gehört unter anderem das Erfassen ihres geschichtlichen Hintergrundes. Doch ist prinzipiell die Art des Unterrichtes zu bekämpfen, die ohne Rücksicht auf die Ergebnisse der kritischen Forschung zur Ergänzung und Beleuchtung biblischer