Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 60 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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»o Als mir meine theure Freundin 1879 die Oppenheunschen Bilder aus dem jüdischen Familienleben sandte, schrieb sie: „Ich sende Dir diese Blätter, die mich stets entzückt, bezaubert, die mir friedliche, liebe Bilder hervorriefen, die meinem Geiste stets neue Anregung verschafften. Da sagte ich mir: wer ist wohl mehr berechtigt, die Besitzerin dieser bildlichen Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben zu werden, als eine Tochter des Volkes, dessen Poesie auf diesen Blättern gezeichnet ist? Und so überreiche ich Dir diese Blätter, daß sie Dich oft, oft erfreuen möchten und Du bei ihrem Anblick Deiner alten Freundin gedenkst!" Als ich im folgenden Jahre meinen einzigen heißgeliebten Bruder verlor, schrieb sie: „Ich glaube, daß Du und Deine Lieben, die Ihr fest haltet an dem Glauben an den einigen Gott, nur durch denselben getröstet werden könnet und getröstet werdet! Es ist etwas Rührendes um diesen Glauben, der sich still in die von Gott auferlegten Prüfungen findet, ohne zu grollen, ohne zu wanken. Da ist kein Zweifel, da ist keine Unzufriedenheit, still und ruhig erträgt der Gottesgläubige alles, weil es ihm nach seiner Ueberzeuguug gerecht erscheint! Ich kann Dir nur zurnfen: Halte Dich aufrecht, halte Dich fest in dieser schweren Zeit, meine junge Freundin! Sieh mit Deinen Hellen klaren Augen auf Deine trauernden Eltern und Angehörigen, gib ihnen einVorbildinDeinerSelbstbeherrschung, verdoppele Deine Liebe." Ueber Judentaufen hatte sie eine sehr strenge Auffassung. Sie schrieb darüber: „Ich habe den sehr nahen Verwandten meines Mannes die Tür gewiesen, denn sie waren in meinen Augen meineidige Kreaturen, denen ich meine volle Verachtung zeigen mußte. Sie hatten in der von Stöcker heranfbeschworenen Hudenhetze nicht den Mut, sich an die Thora zu halten und klammerten sich an das Kreuz! Wie habe ich geeifert und gezürnt, und nie kann ich die Schmach vergessen, die sie sich und ihrem Volke angetan haben. Denn meine Liebe, es ist unmöglich, daß ein gebildeter Jude aus Ueberzeugnng Christ wird! Es ist unmöglich, daß er sich seinen großen einigen Gott als Vater, Sohn und Geist zerteilt!" So dachte und fühlte und schrieb diese seltene Frau! Am 16. Januar 1900 ist sie nach kurzer schwerer Krankheit zum ewigen Frieden eingegangen, tiefbetrauert von ihrem 81jährigen Gatten, dem sie fast vierzig Jahre ein ideales Glück bereitet, dessen Trost und Stütze sie gewesen, tiefbetrauert von ihrem einzigen Sohne, von allen denen, die sie je gekannt und geliebt! Was mich veranlaßte, nun nach dem Heimgange meiner teuren Freundin diese Brieffragmente der Oefseutlichkeit zu übergeben? Vor wenigen Jahren hat unser hochverehrter Rabbiner Herr Dr. Guttmann diese Briefe gelesen, und die Rücksendung begleiteten folgende Worte: „Ich danke Ihnen, daß Sie mir einen Einblick in dieses edle, nach Wahrheit ringende, von reinster Menschenliebe beseelte Frauenherz gewährt haben. Wer so denkt und empfindet, ist wahrhaft fromm, mag die Schreibende selber sich auch nicht zu den Frommen zählen!" Wahrlich ein Ehrendiplom für die Schreiberin und Empfängerin dieser Briefe, welch letztere sich stolz und gehoben fühlt, der Freundschaft dieser wahrhaft großen Frau ein Menschenalter hindurch gewürdigt worden zu sein! Segen ihrem Andenken! Und wie es so schön in dem Schlüsse unserer Todtenfeier heißt: Druck und Verlag von Rudolf Molke in Berlin. „Wahrt auch dankbar im Gemiite Edler Menschen edles Bild. Fromme Tat treibt neue Blüte Neue Frucht ihr stets entquillt. Was Edle einst fromm vollführet, Zeigt euch, was den Menschen zieret" möchte ich. da meine literarische Wirksamkeit sich auf dem Grundsätze aufbaut, durch Vorführung edler Frauengestalten die jüngere Generation zur Nacheiferung anzufeuern, durch das Beispiel und Vorbild dieser Frau auch erzieherisch fördernd auf meine Mitschwestern wirken. Literarische Mitteilungen. Samson Raphael Hirsch: Gesammelte Schriften. 1. Band Frankfurt a. M. 1902. I. Kauffmann. — Samson Raphael Hirsch war ohne Zweifel eine der interessantesten Erscheinungen in dem historischen Prozeß, den das Judentum im vorigen Jahrhundert durchgemacht hat. Wie man sich auch zu dieser Persönlichkeit stellen mag, das eine muß jeder Unbefangene zugestehen, daß er ein geistreicher Mensch, ein trotz mancher Schrullen sehr begabter Schriftsteller, ja geradezu ein glänzender Polemiker und ein grundehrlicher Mann gewesen ist. Die Lebensarbeit einer solchen Individualität kennen zu lernen, ist sicher von großem Interesse. Aeltere Leute erinnern sich Wohl noch, mit welchem Eifer vor 50 Jahren die grauen Hefte des „Jeschurun" von Freund und Feind gelesen wurden. Es war deshalb ein guter Gedanke der Familie Hirsch, die zerstreuten und oft nur noch wenig zugänglichen Schriften ihres Vaters zu sammeln. Der vorliegende erste Band enthält die Betrachtungen zum jüdischen Kalenderjahr, in denen Hirsch seinerzeit das beste und reifste seiner Weltanschauung niedergelegt hat- Hier finden sich tiefsinnige Gedanken, geistreiche Ideen, schöne Erklärungen in Fülle. Dann kommen die „Vermischten Abhandlungen". Auch in diesen sind einzelne voll von Lichtblicken und von einer seltenen wissenschaftlichen Klarheit. Zwar die exegetischen Bemerkungen Hirschs leiden zumeist all einer gewissen Manier. Aber seine Einblicke und Anschauungen vom Judentum im allgemeinen zeugen von einer tiefen Denkerarbeit und von einer schwärmerischen Hingabe an die von ihm mit soviel Mut und Kraft vertretene Sache. Man hört ihm gern zu, auch selbst da, wo man ihm nicht folgen darf. Und man kommt zu der Erkenntnis, daß man sich eine Orthodoxie wohl gefallen lassen kann, die in so vornehmer und geistreicher Weise vertreten wird. Schade nur, daß Hirsch keine Nachfolger, ja nicht einmal Schüler im eigentlichen Sinne des Wortes gehabt hat. Die „Gesammelten Schriften", die sein Sohn, Justizrat Dr. N. Hirsch — der würdige Erbe seines Geistes — herausgibt, haben zunächst eine nach innen gewandte Tendenz für den Kreis derer, die mit Hirsch auf einem Boden religiöser Ueberzeugung stehen. Sie werden aber auch darüber hinaus in weiteren Kreisen aufmerksame Leser finden, die sich von dem geistreichen Schriftsteller gern belehren lassen, auch wenn sie nicht auf dem Boden jener eigenartigen und strengen religiösen Weltanschauung stehen, die wohl einem Manne oder auch einem kleinen Kreise aufrecht zu erhalten möglich ist, niemals aber einer großen Gesamtheit, die ihren vollen Anteil an der Kultur der Zeit und an dem Fortschritt der Geschichte gebieterisch verlangt. Sprerhsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! 6^er Einsender in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes hat ganz und gar übersehen, daß es sich einzig und allein um die Form Mephistopheles bei Goethe handelt, und ebenso, daß ich die Erklärung des Hexeneinmaleins nicht als unbedingte Wahrheit, sondern als Probe der Louvierschen Methode gegeben. Damit erledigt sich alles übrige. Ergebenst Dr. M. Grnnwald. Hamburg, 25. Januar. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.