Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 59 (sequence 13)
- Language
- German
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barkeit für alles, was sie mir von den reichen Schätzen ihres Geistes, ihres Gemütes, ihrer Erfahrung gab, wird nur mit meinem Leben erlöschen. Wir haben uns später nur noch sehr selten und sehr flüchtig wiedergesehen, aber ihre herrlichen Briefe wurden nicht nur für mich und mein Haus, sondern für meine zahlreichen Freunde, von denen schon viele heimgegangen sind, eine unerschöpfliche Quelle der Erhebung und des Genusses. In dem interessanten Romane „In Banden frei" von Rahel Meyer sagt der junge Oppert zu Lydia Löves in Bezug auf die Heldin Pauline: „Begeistert, gerührt, besser gemacht hat mich Ihre Freundin durch ihre Briefe!" Sv dachten und empfanden wir alle beim Lesen dieser wunderschönen Briefe! Sie, die unentwegt, unermüdlich strebte, an sich selbst zu arbeiten, sich zu höherer Vollkommenheit zu entwickeln, teilte dieses Streben ihrer „jungen Freundin" mit; alle wichtigen, die Welt, insbesondere die Welt der Frau bewegenden und interessierenden Fragen wurden in unserem Briefwechsel besprochen, und wenn derselbe auch in den letzten Jahren, die uns beiden so manche Prüfung brachten, nicht mehr so lebhaft geführt wurde, wie einstens, wir wußten, es sei dies kein Erkalten, wir seien einander sicher! Alles an dieser seltenen Frau war eigenartig. Stets bestrebt, anderen Liebe und Freude zu geben, erhielt jede, auch die kleinste Aufmerksamkeit, höheren Wert durch die Art, wie sie erwiesen wurde! Durch Jahrzehnte hindurch hat sie nicht nur meinen Eltern, sondern auch meinen Großeltern zum jüdischen Neujahrsfest ihren Glückwunsch gesandt und meinen Geburtstag, der auf den Rasttag eines Festes fällt, mit einer Pünktlichkeit innegehalten, die für meine jüdischen Freundinnen wahrhaft beschämend sein konnte. In dem Kriege l870/71 entfaltete sie eine überaus große Liebestätigkeit im Dienste edelster Menschlichkeit; sechs Verwundete nahm sie bei sich auf und pflegte sie bis zu ihrer Genesung. Als die Segnungen des Friedens das Vaterland wieder beglückten, schenkte ihr Gott noch einen Sohn, den sie liebte mit allen Faseru ihres edlen Herzens. Jahre waren vergangen, als dieser edlen Menschenfreund!« der sich in der Reichshauptstadt regende Antisemitismus verhängnisvoll werden sollte. Im Herbste l871 sagte sie mit Mann und Kind dein deutschen Vaterlande Valet. Damals schrieb sie mir: „Diese traurigen konfessionellen Streitigkeiten inüssen jeden ehrlichen Juden bis in die tiefste Seele kränken! Wer Hütte geglaubt, daß wir wieder in mittelalterliche Zustände zurückgreifen. O, wer hätte geglaubt, daß in der Hauptstadt des Deutschen Reiches von gebildeten Christen der Haß geschürt und in die Lande hinausgetragen würde. Wer hätte geglaubt, daß unsere hochgebildete Jugend in den Hochschulen sich zusammentut, um ihre jüdischen Kommilitionen zu beschimpfen und zu verdrängen! Gewiß können diese Zustände für die Dauer keine Lebensfähigkeit haben, das sagt sich jeder vernünftig denkende Mensch; aber vorläufig ist wieder eine Schranke aufgetürmt worden zwischen Jude und Christ, das Dogma wird wieder bestimmend sein. Da soll man ein Kind frei erziehen! Da soll ein Kind in der Schule hören, daß die Juden nichts taugen, daß man sie ans dem Lande Heraustreiben müßte, und dabei weiß dasselbe, daß der liebe Vater ein Jude ist; ist doch der gute Vater für ihn das edelste Beispiel, dem er »acheifern will, dem er sich bemüht, ähnlich zu werden. Das sind traurige Zustände, und der freie Mann soll, wenn es in seiner Macht steht, denselben den Rücken kehren, und sich bessere schaffen. So denken wir. Mein Mann hat sich durch viele Jahre anstrengender Tätigkeit und rastlosen Fleißes so viel Vermögen erworben, daß wir von den Zinsen überall ein bescheidenes angenehmes Leben führen können, und da die nördliche Schweiz dem Deutschen nur durchaus sympathisch sein kann, so wollen wir versuchen, uns in Zürich heimisch zu machen. Du kannst Dir denken, daß es uns nicht leicht füllt, aus alten lieben Gewohnheiten zu scheiden, alle Freunde zu missen, aus allen innigen Verbindungen hinauszugehen; wir haben viel, viel Liebe in Berlin genossen; ich weiß, daß dieselbe uns begleiten, aber doch sehr fehlen wird, und das bewegt uns wohl das Herz l" Schon damals bat mich Herr Dr. Feßler, jetzt Rabbiner in Halle, diesen Brief zu veröffentlichen, ich lehnte es jedoch ab, da es nicht im Sinne meiner Freundin gewesen wäre. Es war kaum anderthalb Jahre später, als durch den Antisemitismus meine hochsinnige Freundin schweres Unglück treffen sollte. Anfang März 18«3 meldeten Berliner Zeitungen, daß ein edler, schöner, hoffnungsvoller, christlicher Jüngling in einem Streite, der sich in einein Lokale zwischen christlichen Studenten und Juden entspann, für die letzteren Partei nahm und diesen Edelmut mit dem Tode büßen mußte. Ein amerikanisches Duell wurde zwischen ihm und dem Rädelsführer verabredet; er zog das Los und hielt Wort! Wenige Tage später schrieb mir meine Freundin, jener treffliche Jüngling, der sein junges Leben in treuer Hingabe für seine unterdrückten Mitmenschen geopfert hatte, sei ihr Neffe gewesen, den sie Jahre lang in Berlin in ihrem Hause erzogen hatte, den sie und ihr Mann wie einen Sohn geliebt und nun auch ebenso heiß betrauerten. Sie war telegraphisch nach Berlin gerufen worden, und nach einer tvdestraurigen Fahrt von dreißig Stunden traf sie dort ein, und fand ihr geliebtes Pflegekind mit zerschmettertem Haupte! Sie gehörte zu den starken Seelen, aber sie bedurfte all ihrer Kraft, um die arme unglückliche Mutter des edlen Jünglings, ihre einzige Schwester zu trösten und zu stützen wo sie selbst so trostbedürstig war. Damals, als sie wiederum ein Telegramm nach Zürich zurückberief, um einer schwer erkrankten Schwester ihres Mannes beizustehen, schrieb sie mir: „Hast Du „Mendel Gibbor" von Bernstein gelesen, meine Liebe? Da ist Malke, ich vergleiche mich mit ihr. Wein viel gegeben, von dem wird man viel fordern!" Sie hatte einst, als ganz junge, glückliche Frau, kurz nach ihrem Erscheinen, jene beiden epochemachenden geist- und gemütvollen, Poesiereichen Erzählungen „Vögele der.Maggid" und „Mendel Gibbor" gelesen und sich für die reizenden, meisterhaften Schilderungen aus dem Kleinstadtlebeu begeistert. Zu den Füßen des alteil Rabbis sitzend, der, als die Gemeinde in der Provinz Posen einen modernen, akademisch gebildeten Rabbiner ausgenommen, seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte und in ihrem Hause in der Heiligen Geiststraße wohnte, den sie mit Liebe und Güte reich bedachte, ließ sie sich von „ihrem Rebbechen". wie sie stets sagte, alles was ihr unverständlich war, erkläre». Mit leuchtenden Augen und hochgeröteten Wangen lauschte sie den Worten des alten Mannes, der sie liebte und verehrte und ihren Namen noch auf seinem Sterbebette segnete.