Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
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58 ich mit einer Bitterkeit, deren ich mich Elsen gegenüber einige Stunden früher nicht für fähig gehalten hätte. Else schwieg und ritt schweigend weiter; ich ebenso schweigend neben ihr. Nach ungefähr einer Stunde hielten wir vor ihrem Hause. Ich sprang ab und hals ihr vom Pferde. Dann schwang ich mich wieder in den Sattel. „Was tun Sie?" fragte Else. „Wohin wollen Sie?" „Nach Amsterdam!" rief ich, „vielleicht zur Kunstreisegesellschaft, vielleicht in die Synagoge!" Und ich ritt irr die Nacht hinein. Ich habe Else nie wiedergesehen. Gin jüdisches Herz. Ein Gedenkblatt von Regina Neisser. „Höchstes Glück der Erdenkinder Ist doch die Persönlichkeit. Goethe. ^ie edle Frau, der diese Zeilen gelten sollen, ist nicht an die Oeffentlichkeit getreten, und von dem Frenndeskreise, der sie einst in Berlin umgab, weilen nur noch Wenige unter den Lebenden, aber bei diesen wird die Tranerknnde von ihrem Heimgange das Gefühl hervorgerusen haben, ihr Leben sei durch solchen Verlust ärmer geworden. Eine Frau von erleuchtetem Geiste, scharfem Verstände, unermüdlicher Tatkraft, unerschöpflicher Herzensgüte, der das Goethe'sche Ideal „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" znr Richtschnur ihres Lebens wurde, eine treue, aufopfernde, verständnisvolle Gattin, Mutter, Tochter, Schwester und Freundin, die sich im Glücke wie im Unglücke glänzend bewährte, von hoher, kräftiger Gestalt, mit energischen, bedeutendeil Gesichtszügen, ohne schön zu sein, ausdrucksvollen Augen und einer Fülle dunklen Haares, so steht sie vor meinem geistigen Auge, in der puritanisch einfachen Kleidung eine eigenartig interessante Erscheinung, die man selbst nicht übersehen konnte, auch wenn sie nicht sprach. Und wenn sie mit ihrem sonoren, tiefen, klangvollen Organ sprach, wie belebten und verschönten sich ihre Züge, wie leuchteten ihre dunklen Augen; nicht nur wie sie sprach, sondern was sie sprach, war schön und bedeutend! Mit gleich grosser Meisterschaft ihre Muttersprache in Wort und Tchrist, wie Englisch, Französisch und Italienisch beherrschend. von lebhaftestem Interesse für Wissenschaft, Literatur und Kunst, insbesondere für Philosophie und Astronomie, eine vorzügliche Klavierspielerin, konnte man sie zu den bedeutendsten Frauen der Zeit zählen, und wer null gar ihre wunderbaren, formvollendeten Briefe, in denen sie meisterhaft, fast greisbar die Natur zu schildern wußte, und die überhaupt ihr warmes Herz, ihren reichen Geist, ihr tiefes Wissen wiederspiegeln, las, der wunderte sich, daß sie nicht schriftstellerisch sich betätigte. Frauen von ähnlicher Stärke der Begabung haben sich wohl der Wissenschaft zngewendet, oder der Literatur; nach dem Maßstabe, den sie an geistige Schöpfung legte, konnte sie hieran nicht denken. Ihr Genügen fand sie überreich, indem sie durch ihr lebhaftes Temperament und ihre Daseinssreudigkeit das Leben und das Haus ihres Mannes erfüllte, dies Hans besonders in der ersten Hälfte ihrer glücklichen Ehe, in Berlin, zum Mittelpunkt eines Freundeskreises machte, der zu ihr in Liebe, Verehrung und Bewunderung ausblickte, durch sie Anregung und Belehrung empfing, und besonders war die Musik in ihren Räumen heimisch. Sie setzte ihren größten Ruhm darin, alle großen und kleinen Pflichten der Frau treulich und gewissenhaft zu erfüllen; eine treffliche, musterhafte Hausfrau, die vorzüglich zn kochen und zu backen verstand, die ihre Kleider selbst nähte, war sie ihrem bedeutend älteren, ost leidenden Gatten in verschiedenen schweren Krankheitsfällen die liebreichste, opferwilligste Pflegerin, so daß er mir wiederholt schrieb: „Ihr, meiner braven deutschen Hausfrau, meiner opferfähigen und opferwilligen Frau habe ich es zu danken, daß ich noch lebe." Sie hatte ein offenes Auge, ein offenes Herz und eine stets hilfsbereite offene Hand für die leidende und darbende Menschheit; bei großer Persönlicher Anspruchslosigkeit und Bedürfnislosigkeit hat sie, namentlich in jenen glücklichen Jahren in Berlin unendlich viel Gutes gethan, ohne Unterschied der Konfession; sie wollte nicht nur helfen, sie konnte es auch; die größte Einwirkung, die von ihr ausging, war, in Anderen die Kraft zu wecken! Und wer war diese außergewöhnliche Frau? Es war zu Anfang der sechziger Jahre, als eine Heirat in dem großen Berlin viel von sich reden machte. Ein armes Fräulein von altem Adel, welches einige Jahre als Erzieherin gewirkt hatte, reichte einem bedeutend älteren, klugen, gemütvollen Manne, einem Juden, bekanntem Agenten der Mannfakturbranche, die Hand zum Lebensbunde. Es war reinste Herzensneigung, die das Paar zusammengeführt hatte; das tapfere Mädchen hatte lange kämpfen müssen, ehe sie den Widerstand des Vaters, eines pensionierten Rittmeisters aus den Befreiungskriegen, und der Brüder, höherer Offiziere und Beamten, besiegte; die Verhältnisse konnten sie nicht blenden, der Mann teilte gewissenhaft sein Einkommen mit seinen beiden unverheiratet gebliebenen alten Schwestern, für die zu sorgen seit dem frühen Tode der Eltern seine Lebensaufgabe war. Schmerzlich hat der alte ehrwürdige Rittmeister später bedauert, der geliebten Tochter, die ihm vereint mit dein „jüdischen" Schwiegersöhne den denkbar freundlichsten Lebensabend in ihrem Hause bereitete, Jahre ihres Glückes verkürzt zu haben! Und gar einfach und bescheiden hatten sich die Gatten ihren jungen Hausstand eingerichtet; sie lernte die Inden in ihm und durch ihn kennen, schätzen und lieben, und fand unter den Glaubensgenossen ihres Mannes wahre treue Freundschaft, ehrliche Bewunderung, wie sie dieselbe vermöge ihrer ausgezeichneten Eigenschaften so sehr verdiente. Ich war ein fünfzehnjähriges Mädcher, als im Herbst 1863 diese wunderbare Frau in meinen Gesichtskreis trat; sie trauerte damals um ihr l'„jähriges Söhnchen, ihr erstes Kind, das auf dem jüdischen Friedhof in Berlin seine Ruhestätte kurz zuvor gefunden hatte. Fleiß und Sparsamkeit hatten schon damals den Wohlstand des Gatten begründet, sie fand in reger häuslicher, geschäftlicher und geistiger Tätigkeit Trost für ihren Mutterschmerz. Es gibt eine Liebe ans den ersten Blick, und auch eine Freundschaft kann sich durch Sympathie sofort anbahnen und anfbanen! Als die damals sechs- bis siebenundzwanzigjährige Frau mich bei der ersten Begegnung bat, sie, wo sie jetzt so ost allein sei, öfters zu besuchen, da fühlte ich, es sei ein Gewinn für mein Leben, eine Gunst des Schicksals, daß diese Frau mir ihr Interesse znwendete. Anderthalb Jahre, in der für ein junges Mädchen so wichtigen Entwickelungszeit von fünfzehn bis siebzehn Jahren durfte ich mich ihrer anregenden, belehrenden, fördernden Einwirkung erfreuen, und meine Dank-