Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 57 (sequence 11)
- Language
- German
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57- Stunden lang um die Bude im Halbkreise herum und vergaßen Michelangelo über der schönen Jüdin. Trotzdem der Neid den guten Ruf ungern bei der Schönheit wohnen läßt, erfreute sich Lea — so hieß sie — doch des allerbesten Leumundes; ihren Augen sah man es an, daß ihre Heiterkeit trotz aller Armut ebenso groß war als ihre Schönheit, und die sie näher kannten, versicherten, daß ihre Güte hinter ihrer Schönheit nicht zurückstehe. Eines Tages kam der Fürst, dem der alte Palast gehörte, ein Mann von ungefähr 30 Jahren, der den größten Teil seines Lebens bei Hofe zugebracht hatte, in die Provinzialstadt zurück. Er bewohnte eine Villa in der nächsten Nähe der Stadt, aber er wollte doch den alten verlassenen Palast seiner Väter in Augenschein nehmen, und er sah, wie alle andern Reisenden, nur Lea. Sofort schämte er sich der 20 Gulden, die ihm, dem Besitzer des Winkels, den Lea als Mieterin mit ihrer Holzbude einnahm, seine Rente vermehrten. Er redete sie als ihr Mietsherr an. er wollte ihr die Miete für ewige Zeit schenken; Lea wies das Geschenk zurück. Bald darauf verließ der Fürst die Villa und richtete sich in dem Palaste ein und zwar in einen» Flügel, aus dessen Fenstern er Lea den ganzen Tag betrachten konnte. Der Skandal war bald sehr groß in der Stadt; Lea schloß ihre Bilde, und sie war brotlos, während es hieß, daß nun ein glänzendes, wenn auch nicht ehrenhaftes Leben fürste beginne. Man irrte sich. Der Fürst hatte nicht den geringsten Versuch gemacht, sie herabzuwürdigen; er liebte sie und — heiratete sie. Nun erst war der Skandal in den zivei entgegengesetzten Klassen der Gesellschaft, bei den Aristokraten und bei den Parias, den Juden, sehr groß. Die Aristokraten ärgerten sich über die Mesalliance, die Juden über die Taufe der schönen Jüdin. Aber auch dieser Skandal verrauchte. Der Fürst war mächtig, unabhängig und bei Hofe sehreinflußreich. Er hatte die Kaiserin, die sehr fromm war, beinahe von Anfang an auf seiner Seite, »veil er durch die Taufe eine Seele gerettet hatte, und sie wünschte die schöne Fürstin in ihrer Nähe zu haben, um das gottgefällige Werk zu Ende zu führen und sie in den Glauben und seine Geheimnisse selbst einweihen zu können. Sie empfing sie, machte sie zu ihrer Hofdame, und kaum drei Jahre nach der Taufe war dieselbe Lea, die aber jetzt Therese hieß, welche in der Holzbude Watte verkauft hatte, Sternkreuzordensdame. Das scheint Ihnen unglaublich; aber was ich Ihnen hier erzähle, ist historisch. Der Fürst war eben ein Mann voll Energie, der seine Frau wirklich liebte und den der Widerspruch der Aristokratie gereizt hatte. Er hat von jeher durchgesetzt, was er wollte Nicht so rasch wie die Aristokratie beruhigte sich das Judentum. Die Fürstin Therese gehörte einer Rabbinerfainilie in, und die ganze Gemeinde betrachtete es als ein ganz besonderes Unglück und als eine größere Schande, daß ein Sprößling gerade dieses Stammes abgefallen war. Ein Teil ihrer Faniilie legte Trauer an, »vie um einen Hingeschiedenen, ein anderer Teil aber sah mit der Erhebung der Anverwandten eine glänzende Zukunst Heraufziehen. Und als es endlich sicher war, daß die Fürstin bei Hofe empfangen, die Freundin der Kaiserin und infolge ihrer bezaubernden Schönheit und der Macht ihres Gatten eine höchst einflußreiche Persönlichkeit wurde, »nachte sich dieser Teil der Familie mit den» Gedanken, zun» Christentum überzugehen, vertraut, und es kamen schon da und dort einzelne Ueberlänfer vor. die es nicht erwarten konnten, unter dein Schutze der hohen Anverwandten und als Christen ihr Glück zu machen. Zu der Familie gehörte auch ein ziemlich wohlhabender Mann, der anfangs über den Abfall Leas sehr entrüstet war und mit seinem zehnjährigen Knaben eifriger und fleißiger als je die Synagoge besuchte. Um sein Kind vor einem ähnlichen Abfall zu bewahren, ließ er es die fünf Bücher Moses und die Propheten in der Ursprache studieren und hielt es mit größter Strenge zur Ausübung aller religiösen Formen und Zeremonien an. Aber denselben Knaben, der sich gewöhnt hatte, in der Frömmigkeit zu schwelgen, führte er ungefähr drei Jahre später in die Kirche, und als sie »vieder heraustraten, sagte er ihm, daß sie beide nunmehr Christen seien. Der Knabe brach in Weine»» aus, aber der Vater versicherte ihn, es sei besser, und er habe nur als guter Vater für seine Zukunft gesorgt. Wir verließen die Stadt und zogen in die Residenz, wo »nein Vater ii» der Tat eine glänzende Karriere »nachte, denn er »var ebenso klug als unterrichtet." „Wie!" rief Else und hielt ihr Pferd an, „Ihr Vater? Sie sprechen von Ihrem Vater? Sie sprechen von sich?" „Allerdings! Der Knabe, von dem ich spreche, »var ich." „Unmöglich!" „Doch! Ich erzähle Ihnen kein Märchen. Aber warum sind Sie so blaß? Ich sehe es selbst beim Mondschein, daß Sie erblassen." „Sie sind eil» Jude? Sie scherzen; ich kann es nicht glauben." „Fräulein Else, ich scherze nicht." „Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?" fragte Else mit einem Ton, der den bittersten Vorwurf verhüllen sollte. „Wäre es mir je eingefallen, daß die Mitteilung Sie in solche Aufregung versetzen könne, ich hätte es längst gethan oder ich hätte Ihre nähere Bekanntschaft nicht gesucht." Else ritt weiter, ich folgte ihr und fuhr fort: „Ich könnte Ihnen sagen, daß ich bei Ihrer Freundschaft für »»»ich, bei Ihrer Bildung eine solche Mitteilung für überflüssig hielt, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, daß ich nicht daran gedacht habe, daß ich es längst vergessen habe, jemals ein Jude gewesen zu sein. Von jenem Moment der Taufe an lebten wir nur unter Christen. Ich dachte nie an mein einstiges Judentum, selbst nicht, wenn ich mit Juden zusammentraf. Nur wenn ich die alten Melodien meiner Jugend wieder singen hörte, wie diesen Abend, wenn ich diese religiösen Bräuche wiedersehe, an denen ich einst mit ganzer kindlicher Seele hing, erwacht die Erinnerung so mächtig und wühlt »nein ganzes Herz auf, daß ich weinen möchte - und wenn ich sehe, »vie der Name noch immer Schrecken und Verzweiflung einflößt, wie vielleicht jetzt, so möchte ich gleich »vieder absallen, ein neuer Apostat, und hinüberlaufen in das Lager der Schwächeren." „Was wird mein Vater sagen!" rief Else. „Darauf kommt es nicht an, »nein Fräulein. Was S i e sagen. Sie, das ist das Wichtige, oder vielmehr, was Sie verschweige»» und was Sie nicht zn sagen brauchen," erwiderte