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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
Seite 56 (sequence 10)
Language
German
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86 Karls des Großen Zeiten will ja niemand erinnern; umgekehrt eignen sich solche Decken mit ihren kleinen Buchstaben und Ornamenten auch nicht zu Mittelstücken eines Vorhanges. Eine größere Anzahl Symbole an gleicher Stelle angewendet, macht auf den Beschauer andererseits einen unruhigen Eindruck, durch welchen Schönheit und Andacht gestört werden können. Nur in der richtigen Verteilung von Symbolen und Verzierungen zwischen edlen Materialien und schön abgetönten Farben ist eine Lösung zu finden, die Synagoge und ihren Schmuck stilvoll zu gestalten, nicht aber durch die genaue Nachahmung von Verzierungsweisen alter Zeiten oder der allerneuesten Richtung. Wenn es gelingen soll, die Besucher an das Gotteshaus zn fesseln, dann können Architekt und Kunsthandwerker viel dazu beitragen; durch den Geist, den sie hineinbringen, kanu der Stolz auf unser Gesetz und unsere Vergangenheit mit geweckt werden. Fehlen freilich die Gedanken, dann kann man bald das Wort N^ungs: „Eine Seele ohne Gedanken muß wie ein Gebäude ohne Bewohner bald in Verfall geraten", variieren. Die Erkenntnis des Fehlers zeigt auch den Weg zur Besserung. Er liegt in der Abweichung von der Schablone, in der Abweisung der gedankenlosen Fabrikware, welche fast so teuer bezahlt wird wie die Arbeit des Künstlers, in der Unterweisung der meistenteils nichtjüdischen Arbeiter über die Bedeutung und Verwendung bei späterem Verbrauch. Der Kunsthandwerker. Zeichner und Architekt muß eben dieses Spezialfach studieren, die Vorsteher, welche am meisten mit Malern, Tischlern, Mechanikern, Buchbindern, Goldschmieden rc. zn tun haben müssen auf neue Formen und Symbolisierungen dringen, die Lehrer müssen ihren Einfluß bei den Privaten und Gemeinden dahin ansüben, daß nur Vollendetes angeschafft wird, sie müssen schon in der Schule das Verständnis des Kunstwertes so mancher alter Besitztümer unseres Volkes anbahnen. Ueberall ist jetzt das Streben, national zu sein, sichtbar, auch das kleinste Völkchen der Balkanhalbinsel z. B. besinnt sich, eine kleine Eigenart zu besitzen, und wir mit einer auch in den Jahrtausenden des Exils ruhmreichen Geschichte sollten nicht stolz die unsere bekennen? Wir brauchen uns nicht zu schämen und wir sind nicht so gedankenfaul, als daß wir wie ein Schulknabe als Strafarbeit hundertmal dasselbe Ornament nachzeichnen müßten. Wahrlich, ein hohes Verdienst würde sich derjenige reiche Israelit erwerben, der durch tatkräftige Hilfe Kunst und Kunsthandwerk in jüdischen Kreisen unterstützte. Sei es, daß er Architekten und Künstler mit Studien über altjüdische Kunst beauftragte, sei es, daß er mustergültige Zeichnungen aller religiösen Symbole Herstellen ließe oder typische Formen für die Gebrauchsgegenstände der Synagoge und der religiösen Betätigung im Privathause. Die Zeichnung der Entwürfe allein würde freilich nicht genügen, sie müßten auch in Metall und Glas, in Leder. Leinen und Geflecht hergestellt werden. Das Gute dringt durch; da wirklich Bedarf an guten Ritualien besteht, würden sie auch Verwendung finden, das heißt gekauft werden, und aus dem zu edlem Zwecke begonnenen Unternehmen würde ein einträgliches werden. Wenn eine Zeitung für Liebhaberkünste „Kunstgewerbe! fürs Haus", es wagen darf, nicht nur gute Entwürfe zu be-! zahlen, sondern dieselben auch ausführen zu lassen, und wenn sie bei den Ausstellungen in größeren Städten Ehre nnd Pekuniären Nutzen erzielt, dann sollte dieses doch bei dem nur für Fabrikantenangen geringen, in Wirklichkeit aber ganz bedeutenden Verbrauch von Synagogenparamenten gewiß der Fall sein, wenn ein solches Unternehmen durch eine kräftige Hand gestützt wird. Was aber auch durch Wettbewerbe, Preise rc. erzielt werden würde, stets müßte die kunstvolle Durchführung des zu Grunde liegenden Gedankens ausschlaggebend für eine Bestellung oder Prämiierung sein. Dann werden wir nicht nur schönen, sondern auch in Form und Verzierung bedeutungsvollen, sinnigen Schmuck für unsere Gotteshäuser und jeden Sabbattisch erhalten, Gegenstände, die uns zum Dank gegen den Spender alles Schönen, unseren Beschützer durch die Jahrtausende hindurch, bei jeder Betrachtung stets von neuem anregen. Bei Kunstreitern. Von Moritz Hartmann. II l. Nacht war nach dem Gewitter klar und heiter geworden; ^8^ der Mond trat aus den Wolken, die sich am Himmel verspätet hatten und nun mit Eile den verschwundenen Gewitterwolken nachzufliegen schienen. Wir sahen weit ins Land hinaus; die breiten Straßen lagen weiß und deutlich vor uns. „Nun," sagte Else, indem sie plötzlich ihr Pferd langsamen Schrittes gehen ließ, „nun erklären Sie mir, wie Sie zu der Kenntnis dieser jüdischen Bräuche gekommen sind, woher Sie selbst diese Melodie kennen. Sonst sind uns alll diese Dinge doch so unbekannt, trotzdem die Juden in unserer Mitte leben." „Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen." „Ah, es steckt eine Geschichte dahinter, das ist prächtig, erzählen Sie. Gewiß haben Sie einmal einer schönen Jüdin den Hof gemacht und sich, wie der Tenor in der Halevyffchen Oper als Jude unter den Juden Herumgetrieben." „Nein, es ist anders. Vor ungefähr zwanzig Jahren lebte in der Hauptstadt unserer Provinz ein Judenmädchen, das als ein Wunder der Schönheit gerühmt wurde. Nehmen Sie an, daß dieser Ruhm vollkommen und in allen Teilen gerechtfertigt ivar, und erlaffen Sie mir die Beschreibung. Ich kann nur sagen, daß ich bis auf den heutigen Tag trotz aller meiner Reisen keine Frau, kein Mädchen gesehen, das sich mit dem Bilde, das in meiner Erinnerung lebt, hätte messen können. Diese schöne Jüdin, obwohl sie nahe wohlhabende Anverwandte hatte, war sehr arm, die Tochter sehr bedürftiger Eltern. Um diese zu ernähren, saß sie in einer elenden hölzernen Bude, welche in einem der vielen äußeren Winkel eines alten fürstlichen Palastes stand, und verkaufte Watte und allerlei Baumwollwaren. Vor dieser Bude standen ost die Reisenden, um die größte Merkwürdigkeit der Stadt anzustannen. Unter dem Vorwände, die Architektur des Palastes, seine Säulen, Bogen und Karyatiden zu betrachten — denn einer Sage nach sollten Plan und Zeichnung von Michelangelo herrühren - gingen sie halbe

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