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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
Seite 55 (sequence 9)
Language
German
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55 bedeckt«?», mit der von Lob triefenden Inschrift zum Andenken «in einen Verstorbenen, zur Ehrung eines Gelehrten! Die kleine Krone, welche noch eben Platz gefunden hat, soll wohl den roten Saint zu einem Synagogenschmnck stempeln, vergebens, es bleibt nur der Eindruck einer samtenen Gedächtnistafel. Herrlich gestickte Blumengewinde, am Fuße des Vorhanges am breitesten, an den Seiten sich nach oben verjüngend, ranken an einem anderen beliebten Vorhang empor. Dieser Vorhang würde die Frende einer Hofschneiderin erregen, denn in Gedanken würde sie schnell die wenigen hebräischen Worte mit graziösem Griff verdecken und die schönste Cvurschleppe Herstellen. Kann es etwas Respektwidrigeres geben, als wenn auf anderen Vorhängen zwei Löwen Gesetzestafeln halten, ans denen anstatt der Gesetze eine Widmung zu einem 80. Geburtstag zu lesen ist? Und doch ist die Schrift wie Ornament und Emblem zur Verzierung des Vorhanges nötig, aber vereint und im richtigen Verhältnis zueinander. Das Emblem, sei es nun eine Darstellung aus der heiligen Schrift, Symbol der Festtage, Gegenstände des Tempels rc. oder mehrerer zusammen, diese erhebende Erinnerungen erweckenden Sinnbilder müssen räumlich wie dekorativ den Haupteil bilden. Sinnsprüche in der so schön wirkenden hebräischen Schrift sollen die Symbole bergleiten, je nach Raum und Anordnung neben, oberhalb oder am Fuße derselben. Beide begleitend sollen dann die umgebenden Verzierungen mit den schönen Farben wetteifern, Auge und Geist zu erfreuen und zu bilden. Es ist hochersreuend zu sehen, wie in allen Gegenden Deutschlands neue Synagogen errichtet werden, wie, wenn auch nicht in der Güte, so doch der Menge nach, man jetzt öfter von Schenkungen an Paramenten hört als in früheren Zeiten, in den grösstenteils nur reiche Leute den Gedanken hierzu zu fassen wagten. Doch wenn der Privatmann den Gvldschmiedladen betritt, er Kronen, Schilder und Zeiger. Leuchter, Riechdosen und Becher, Kannen, Becken und Schalen in reicher Auswahl, die wir einmal annehmen wollen (größtenteils sind es Kataloge» gezeigt bekommt, sieht er nur halbwegs so hübsch gearbeitete und gezeichnete Silberwaren, wie er bei jedem Gebrauchsgegenstand, bei jedem Geschenkstück profaner Art es sonst gewohnt ist? Dieselben Ornamente, welche vor 30 bis 40 Jahren modern waren, müssen noch heute herhalten. Die Fabrikanten finden den Konsum nicht genügend, sie »vollen keine neuen Stanzen Herstellen lassen, »veil fast niemand da ist, der die Annahme der alten ablehnt, »veil derselbe Mann, der in seinen» Hause auf die modernste Verzierung eines jeden Löffels achtet, sich nicht weigert, das falsche Rokoko der 60er Jahre, die arg verzeichneten Embleme in das Gotteshaus zu bringen. In den» "Katalog einer bekannten Silberwarenhandlnng findet sich auf de»» teilweise recht hübschen, je nach dem Preise mehr oder minder reichen Schildern in dem bekannten Stil folgende Darstellung, die die Silberplatte zu einer Synagogenzier erheben soll. Zwei Löwen halten je mit einer Vorderpranke eine Krone hoch in die Höhe, mit der andern ein Paar Gesetzestafeln, welche auch durch je eine Hintertahe der Löwen gestützt werden, während die Hinteren Beine im rechtenW inke l stehen. Die Schwierigkeit der Produktion wird nvch dadurch erhöht, daß nicht der geringste Strich den Löwen oder den Gesetzestafeln zur Stütze dient, so daß beide Teile in der Lust schwebend oder springend gedacht sind. Daß die Löwen es dabei noch fertig bringen, die Zungen weit herauszuschlängeln, ist mehr, als man selbst dem Könige der Tiere zutrauen sollte. Man wird gewiß von keinen» Künstler verlangen, daß er Löwen, oder welches Tier oder welche Pflanze es auch sei, streng naturgetreu darstelle. Das Bild, welches der beschauende Laie in seinem Geiste trägt, ist fast immer minderwertiger als dasjenige, das der Maler darstellte. Der bestellende oder betrachtende Private verlangt sogar Jdealisirung, aber der Schein der Wahrscheinlichkeit, die Glaubwürdigkeit muß doch in gewissen Grenzen stets eingehalten sein. Nur Simpeln wagt man minderwertige Ware zu geben, häßliche nur Leuten, deren Geschmack man auf der unterste»» Stufe schätzt. In ähnlicher Weise könnte man »vohl allen Schmuck der Synagogen und die für religiöse Zwecke bestimmten Gegenstände des Privathanses durchgehen, fast überall Schablone, und wenn eine Decke einmal besonders schön gearbeitet ist, dann sind es Allerweltsmuster, durch die eine Almemor-Decke z. B. ebenso gut als Tischdecke dienen kann. Die schönsten Rosen und Arabesken können doch höchstens den Stolz auskommen lassen, daß die Gemeinde oder die Familie ein solches Prachtstück besitzt, nie aber den edleren Stolz, der große»» Volksfamilie anzugehören; schöne Ornamente können erfreuen, edle Gefühle erwecken können sie nicht. Als Bezalel berufen wurde, die goldenen Gesäße für das Heiligtum in der Wüste anzufertigen, da heißt es Exodus 31,3: „Ich habe ihn mit göttliche»»» Geiste erfüllt, mit Weisheit, Einsicht und Kunstverständigkeit, damit er Gedanken schaue, die er ausführen soll in Gold, Silber und Kupfer." Dieses Ersinne»» der Pläne wird auch bei der fertiggestellten Arbeit doppelt wiederholt, »in» eben zu sagen, daß die geistige Bedeutsainkeit die wichtigste Grundlage bei Dingen, welchen religiösen Zwecken dienen, bildet. Es ist deutlich darauf hi»,gewiesen, Haß in die technischen Arbeiten die höheren Ideen der Symbolik hilleingelegt werden sollten. So wenig die größte Soldatentruppe ohne den Geist des Führers vermag, so kalt der schönste Gesang läßt, wenn in dein Vortrag nicht die Seele des Sängers vibriert, so wenig vermag das wertvollste Stück Silber, die größte Stickerei zu erwärmen, »venn die Bedeutung des Paraments nicht erfaßt ist, »venn die Seele, das ist das bezügliche Ornament, fehlt. Eine Sederdecke, welche in einsachster Linieustickerei Pyramiden zeigen würde, hinter welchen die Sonne aufgeht, während zerbrochene Ketten vor ihnen liegen, müßte, mit kurzen» bezüglichen Spruch versehen, zu den erwünschten Fragen und zu Betrachtungen anregeu. Fast nie würde dies aber auch der in kunstvollster Nadelmalerei bestens gestickte Granatapfel iin Rosenhain erreichen; es ist eben der eine Gedanke, der den anderen weckt. Hoch erhebt die Seele de»» Menschen über alle anderen Geschöpfe, aber unter der Meuschemnenge sind nnr diejenigen von Bedeutung, welche sich für das Wohl ihrer Mitmensche»» in edler Weise mühten. Die Seele des Synagogenschmuckes ist der zu Grunde gelegte Gedanke, zur Bedeutung gelangt derselbe aber erst, »venn er befähigt ist, auf den Beschauenden Eindruck zu machen. Darum nittssen die Motive auch richtig gelvählte sein. Dieselben Löwen, welche die Zierde eines Verhanges sind, passen nicht auf eine Decke sür die Sabbathbrote; denn an das Zunftwappen der Bäcker seit

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