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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
Seite 54 (sequence 8)
Language
German
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Ueber Synagogen und jüdisches Kunstgewerbe. Vo»IEduard Joel. jedes Knnstiverk wird geistigen Gehalt besitze», es wird von einem Künstler nicht nur schön, O—^ sondern auch sinnig geformt sein. In dem Werke wird sich die Eigenart des Künstlers widerspiegeln, sein geistiges Erfassen, soweit es das Material zuläßt. Schon in unserer häuslichen Einrichtung verlangen wir, daß dieselbe nicht nur im ganzen schön sei, das heißt, daß die einzelnen Teile im Einklang miteinander stehen, daß die Verzierungen das Gefühl der Ruhe in uns erwecken, sondern auch daß sie stillvoll seien, das heißt in Stoff. Größenverhältnissen und Ausschmückung > jeder Gegenstand seiner Bestimmung gemäß durchgeführt sei. Ganz besonders beanspruchen wir aber das nns anregende Hervortreten des künstlerisch bildenden Geistes bei denjenigen Gebäuden und Dingen, welche der Allgemeinheit dienen oder sich besonders an Herz und Gemüt wenden, also an solchen, welche religiösen Zwecken dienen. Betrachten wir einmal von solchen Gesichtspunkten aus unsere Synagogen und deren Schmuck. Beim Bau derselben ist in jüngster Zeit der romanische Baustil bevorzugt, vor zwei Jahrzehnten war der maurische, vor 30 bis 40 Jahren der griechische der beliebteste, und sagen wir es gleich, eine jede Bauart ist an sich berechtigt. Im edlen griechischen Stil ist auch, um ein Beispiel zu nennen, die Synagoge in Gnesen errichtet. Die Ostwand des Jnnenraumes ist durch eine einheitliche Sänlenstellung in ihrer ganzen Höhe voll verziert, schon die jonischen Säulen zu Seiten der heiligen Lade sind über vier Meter hoch und tragen ein reich verziertes Gebälk. Aber Dvppelpaare fast einmal so hoher Säulen rahmen die elfteren und die auf Glas gemalten Anfangsworte der 10 Gebote ein, einen mächtigen Architrav tragend, dessen Giebel reich mit griechischen Ornamenten verziert ist. In Weiß und Gold erstrahlen die Wände und Säulen, an allen Galerien heben sich die goldenen Palmetten und Akanthusranken zart von weißem Grunde ab, und an hohen Feiertagen erscheint selbst der Vorhang vor der heiligen Lade in diesen beiden Farben. Gewiß also ein prächtig verzierter Raum; doch man führe einen Kunstverständigen in denselben, der die wenigen hebräischen Worte nicht als solche erkennt, er wird glauben, in einem Logen- oder Gesellschastshaus zu sein. Und wenn man ihm sagte: „Nein, hier ist ein Gotteshaus," dann würde er hinter dem ^Vorhänge vielleicht eher ein Standbild des Apollo als Thorarollen vermuten. Wir betreteil eine der neuesten, im romanischen Stil erbaute Synagogen. Ueber der heiligen Lade erstrahlt eine große Rosette in farbiger Glasmalerei, in die halbkreisförmige Nische fällt das Licht gedämpft durch buntschimmernde Bogenfenster, Treppe»! führen zu einem Tisch, der vor der Lade steht, amphitheatralisch ist das Gestühl angeordnet. Sollten wir nns geirrt haben und eine katholische Kapelle betreten haben? O nein! Beim Nähertreten sehen wir. daß der Tisch, den wir für einen Altar hielten, einige Schritte von der heiligen Lade entfernt steht, daß die Türme in den Glasmalereien nur Rosetten tragen. Also Verkennung hier wie dort! Wenn ein monumentaler Raum so gebaut ist, daß sich seine Bestimmung nicht aus seinem Aussehen ergibt, wenn ein solcher Irrtum nur denkbar ist, dann muß ein Fehler bei der Ausschmückung begangen sein. Er liegt in der zu geringen oder ungenügenden Betonung des persönlichen Moments, hier also der jüdischen Symbole, darin, daß die Aufgabe, eine Synagoge zu bauen, nur eine akademisch richtige Lösung fand, die nur an den praktisch denkenden Vorstand, nicht aber an das Herz nnd an das Gefühl der Besuchenden dachte. „Aber," wird man sagen, „die weißen marmornen Gesetzestafeln mit Gvldschrift stehen ja unterhalb der Rosette, in dieser selbst ist das sechseckige Schild Davids das Grundmotiv, nnd auch sonst ist diese Form verwendet." Nun freilich, diese eine Verzierung, die jedoch durchaus nicht spezifisch jüdisch ist, wäre genügend vertreten, gab es aber für die Glasfenster gar keine anderen Motive als Blumen und aufgerollte Blätter? Wenn doch sonst in der Glasfensterdckoration Wappen verwendet werden, warum nicht hier die doch dekorativ so wirksamen der 12 Stämme Israels? Die Dudonnpflanze auf rotem Grunde, das Wappen des Stammes Rüben, das Stadttor auf grünem, Simons Wappen sind bekannte heraldische Ornamente. Der Stamm Levi hat wie das Deutsche Reich schwarz-weiß-rote Ouerstreifen, in der Mitte den Brustschild des Hohepriesters, Juda führt de»! Löwen auf blauem Grund, und so sind die Embleme aller zwölf Stämme leicht anwendbar. Wenn die Seitenfenster schon Zinnen nnd Türme zeigten, weshalb nicht die der Königsbnrg in Jerusalem? Nach den Beschreibungen der wenigen erhaltenen Trümmer könnte sie ein Architekt wohl ebenso gut im Bilde restaurieren wie andere Burgen. Das Heiligtum in der Wüste ist so ausführlich beschrieben, daß selbst Schulknaben es znsainmenstellen, sollte es da nicht Erwachsenen gelingen, den Tempel regelrecht zn konstruieren? Eine kunstverständig« Restaurierung würde dem Publikum nicht einmal fremd anmuten, denn Karikaturen der verschiedenen Baulichkeiten ist es ja gewohnt, in de: Abbildungen des heiligen Landes ans Andenken an Jeri .lein, Votivtafeln -c. gar oft zu sehen. Wenn überhaupt schon jeder Stil für eine Synagoge wie für deren sämtlichen Schm ick erlaubt ist, so lange ein gewisser Ernst gewahrt bleibt, weshalb nicht auch auf den altjüdischen, der dem phönikischen und anderen vorderasiatischen Stilen sehr ähnlich war, zurückgreifen? Freilich wehe, wenn man diesen sklavisch nachahmen würde! Was für andere Zeiten, Zonen und Zwecke die einzig richtige Verzierungsart war, würde für die Jetztzeit ein Unding ergeben. Das wichtigste beim Synagogenbau ist aber, daß jüdischer Geist, jüdische Eigenart auf den ersten Blick aus demselben entgegenleuchtet, daß das Gotteshaus von Männern erbaut und geschmückt werde, die im Judentum leben nnd schaffen, die es lieben und verstehen. Wenn solche Israeliten Ornamente vor unseren Augen erstehen lassen, dann werden es bedeutungsvolle sein, es wird das Gefühl für unsere erste Heimat, der Stolz auf unsere ruhmreiche Vergangenheit jedenfalls besser geweckt werden als beim Anblick der kunstvollsten Arabesken, der schönsten Akanthusranken, der stilvollsten maurischen Eselrücken und gotischen Fischblasenverziernngen. Aehnlich wie beim Ban der Synagogen liegen die Verhältnisse bei den Paramenten. Die räumlich größten derselben sind die Vorhänge vor der heiligen Lade aber seht doch den von oben bis unten mit Buchstaben

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