Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 53 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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SS wohl vermag Saloniki mehr als andere jüdische Gemeinden des Orients eine Anzahl von Männern aufzuweisen, welche unsere Zeit und deren Forderungen verstehen und nach besten Kräften bestrebt sind, auf ihren Arbeitsgebieten zu reformieren. Der französische Humorist Alphonse Karr sagte einmal, ein Journalist müsse wenigstens täglich eine neue Idee haben. Nun, Saloniki zählt zu seinen Einwohnern einen jüdischen Journalisten Saadi Levy, welcher wenigstens allmonatlich - und das ist recht viel für den Orient — eine neue Idee bringt. Dieser Mann, welcher es verstanden hat. die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, .gibt zwei Zeitungen heraus, eine in jüdisch-spanischer Mundart: „La Epoca", die andere in französischer Sprache: „Le Journal de Salonique". In diesen beiden Organen stellt er seine glänzende Tätigkeit in den Dienst dreier Unternehmungen: er wirkt für die Reinerhaltung und Verbesserung der spanischen Sprache, er bemüht sich um die Verbreitung der türkischen Sprache, denn die Juden in der Türkei sprechen diese sehr schlecht, und endlich strebt er die Gründung einer , HIImm;,; israelito tnrgue" an. (Vgl. Von Nah und Fern.) In der asiatischen Türkei. Smhrna ist die größte und wichtigste Gemeinde in Anatolien (25000 Juden). Leider ist auch sie zweifellos im Niedergang begriffen, trotzdem können sich wunderbarerweise noch drei jüdische spanische Zeitungen erhalten, welche dort erscheinen. Mehr als in den vorangegaugenen Monaten hat sich hier in den letzten 14 Tagen ereignet, was für uns Juden von Interesse ist. An erster Stelle möchte ich hier die bemerkenswerte Tatsache erwähnen, daß der angesehene Mordechai Hazan von dem Vali-Pascha mit der Einziehung der Steuern betraut worden ist, welche die Juden, die bekanntlich in der Türkei nicht militärpflichtig sind, sür die Befreiung vom Militärdienst zu entrichten haben. Der Niedergang der smyrnotischen Gemeinde setzte vor ca. fünf Jahren mit den inneren Kämpfen ein, welche um die Wahl eines Nachfolgers für das Großrabbiuat entbrannten. Seit dem Tode des letzten würdigen Vertreters der berühmten Rabbiner-Familie Palacci, ist diese Vakanz bisher unerledigt geblieben. Daher die Uneinigkeit innerhalb der Gemeinde, welche ihrerseits wieder zur Auflösung vieler Humanitären Institutionen führte. So entzogen die Herren v. Rothschild in Wien, welche in Smyrna ein jüdisches Hospital aus ihren Mitteln unterhielten, angesichts des traurigen Schauspiels, daß sich Juden einer Gemeinde untereinander befehden, die früher sgewährte Subvention. Das Hospital mußte infolgedessen gechlossen und die Kranken zurückgewie sen werden. Erst vor einigen Tagen haben die Herren von Rothschild die Wiedereröffnung des Hospitals genehmigt, nachdem einige Notabeln sich verbindlich gemacht haben, die Ordnung wieder herzustellen. In Palästina. In dem Augenblick, wo ich dieses schreibe, schweben die Juden Palästinas in Furcht und Schrecken. Die Cholera ist im Anzuge. Gazza mit 90 Juden, Jaffa mit 3000, Hebron mit 1100, Saffed mit 8000, Liberia mit 4000 Seelen, ohne Jerusalem, das allein 40 000 Juden zählt, befinden sich in lebhaftester Unruhe. Jeder dieser Orte ist von einem Sanitätsordon umgeben und sämtliche Vorsichtsmaßregeln sind von ^Antoritäten getroffen worden. Der Eintritt in Jerusalem ist von nun an jedem Reisenden, sowohl dem einheimischen, wie dem fremden untersagt, nur mit Mühe finden noch die notwendigsten Gegenstände Eingang. Als Folgeerscheinung macht sich bereits eine Teuerung aller Lebensmittel und vor allen: der Medikamente geltend. Phenol ist im Preise sehr gestiegen; während früher das Kilo 1 Frank kostete, muß man jetzt schon 6 Franks für das gleiche Quantum zahlen. Obwohl die Vorbeugungsmaßregeln durch die Regierungsbehörden getroffen werden, hat die sephardische Gemeinde in Jerusalem aä troo noch eine Souderkommission zur Ueberwachung des Gesundheitszustandes gebildet, der Mr. Antebi, Direktor der Allianceschule, nud die Rabbiner Haim Eliaschar und Jacob Mair angehören. Die von den Aschkenazim gewählte Kommission setzt sich aus den Herren Moise Navon Effendi, A. Perlemann, M. Salomou, D. Feinstein und dem Rabbiner Loeb zusammen. Während in Jaffa, Gazza, Hebron und Liberias bereits die erwähnte Seuche eingedrungen ist, grassiert zurZeit unter den Juden in Saffed, einer abschreckend schmutzigen Ortschaft, eine epidemische Augenkraukheit, die bereits in mehreren Fällen! zu völliger Erblindung geführt hat. Die Ackerbaukolonien Rischon, Rehoboth, Castinie haben ans eigener Initiative eine Art Gendarmerie organisiert, welche, teils beritten, teils zu Fuß, Tag und Nacht darüber zu wachen hat, daß kein Dorfbewohner aus der Umgegend sich zu den Kolonien Zutritt verschafft. In Bulgarien. Unvergleichlich lebhafter betätigt sich die kleine Grupps der ca. 30 000 Juden in Bulgarien. Dieselben haben vierjüdische Zeitungen; zwei erscheinen in Sofia: „L'Eko Judaiko" und „la Verdad", eine in Philippopel: „Haschofar" und die vierte „El Amigv del Pueblo" in Rustschuk. Der Schöpfer und Leiter des gesäurten jüdischen Gemeindelebens ist der Großrabbiuer Bulgariens, Herr Dr. M. Ehrenpreis. Er ist das Muster eines Geistlichen, wie ich ihn allen Gemeinden des Orients, in denen das Gemeindeleben darniederliegt, wünsche. Man dürste schwerlich im Morgenland einen zweiten so rastlos tätigen Rabbiner finden; alles, was er in die Hand nimmt, kommt in Gang, bekommt Leben, alles belebt er. Auf seinen Amtsreisen, die er bald nach dem Norden Bulgariens, bald nach dem östlichen Rumelien unternimmt, inspiziert er die Schulen, überwacht die Verwaltungen der Schulen und nimmt die die Frequenz derselben behandelnden statistischen Berichte entgegen. Er predigt in den Synagogen, hält Vorträge m den Klubs der Jugend, überbringt bei allen Gelegenheiten die Segenswünsche seiner Gemeindemitglieder dem Herrscherhause und stattet den; Ministern Besuche ab. Er gibt eine Zeitung in zwei Sprachen heraus: „L'Eko Judaiko". In den letzten Schulferien hatte Dr. Ehrenpreis die glückliche Idee, das ganze Unterrichts* personal der jüdischen Schulen des Landes nach Sofia zu Ferienkursen einzuberufen und zwar über Pädagogik, hebräische Sprache, jüdische Geschichte, Homiletik; auch praktische Kurse vor den Schülern wurden abgehalten. Das Programm war ein recht umfassendes, ist jedoch gewissenhaft erledigt worden.! Die Kurse und die damit verbundenen Konferenzen haben deir Schulen manchen Vorteil gebracht und zur Annahme einiger! guter Unterrichtsmethoden geführt. Gleichzeitig wurde beschlossen, einen praktischen Leitfaden für den Religionsunterricht zu verfassen und dein bereits erwähnten „Eko Judaiko" eine pädagogische Beilage anzufügen. U. b'.