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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
Seite 50 (sequence 4)
Language
German
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50 der eingetreteneii Weiterbildung sein, daß heute der Ton dieser Musik ganz anders lautet, dasi nach einem Jahre schon durch tendenziöse Angriffe und gehässige Ausfälle gegen die Bibel versucht wird, die „Propheten und Dichter des Alten Testaments" auszuschalten, dasi derNeligionIsraels nicht nurihre Originalität, sondern was weit schlimmer ist, ihr sittlicher Gehalt abgesprochen wird? Und das alles nur, um nach alter Schablone ans dem pechschwarz gemalten Hintergründe des Jndentums den Goldglanz des Christentums um so lichtvoller hervortreten zu lassen. Es soll hier nicht noch einmal erörtert werden, wie wenig sich diese Nichtachtung des „Alten Testaments" mit dem Festhalten am Christentum vereinbart. Jesus und die Apostel beruhen mit ihren Anschauungen auf den Lehren der Bibel, berufen sich für ihre Forderungen auf jene „Vorurteile", die Delitzsch beseitigen möchte. Allein über diesen toten Punkt konnte auch die freie christliche Forschung nicht hinaus; die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft fängt ihr erst dann an, wenn das Christentum gegeben und angenommen ist. Was soll unter diesen Umständen die „Weiterbildung der Religion" bedeuten? Will man nur die Einkleidung weiterbilden, die die religiöse Lehre umhüllt, die Schale treffen, die den religiösen Kern einschließt? Dazu bedarf es wahrlich nicht so feierlicher Erklärungen und keiner von den Babyloniern hergeholten Gelehrsamkeit. Es ist ein unter Theologen allgemein anerkannter Satz, dasi religiöse Formen noch nicht Religion sind, dasi die Schale aber unentbehrlich ist, um den edlen Kern zu schützen und zu erhalten. Soll sich die Weiterbildung derNeligion auf den inneren Gehalt derNeligion beziehen, nun gilt, wir Inden haben sie nicht zu fürchten, uns wird längst der Glaube gelehrt, der, frei von jeder dogmatischen Befangenheit, frei von allen Unbegreiflichkeiten, frei von allen, sei es theologischen Kontroversen, sei es wissenschaftlichen Entdeckungen, unterworfenen Lehren, die wahre Gotteserkenntnis und die reine Menschenliebe lehrt und den Jeder ans den heiligen Urkunden erkennen kann, der sich ihnen ohne jede Voreingenommenheit naht. Dem Vorurteil kann solche Erkenntnis freilich niemals zu teil werden. Die Offenbarung im Herzen des Menschen, wie Delitzsch sie so hoch schätzt, sie ist nirgends kraftvoller ausgesprochen worden als von jenem Psalmisten, der bekannt hat: Herr, wenn ich dich nur habe, was frage ich noch nach Himmel und Erde (Psalm 7-3, 25), oder von Micha, der verkündete: Es ist dir gesagt. Mensch, was gut ist, was der Herr von dir fordert: Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gotte (Micha 8). Sv ist diese Offenbarung in ihrer Reinheit und Lauterkeit im Judentum zu allen Zeiten sestgehaltcn worden, und es ist unsere Aufgabe, jedem Versuch einer Weiterbildung derNeligion gegenüber auf sie hinznweisen und sie zu verteidigen für alle Zukunft. Mit Recht hat Delitzsch von Weiterbildung derNeligion gesprochen. Wahre Religion und wahre Religiosität gibt es nur eine, diejenige, die ties durchdrungen ist von Gott und sich betätigt in reiner Menschenliebe. Wer die Quelle solcher Religiosität sucht, der komme zu Israels Schrifttum, er wird sie wiederfinden als die abschließende Weisheit, welche das hart angegriffene Buch Hiob lehrt: Gott ehrfürchten, das ist Weisheit, Sich des Bösen enthalten, Einsicht. (Hiob 28, 28>. Die Msche. Berlin, 28. Januarine tüchtige Lektion hat irr der Reichstagssitzung vom 21. d. M. der antisemitische Abgeordnete Liebermcmn v. Sonnenberg vom Reichskanzler selbst erhalten. In der Etatsdebatte hatte der Abgeordnete u. a. auch gesagt: „Der Ton der jüdischen Presse wird immer anmaßender, sobald einmal der Monarch den christlichen Staat betont und die Eintracht unter den christlichen Konfessionen befürwortet. Wenn der Kaiser einmal bei einer Neife eine Synagoge nicht besucht, so kommen die ungezogensten Rekriminationen in der jüdischen Presse." Solange Herr Liebermann v. Sonnenberg den Nachweis für diese Behauptung ans der jüdischen Presse nicht führt wird man sie in die Reihe jener Behauptungen stellen müssen, die aus Rücksicht ans einen vielzitierten Gesetzeßparagraphen nicht qualifiziert werden dürfen. Wir erinnern uns nicht, jemals eine solche „Rekriniiuation" gelesen zu haben — Herr Liebermann v. Sonnenberg sicher auch nicht. Es ist schade, daß der Reichskanzler in seiner Erwiderung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, nicht auch auf diesen Punkt eingegangen ist. Der Schluß seiner Antwort lautete folgendermaßen: „Grobheit ist noch nicht Würde, und Kratzbürstigkeit ist nicht Festigkeit. Ein ewiges Greinen und Schelten und Schimpfen über das Ausland, wie ich es hier und da — glücklicherweise nur noch selten — in deutschen Blättern sehe, ist noch kein Beweis von richtigen! Nationalbewußtsein. (Sehr richtig! links.) Chauvinismus und Vaterlandsliebe sind nicht identische Begriffe. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, daß wir. wie die Indianer, bei jeder Gelegenheit den Tomahawk schwingen und heute diesen, morgen jenen Skalp fordern. Wir werden nirgendwo das Aschenbrödel spielen, aber den Renommisten und Großsprecher wollen wir auch nicht spielen hehr gut! links), sondern den ruhigen und festen Mann, der, wie es immer gute deutsche Art gewesen ist, ohne Schwäche, aber auch ohne Provokation und ohne Maulheldentum, sich und die Seinigen schützt." (Lebhafter Beifall.) Herr Professor Delitzsch sieht sich genötigt, verschiedene Mißverständnisse, die sich an seinen zweiten Vortrag „Babel und Bibel" knüpfen, abzuwehren, indem er erklärt: „In Berichten über meinen Vortrag „Babel und Bibel, Fortsetzung" findet sich mehrfach ein doppeltes Mißverständnis, welches richtig zu stellen meine Pflicht ist. 1. „Die Hand aufs Herz! Wir haben außer der Gottesoffenbarung, die wir ein jeder in uns, in unserem Gewissen tragen, eine persönliche, unmittelbare Gottesoffenbarnng gar nicht verdient. Denn geradezu frivol hat die Menschheit Gottes nreigentliche Offenbarung, die zehn Worte auf den Gesetzestafeln von Sinai, bis auf diesen Tag behandelt." So lauteten meine Worte: verdient, nicht: gebraucht! 2. Nie und nirgends habe ich behauptet, das; der Monotheismus Israels ans Babylonien stamme, vielmehr immer und immer wieder den krassen Polytheismus der Babylonier betont. Jene Namen, wie „Gott (El) sitzt im Regiment", „Wenn Gott nicht mein Gott wäre", „Gott ist Gott", „Jahn ist Gott" eignen den Abkömmlingen n 0 rd sem i tischer Beduinen, von denen sich ein Teil in Babylonien um 2500 v. Chr. seßhaft machte, während der andere Teil, ans welchem nach einem Jahrtausend die Kinder Israels hervorgingen, sein Nomadenleben fortsetzte. Die in einem Vortrag der Anthropologischen Gesellschaft neulich beliebte Polemik, gipfelnd in den pathetischen Worten: „Und aus dem bankerotten Babel sollte sich Israel seine reine monotheistische Gottesidee geholt haben?" beruht hiernach ans einer irrigen Vorstellung und ist durch und durch gegenstandslos." Diese Erklärung ist sehr wichtig, wenn auch die Polemik, die Professor Hilprecht, einer der ersten Assyriologen der

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