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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. Ar. 5. Berlin, 36. Januar 1903 Zeitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D* Ludwig PMippson-Sonn. Verlags-Expedition: Berlin, Zerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin 8^v., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.S M. Redacteurr Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel! Weiterbildung der Religio». - Die Woche. - Ein Vorschlag. — Briefe aus dein Orient. — Ueber Synagogen und jüdisches Kunstgewerbe. Von EduardIoel — Feuilleton: Bei Kunstreitern. Von Moritz Hart mann. III. — Ein jüdisches Herz. Ein Gedenkblatt von Regina Neisser — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. - Korrespondenzen und Naibrichtenr Berlin, Königsberg. Schivelbein, Wreschen, Breslau, Ratibor, Dessau, Hamburg, München, Wien, London. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Weiterbildung der Religion. Berlin. 26. Januar. anz unvermittelt, ohne inneren Zusammenhang mit dem Gegenstand, den er behandelte, stellte Professor Friedr. Delitzsch am Schlüsse seines jüngst an dieser Stelle besprochenen Vortrags die Forderung von der Weiterbildung der Religion. Dieses vieldeutige Wort hat in der öffentlichen Meinung eine große Erregung hervorgerufen, und da der Redner eine nähere Erläuterung über die Richtung dieser Weiterbildung unterließ, a»f den verschiedenen Seiten Hoffnungen nird Befürchtungen erweckt. Beides ist ungerechtfertigt; so feierlich obiges Wort auch verkündet wurde, so wenig war es von diesem Redner auf seinen Inhalt und seine Tragweite hin erwogen. Daß gerade die der Forschung neuerdings zugänglich gewordenen babylonischen Elemente zur Weiterbildung der Religion den Anstoß geben sollten, ist durch Tatsachen und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu rechtfertigen. Die Babylonier erweise» sich wohl als Träger einer technisch und künstlerisch hoch entwickelten Kultur, als Vertreter eines weit ausgedehnten und großartig verwalteten Staatswesens, aber ihre Religion, ihre Betrachtung und Verehrung der Götter, ihre Anschauungen über Sittlichkeit können wahrlich nicht der modernen Welt als Muster hingestellt werden. Ein grobsinnlicher, ans rohen Anschauungen über das große Heer von höheren und niederen Gottheiten begründeter Kultus mit wilden sittlichen Ausschreitungen, die Götter den fleischlichen Begierden unterworfen, in Zwietracht, Zank und Hader mit einander, in rücksichtslosem Kampf mit dem Feinde und erbarmungsloser Mißhandlung des Besiegten, sind wahrlich schlechte Vorbilder für die Mensche». Freilich leugnet Delitzsch den Polytheismus der Babylonier, er sieht im Lande des Euphrat nur eitel Glanz und will die Urkraft Israels sowie seine besten Gesetze von dort herleiten, ja in wichtigen Punkten ^oll die Gesetzgebung der Bibel hinter derjenigen Babylons sogar zurückstehen. Diese Theorie Delitzsch' stellt sich wissenschaftlich als die Verquickung zweier Hypothesen dar, die durch sehr wichtige Einwände nainhaster Fachgelehrten in jüngster Zeit beide wesentlich erschüttert wurden. Es gilt seit Wellhausen als Dogma der Bibelsorschung, daß die als halbwilde Nomaden in Kanaan eingewanderten Israeliten die höhere Kultur der von ihnen besiegten Bevölkerung samt ihren Kultstätten und Glaubensheroen übernahmen, und H. Winckler hat diesen stark angefochtenen Satz dahin ergänzt, daß alle semitischen Völker von der einen großen Kultur beherrscht waren, deren Zentrum Babylonien vielleicht gewesen ist. Zugegeben, Kanaan sei „vollständig eine Domäne babylonischer Kultur" gewesen, so konnten die eingewanderten Israeliten alles von den Babyloniern lernen, nur nicht die diesen völlig unbekannte Gottesidee. Man muß nicht gerade Assyriologe von Fach sein, um die Unhaltbarkeit der Behauptung vom Monotheismus der Babylonier zu erkennen. Die Religion der Babylonier bestand im wesentlichen im Gestirndienst; Mond, Sonne, die Planeten sind die Vertreter der Hauptgottveiten, Ami und Bel, Marduk und Ea, Sin und Shamash, das sind nur einige Namen aus dem Göttertempel Babylons. Delitzsch selbst hat in seinem vorjährigen Vortrag Götterprozessionen vorgeführt; am Bel-Tempel zu Nippnr haben die Ausgrabungen der nordamerikanischen Expedition nicht weniger als sechsund zwanzig Götternischen zu Tage gefördert. Der Leiter jener Expedition, Professor Hilprecht, hat am 17. Januar in der hiesigen Anthropologischen Gesellschaft ruhig und sachlich, ohne in die Tagespolemik einzugreifen, über die Ergebnisse seiner Ausgrabungen berichtet, hat aber doch nicht umhin können, der allzukühnen Hypothese Delitzsch entgegenzutreten. Nie und nimmer will der Gelehrte, der seit vierzehn Jahreil jene Ausgrabungen Persönlich leitet, es gelten lassen, daß Israel aus dieser vermoderten Götterwelt seinen Monotheismus übernommen habe; keine Bezüge gibt es für ihn von der abgestorbenen Religion der Babylonier zur Lehre Israels von dein einig-einzigen lebendigen Gott, der nicht schläft und nicht schlummert. Weiterbildung der Religion scheint nur eine Zusammenfassung des Satzes zu sein, der schon im vorjährigen Vortrage enthalten war, scheint nur aus das Bestreben hinznweisen, „durch Befreiung unseres Denkens von allerlei festgewurzelten Vorurteilen die wahre Religion und die wahre Religiosität, wie sie uns die Propheten und Dichter des Alten Testaments und in erhabenstem Sinne Jesus gelehrt, nur um so wahrer llnd verinnerlichter herauszubilden." Soll es schon ein Zeichen

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