Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228533--59443-3295958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
51 Gegenwart, ein Mann, dem die wertvollsten Ansgrabungen und Entdeckungen auf babylonischem Boden zu verdankeil, in seinem Vortrag in der „Anthropologischen Gesellschaft" gegen Delitzsch gerichtet hat, dadurch keilles Wegs gegenstandslos geworden ist. Wir werden auch auf diesen Vortrag zurückkommen, sobald er gedruckt vorliegt. Für heute wollen wir nur das Schlußwort desselben zitieren: „Diese ganze babylonische Nation ist schlafen gegangen mit dem Bekenntnis aus den sterbenden Lippen: Unsere Götter sind tot! Und aus diesem Leichenfeld voll Modergeruch und Ruinentrümmern sollte Israel sich seine reine monotheistische Gottesanschauung geholt, auf diesen Bankerott einer Götter- und Knlturwelt gewissermaßen einen faulen Wechsel gezogen haben?! „Höre, Israel, der Ewige, dein Gott ist ein einziger Gott!" Und es heißt auch; „Es schläft und schlummert nimmer der Hüter Israels." Auf Grund meiner vierzehnjährigen Arbeit auf den Ruinenfeldern Babylons gestehe ich es hier an öffentlicher Stelle, daß ich mich zu einer radikal anderen Ausfassung bekenne, wie die vor einigen Tagen zum Ausdruck gebrachte." In Bayern scheinen seltsame Dinge vorzugehen. Man weiß, daß das Zentrum gegen den neuen Kultusminister von vornherein sehr stark eingenommen war. Indes hat sich diese,. Sturm in den letzten Wochen fast vollständig gelegt. Es verlautet, daß der neue Minister mit der allmächtigen Partei seinen Frieden geschlossen hat. Und man muß fast befürchten, daß auch in diesem Falle, wie so oft, die Juden die Kriegskosten mit zu bezahlen haben werden. Anders ist die folgende Nachricht, die wir übrigens schon kurz gebracht, gar nicht zu verstehen : Nü rn b erg, 23. Januar. Im Gemeindekolleg wurde ein Ministerialerlaß erwähnt, wodurch die Stadt Nürnberg veranlaßt werden soll, die beiden Lehrer jüdischen Glaubens an ihren Simultanschulen zu entfernen und jüdische Lehrer nicht mehr anzu stellen. Die Angelegenheit wurde an eine Geheimsitzung verwiesen, nachdem erklärt worden war, daß ein derartiger Erlaß bisher amtlich nicht veröffentlicht worden sei. Man wird die Veröffentlichung jenes zitierten Ministerialerlasses abwarten müssen, um die Motivierung der mehr als seltsamen Forderung beurteilen zu können. 4 Dnrch die antisemitischen Blätter geht ein „untertänigster Bericht", den der russische Oberprokurator Pobjedonoszew dem Zaren überreicht hat. Es heißt darin unter anderem: „Der Einfluß der Jude« auf die in ihren Diensten stehenden Personen orthodoxen Bekenntnisses läßt sich in auffallendster Weise wahrnehmeu. Alle Minderjährigen, die einige Jahre bei Juden leben, vergessen vollständig ihren Glauben. An den Sonnabenden und Sonntagen sind sie der Möglichkeit beraubt, ihre Kirchen zn besuchen; da die Juden äußerst streng ihre Feiertage heiligen, müssen die Christen Sonnabends für sie handeln oder in der Schänke als Schnapsverkäufer stehen; am Sonntag jedoch und an den sonstigen Feiertagen sind die Juden infolge der an diesen Tagen stattfindenden Märkte besonders einer Hilfe benötigt und verböten aus diesem Grunde unter Androhung von Strafen oder Dienstentlassung ihren Arbeitern den Besuch der Gotteshäuser. Da die im Dienste der Juden stehenden Christen somit der Möglichkeit beraubt sind, die Kirchen zn besuchen und den Heiligenbildern die schuldige Ehrfurcht zn erweisen, entwöhnen sie sich, die christlichen Feiertage einzuhalten. Mit Schrecken vernehmen die Geistlichen bei der Beichte in jüdischen Diensten stehender Christen jene wütenden Sch impsreden ans das Christentum, den Erlöser und die Gottesmutter, welche die Inden ausstoßen und welche durch die christlichen Arbeiter leicht durch das Volk getragen werden können. Die Arbeiter ans den Juden gehörigen Fabriken werden auf die mannigsachste Weise verdorben, indem man sie unter anderm zur Arbeit an Feiertagen zwingt. Um die Fabriken haben die Juden ein Netz von Schänken und Bierbuden gezogen; hierher werden die Arbeiter gelockt und in ein ausschweifendes Leben getrieben, wobei sie die letzte sauer erworbene Kopeke den Juden opfern, ihre Gesund« heit untergraben und Physisch und sittlich verkrüppelt, oft ganz unfähig zu weiterer Arbeit, aus dem Dienst bei den Juden hervorgehen." Wir wissen nicht, ob dieser Bericht neu oder älteren Datums ist. Nach der Auslassung über die „Schnapsverkäufer" möchte man wohl letzteres aunehmen, da ja durch das Branntweinmonopol den Juden dieser Erwerbszweig so gut wie völlig verschlossen wurde. Aber gleichviel, ob alt oder neu, die Behauptung, daß die christlichen Dienstboten von den Juden „wütende Schimpfredeu auf das Christentum" hören, ist damals wie heute eine perfide Unterstelluu g, die freilich ihre Wirkung dort nicht verfehlen kann, wo es an jeder Kontrolle der wirklichen Verhältnisse fehlt — und die antisemitischen Blätter drucken den Bericht mit großem Behagen ab. Obschon die Lage der Israeliten Persiens seit einigen Jahren sich etwas gebessert hat, so sind die Beunruhigungen doch nicht selten. Die Gründung von Schulen, die Gegenwart und das energische Auftreten der Direktoren der Alliance, verbunden mit dem unleugbar guten Willen des Herrschers und seiner Oberbeamten, können manchmal den Ausbrüchen der Volkswirt und den Aufreizungen der fanatischen Anführer zuvorkommen. Wenn trotzdem Gewalttaten geschehen sind, so treten die Direktoren sofort ein, und ihre Schritte werden fast stets von den Gouverneuren günstig ausgenommen. Infolge wiederholter frevelhafter Angriffe in diesem Winter- Hat das Zentralkomitee der Alliance nachstehenden Brief an den Großvezier von Persien gerichtet: Paris, den 2. Dezember 1902. An Se. Exzellenz, den Großvezier, Teheran. In der Audienz, welche Se. Majestät der Schah geruht hat, in Parts einer Abordnung des Zentralkomitees der Alliance zu bewilligen, hat Ew. Exzellenz uns die wohlwollendsten Gesinnungen für die Juden versichert. Indem wir uns auf diese sympathischen Versicherungen berufen, gestatten wir uns, die hohe Fürsprache Ew. Exzellenz zu Gunsten unserer Glaubensgenossen von Bourougnerd und Kirmanchah in Anspruch zu nehmen. Am 18. August 1902 wurden drei Israeliten von Bourougnerd in der Nähe des Dorfes Dö-Kordö ermordet; es waren dies Daond Jecheskel, Jakob Jsaac und Jecheskel Levy. Kürzlich, im Oktober d. I., wurden zwei Juden von Kirmanschah von demselben Schicksal betroffen und zwar bei dem Dorfe Feronzi Abad. Die jüdische Bevölkerung der ganzen Gegend befindet sich m der größten Aufregung; da die Schuldigen nicht verhaftet worden sind, so fürchtet sie andere derartige Missetaten. Ew. Exzellenz ist es wohl nicht bekannt, daß unter den unwissenden Massen die Meinung verbreitet ist, man könne einen Juden ungestraft töten. Die Negierung Sr. Majestät hat zahlreiche Beweise ihres Wohlwollens für die israelitische Bevölkerung gegeben. Se. Majestät hat geruht, höchstselbst zu sagen, daß alle Untertanen des Reiches ohne Unterschied vor dem Richter die gleiche Behandlung fänden. Wir bitten daher Ew. Exzellenz ergebenst, die nötigen Befehle erteilen zu wollen, daß die Mörder unserer armen Glaubensgenossen ausfindig gemacht werden. Deren Festnahme würde die israelitische Bevölkerung beruhigen und den Beweis liefern, daß die Regierung Sr. Majestät entschlossen ist, das Leben und Gut der jüdischen Untertanen zu schützen. Gestatten Sie, Exzellenz, die Versicherung unserer ehrfurchtsvollsten Ergebenheit. Für das Zentralkomitee Der Präsident (gez.): N. Leven.