Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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Berlin, 23. Januar 1903 " « Dkr Geinelndkbole. 'Ueil'crge zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. -2- Berlin, 18. Januar. Wir haben bereits in der vorigen Woche mitgeteilt, daßder Vertrag des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes mit der Victoria in Berlin zum zweiten Male erneuert worden ist. Diese Tatsache ist für weite Kreise eine sehr erfreuliche und wichtige. Hat doch der Deutsch-Israelitische Genleindebund während des Bestehens dieses Vertrags nicht weniger als 975 Lebensversicherungen, die ein versichertes Kapital von 3887 000 Mark repräsentieren, durch seine „Friedrich Wilhelm Victoriastiftung" ermöglicht, indem diese Stiftung durchschnittlich etwa einViertel der Gesamtverpflichtung getragen und damit immerhin ihren Klienten eine Zuwendung von einer Million Mark gemacht hat. Der Hilssfond derselben ist jetzt auf mehr als 200000 Mark angewachsen, und es ist somit möglich geworden, ihren Wirkungskreis durch folgende Benefizien zu erweitern: 1. Der Zuschuß für Gemeindebeamte, welche Bundesgemeinden angehören, beträgt für die vom 1. Januar 1903 neu entrierten Versicherungen pro anno mindestens 50 Mark, für Nichtbundesgemeindenangehörige 40 Mark. 2. Der Zuschuß bleibt immer derselbe; die Dividende kommt den betreffenden Versicherten allein zu gute. 8. Der Zuschuß wird versicherten Gemeiudebeamten aus Bundesgemeinden auf 5 Jahre, aus Nichtbundesgemeinden auf 3 Jahre bewilligt, so daß der Prämienzuschuß nicht für jedes Jahr vom" Versicherten beantragt zu werden braucht. 4. Bei Rabbinern kann Zuschuß bis zu 100 Mark bewilligt werden, jedoch nickt unter 50 Mark pro anno. Zu diesen Bestimmungen werden noch die folgenden Ergänzungen willkommen sein: Zu 1: Die Bezeichnung Gemeindebeamter ist im weitesten Sinne zu verstehen und umfaßt alle mit der Erteilung des Religionsunterrichts betrauten Personen, die Kantoren und Bureaubeamten, sofern sie im Dienste einer jüdischen Gemeinde ihren Hauptberuf sehen. Zu 3: Ebenso wie die erstmalige Bewilligung, ersolgt auch die Weiterbewilligung in fünfjährigen Perioden für die Beamten aus Bundesgemeinden, in dreijährigen sür diejenigen aus Nichtbundesgemeinden. Desgleichen wird für die bisherigen Versicherten, sobald die Zeit für die Einreichung eines Verlängerungsgesuches herangekommen sein wird, die Verlängerung auf je 5 beziehungsweise 3 Jahre erfolgen. Es ist nun dringend zu wünschen, daß jeder, der eine Versicherung eingeht, daran denkt, unfern Gemeindebeamten eine Alters- und Reliktenversorgung zu ermöglichen, ohne daß er dadurch selbst irgend ein Opfer bringt, da die Friedrich Wilhelm Victoria-Stiftung von allen bei der Victoria abgeschlossenen Versicherungen von Juden Abschlußprovisionen erhält, während der zu Versichernde dabei sogar noch gewisse Vergünstigungen genießt. Denn nach Z 4 des Vertrages mit der „Victoria" wird bestimmt, daß in allen denjenigen Versicherungsfällen, sür welche nach Z 2 des gegenwärtigen Vertrages dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde ein Gewinnanteil gewährleistet ist, folgende Vergünstigungen gewährt werden: s) Die versicherten Personen haben unter der Bedingung, daß sie einer Bundesgemeinde des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes angehören, oder wenigstens persönliche Mitglieder des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes sind, für den Abschluß des Versicherungsvertrages einschließlich der Ausfertigung und Ausfolgung der Polizen, mit Ausnahme des gesetzlichen Stempels, keinerlei Nebenkosten zu zahlen, b) Bei Versicherung auf den Todesfall trägt die „Victoria" das an die Vertrauensärzte sür die erforderliche Untersuchung sowie das an die Hausärzte zu zahlende Honorar, e) Das durch den Tod fällig werdende Versicherungskapital wird schon innerhalb der ersten vierzehn Tage nach vollständiger Vorlegung der vertraglich erforderlichen Papiere seitens der „Victoria" au die Berechtigten ausgezahlt. Angesichts dieser Tatsachen wird jeder, der die Verhältnisse kennt, über die Erneuerung des Vertrags lebhafte Befriedigung empfinden. §2 Berlin, 16. Januar. Im Verein für jüd i sch e Geschichte und Literatur hielt am 15.d.M. Herr Chefredakteur Dr.J. Land au einen höchst interessanten Vortrag über das Thema: „Der Jude aus dem Theater." Bei der eminenten Sachkenntnis des Redners auf diesem Gebiete war es wohl zu erwarten, daß er sein Thema nach allen Richtungen beherrschen und glänzend darstellen werde. Diese! Erwartungen wurden aber noch weit übertroffen durch die Fülle! neuer Gesichtspunkte und Anregungen, durch geistvolle Apercus und! Ausblicke, an denen der Vortrag überreich war. Der Redner beleuchtete zuerst das Verhältnis der Juden zur dramatischen Kunst, ihre besondere Vorliebe und Eignung sür diese, um sodann die Teilnahme der Juden am Theater, ihre Betätigung als Darsteller und Dichter zu erörtern. Den letzten Teil des Vortrages bildete ein Ueberblick über die dramatische Literatur, die sich mit den Juden beschäftigt. Das „ideale Judenstück", so führte der Redner sehr treffend aus, ist noch nicht geschrieben. Es wird das sein, in dem die Juden weder angegriffen noch vertheidigt, sondern wahrheits- und wirklichkeitsgetreu dargestellt werden. Aber dieses Stück ist heute noch nicht möglich. Es wird erst möglich sein, wenn man uns die volle Gleichberechtigung auch im Leben und Wirken gewährt hat. Rauschender Beifall begleitete am Schluffe die geistvollen Ausführungen des Redners, dem das sehr zahlreich versammelte Publikum länger als! eine Stunde mit größter Spannung gefolgt war. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Danzig sprach Rechtsanwalt Baerwald-Bromberg über „Benjamin von Tudela". Dr. med. Levh über „Judentum und Rasse"; in Schwetz a. W. Dr. Guttmann- Culm über „Manasse ben Israel" und Schriftsteller Leo Erich sen-! Breslau über „Den Orient, die Inden und die jüdische Kulturarbeit! in Palästina"; in Schwedt a. O. Dr. Holzer über: „Die Missionstätigkeit des Judentums in der griechisch-römischen Welt der letzten vorchristlichen Jahrhunderte"; in Grätz Dr. Nordheimer-Schwetz j über „Das Kaddischgebet"; in Schroda Dr. Königsberger-Plefchen > über „Das Wesen des Gebets"; in Pinne Fräulein Pe rli tz-Samter über „Einiges aus der Pädagogik des Volkes Israel"; in Lissa! Dr. med. Sandler-Breslau über „Die Ziele des Zionismus"; in Samter Lehrer Speyer-Gostyn über „Gabriel Nüsser"; in Glogau! Professor Dr. Geiger über „Michael Sachs und Moritz Veit", Geheimer! Regierungsrat Cohen-Marburg über „Die Grundideen des Judenthums"; in Breslau Professor Dr. Leop. Cohn über „Altes Testament und Keilschrift"; in Ratibor Dr. Blumenthal über „Jüdische Sittenprediger des Mittelalters", Dr. Freund-Ostrowo über „Entlegene Kulturen"; in Magdeburg Dr. Grzymisch über „Die Entwickelung der jüdischen Sittenlehre"; in Leipzig Dr. Leon Zeitlin über „Sozialismus im alten Israel", Dr. Nobel-Leipzig über „Die Ethik der Bergpredigt"; in Forst i. L. Dr. Jacob- Göttingen über „Die Sendung Mosis von Schiller"; in Anuaberg Dr. Stern-Saaz über den „Geist des Gesetzes"; in Hamburg Dr. Grunwald über „Die Pharisäer bei Sudermann und in der Geschichte"; Dr. Bamberger-Wandsbeck über „Judentum und! Islam"; in Bremen Dr. I. Pinette über „Rembrandt als Bibelmaler"; in Geestemünde-Bremerhaven Rektor Jos. Feiner- Hamburg über „Elternhaus und Familie, zwei sittliche Mächte Israels"; Dr. med. Arthur Kahn-Bonn über „Jüdische Frauen und ihre Aufgaben"; Lehrer Bachenheimer über „Das bedeutsamste Buch der hebräischen Literatur aus dem 9. Jahrhundert u. Chr."; in Schwerin Dr. Mannheimer-Oldenburg über „Ein Spaziergang im Garten! der Kultur"; in Dortmund Dr. Ackermann-Brandenburg über ' „Judentum und Christentum"; in Elberfeld Lehrer G ol d sch m id t- Dortmund über „Die Geschichte der Juden in Westfalen"; in Beuel l Lehrer Alexander-Brühl über „Leid und Freud bei den Juden";! in Bingen Schauspieler Richard Treu-Mainz aus „Nathan der Weise" und „UrielAcosta"; in Köln Max Goldreich über „Moderne jüdische Literatur"; in Siegburg Dr. Edelstein-Bonn über „Zur Geschichte der jüdischen Aerzte"; in Frankfurt a. M. Dr. Adolf