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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
Seite 47 (sequence 13)
Language
German
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47 „Wenn wir nur erst dort wären! Wir bewegen uns mit unseren Pferden und dem Ungeheuern Gepäck so langsam fort, und morgen müssen wir des Feiertages wegen hier rasten." „Könnten Sie nicht vorausreisen?" „Wir dürfen nicht reisen an einem so hohen Feiertag, mein Fräulein, es ist der Versöhnnngstag, der höchste und strengste Feiertag der Juden." „Ich glaubte immer. Sie wären eine Spanierin?" sagte Else in fragendem Tone. Laurabella lächelte. — „Eine Spanierin bin ich nur auf der^Asfiche, und nur auf der Asfiche heiße ich Laurabella. Im Leben heiße ich Jettchen Mannheimer und bin aus Paderborn. Das tut man so. Für Jettchen Mannheimer hätte sich kein Stutzer der Welt interessiert, aber Sennora Laurabella aus Valencia ist schnell berühmt geworden." Laurabella schien bereit, noch manches in ironischem Tone ihrer Rede hinzufügen zu wollen, aber sie unterbrach sich Plötzlich und ging rasch auf ihren vorigen Platz zurück, denn das Gebet begann. »Jetzt horchen Sie!" sagte ich zp Else. Der Vorbeter hatte sein stilles Gebet vollendet und begann das laute, das mit den Worten anfängt: „Alle Gelübde, alle Schwüre. >) Die traditionelle Melodie dieses Liedes, die vielleicht Jahrhunderte alt, ist überaus melancholisch, sanft und herzergreifend, wenn sie von einem geschickten Sänger vorgetragen wird. Herr Wullenweber, der Direktor der Kunstreitergesellschaft, der den Vorbeter machte, schien musikalischen Sinn zu haben, denn er machte sie in ihrer ganzen tiefen Melancholie geltend- Kaum hatte er einige Takte gesungen, als bereits die Weiber zu schluchzen anfingen, und selbst einige der betenden Männer, die vor ihnen standen, tiefe Seufzer ausstießen. Bald erscholl lautes Weinen und mit solcher Heftigkeit, als wäre es den Betenden nicht möglich, das überwallende Gefühl zurückzudrängen. Die christlichen Mitglieder der Truppe, die da und dort in der Scheune auf dem Stroh lagen, erhoben die Köpfe und blickten die zerknirschten und weinenden Beter mit ebenso viel Erstaunen an wie meine Begleiterin. „Was mögen nur diese hebräischen Worte sagen, die der Vorbeter singt?" fragte Else. „Diese Worte," antwortete ich ihr, „haben eigentlich nichts, was die Beter so sehr rühren könnte, auch verstehen sie sie nicht." „Warum weinen sie denn so sehr? Die Melodie ist zwar sehr originell und rührend, aber doch nicht so sehr aufregend." „Mein Fräulein," sagte ich, indem ich mich zu ihr setzte, „die große Feier beginnt. Morgen ist der große Gerichtstag, da tritt der Böse vor den Herrn und klagt an, gerade so, wie Sie es aus dem Faustprolog im Himmel kennen. Morgen werden die Schicksale der Menschen für dieses ganze Jahr festgestellt, in ein Buch geschrieben und besiegelt. Morgen werden die Sünden vergeben oder die Strafen für die unverzeihlichen bestimmt von Gott dem Allmächtigen. Da wird bestimmt, wer durch Feuer, wer durch Wasser, wer durch Pest u. s. w. zugrunde gehen soll — da wird jegliches Glück und Unglück verhängt. Alles Elend, das diese Elenden in diesem vergangenen h 'NM N2 Jahre getragen, ist ihnen so am letzten Versöhnungstage verhängt worden. Nun, mit dem Beginn der Feier, erinnern sie sich Plötzlich aller Drangsale, aller Mühseligkeit, aller Verluste, aller Schmerzen und, ach, aller Verachtung, die sie in diesem Jahre getragen. Sie weinen vor Gram über Vergangenes und vor Angst vor dem Zukünftigen. O, ihre Harzen sind in diesem Augenblicke vom gesättigtsten Kummer erfüllt; alle Leiden des Menschen, alle Leiden ihres Standes und vorzugsweise alle Leiden des Juden stehen jetzt in Scharen vor den Augen ihrer Seele." „Sie sind ein Poet," sagte Else lächelnd, „glauben Sie, daß Laurabella, die als Sylphe durch sechs Reifen springt und vier Pferde zugleich reitet, dasselbe fühlt?" „Sehen Sie Laurabella jetzt an," antwortete ich. Laurabella hielt mit beiden Armen das Kissen umklammert, in welches ihr Kind gehüllt war, und hielt sich so gebeugt, daß ihre Wange auf dem Kissen ruhte. Das Tuch war ihr halb vom Kopfe gesunken, und ihre dicken, schwarzen Haare fielen wie ein schwarzer Schleier über das halbe Gesicht. Ihr ganzer Körper zuckte krankhaft unter dem Schluchzen, das ans tiefstem Herzen zu kommen schien, während das Kissen, auf dem ihr Kopf lag. von Tränen naß war. „Sonderbar," sagte Else kopfschüttelud, „wer hätte sich Laurabella jemals so vorgestellt? Und Sie, lieber Freund, was ist Ihnen? Sie sehen ja so eigentümlich aus." „Vielleicht etwas ergriffen," sagte ich und legte mein Gesicht in beide Hände. Indessen war jenes Lied zu End« gesungen, es folgten andere, dann wieder Gebete, die entweder still oder etwas lauter monoton hingemurmelt wurden. Das Ungewitter hatte sich auch beruhigt, und der Regen fiel klopfend auf die Holzdecke der Scheune. Der Regen, das Murmeln der Beter, die Atemzüge der Schläfer woben, da auch das heftige Weinen aufgehört hatte, durch den ganzen Raum ein traumhaftes Gewebe von Tönen. Ich brütete, vertiefte mich in alte Erinnerungen und empfand endlich ein so schmerzliches Behagen, daß ich selbst ungeduldig wurde, wenn mich Else mit Fragen nach diesem und jenem im jüdischen Kultus oder auch nach den Ursachen meiner Vertiefung störte. Als dann der Vorsänger das Lied begann: „Wie der Ton in der Hand des Töpfers, wie das Silber in der Hand des Goldschmieds, so sind wir in der Hand des Schöpfers" 2) fiel ich mit halber Stimme ein und sang znm größten Erstaunen Elses die Melodie mit, wie eine altbekannte. „Woher kennen Sie das alles so genau?" fragte sie, „und überhaupt ivas ist Ihnen? Sie sind, wie ich Sie nie gesehen habe, aufgeregt, vertieft, gerührt, als ob Ihnen plötzlich ein Unglück geschehen wäre. Erklären Sie mir —" „Kommen Sie," erwiderte ich, indem ich ausstand, „der Regen hat aufgehört; sind wir in freier Luft, will ich Ihnen erklären." Wir sagten noch Laurabella Adieu, schwangen uns auf die Pferde, die derselbe Juuge uns vorsührte, der sie uns abgenommen hatte, gaben diesem ein Trinkgeld und trabten davon. (Schluß folgt.» -1 N^1N2 MN'2! der süddeutsche Ritus hat dafür ^2NN-

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