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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
Seite 46 (sequence 12)
Language
German
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46 ihre verlorenen Menschenrecht« nach und nach wieder zu erhalten erwarten dürfe. In Ew. Churs. Drchl. Staaten, deren Wohl Höchstdieselben mit so rastloser Thätigkeit, so beispielloser Aufopferung zu befördern suchen, besteht noch diese Abgabe. Höchstderv allgemein bekannte Weisheit und unübertreffliche Herzensgute, die ans allen gnädigsten Verordnungen und Gesezen auffallend hervorleuchten, lassen nicht erwarten, daß Ew. Chrf. Drchl. damit nur das Glück Höchstihrer christlichen Unterthanen allein, sondern gewiß das Wohl aller Höchstihrer Unterthauen, ohne Unterschied der Religion zu befördern gnädigst beabsichtigen, und diese Ueberzengung läßt auch unterthänigst unterschriebenen glauben, daß Ew. Chrf. Drchl. der unterthänigsten Bitte einer gnädigen Erhörung würdigen werden, wenn er solche dahin erläßt, der Juden Leibzoll in sämmtlichen dero Regierung unterworfenen Staaten gnädigst auszuheben. Unterthänigst Unterzeichneter würde es wagen, Gründe anzuführen, die für die gnädigste Erhörung seiner unterthänigsten Bitte sprechen, wenn er nicht der Ueberzeugung lebte, daß Ew. Chrf. Drchl. die Härte und Unbilligkeit dieser einen Theil der Menschheit drückenden Abgabe, obgleich für die Juden erniedrigend, doch nur die für die arme Klasse drückend, ja oft das Hindernis ist, ihr Auskommen ehrlich zu erwerben, hofft er Ew. Chrf. Drchl. Menschlichkeit unterthänigst Vorträgen zu dürfen, da wichtigere Gründe diesen Umstand Höchstderv gnädigster Rücksicht entzogen haben könnten, derselbe aber doch den größten Einstuß ans so viele Tausend wahrhaft Unglückliche hat. Einer gnädigsten Erhörung meiner unterthänigsten Bitte harrend ersterbe München, 14. Maerz 1804. Meyer Ainschel Rothschild, Churhessischer Oberhofagent. Frankfurt a. M LVIL.l.Ll'ON Bei Kunstreitern. Von Moritz Hartmann. II. ^Lxlse wandte sich mit erstaunt fragendem Gesichte zu mir. „Merken Sie es nicht?" flüsterte ich, „der größte Teil der Gesellschaft besteht aus Juden, sie feiern den Vorabend des Versöhnungstages. Der Vorsänger verrichtet jetzt sein stilles Gebet, daß ihn Gott würdig mache, der Gemeinde vorznbeten und seiner Lunge Kraft gebe. Wenn dies vollendet ist, wird er zu singen anfangen, achten Sie auf die Melodie, Else, sie ist höchst originell und rührend." „So!" lispelte Else ängstlich und neugierig zugleich und näherte sich der Gruppe der Weiber. Eine derselben, die auf einem Strohbund faß und einen Säugling hielt, rückte etwas beiseite und lud sie ein, sich zu setzen, sprach aber nur leise, wie um die Andacht der andern nnd ihre eigene nicht zu stören. Ihr ganzes Wesen war das einer guten und besorgten Mutter aus dem Volke. Ihre Aufmerksamkeit war sehr geteilt zwischen der religiösen Andacht und der Sorgfalt für das Kind, das sie verhüllt und mit Tüchern bedeckt hatte. Von Zeit zu Zeit hob sie eines der Tücher auf und blickte mit schmerzlichem Ausdruck auf das bleiche, offenbar kranke Gesicht des Kindes. Bei jeder Bewegung desselben zitterte sie am ganzen Körper und ließ das hebräische Buch, das aufgeschlagen auf ihren Knieen lag, auf den Boden fallen, ohne es zu beachten, mit wie großer Frömmigkeit sie es auch jedesmal aushob, so oft das Kind ruhiger wurde. Sie führte dann das Buch an die Lippen und küßte die hebräischen Lettern. Sie war auch gekleidet wie eine Frau aus dem Volke. Ein großes Tuch, dessen einer Zipfel über den Rücken herabfiel und das unter dem Kinn zusammengebunden war, bedeckte Kopf und Haare, welche letztere trotzdem schwarz und in dicken, aufgelösten Scheiteln auf die blassen Wangen hervorquollen. Ein gewöhnliches, sehr schlichtes, braunes Kattunkleid, das in der Mitte von einem dünnen Tuche zusammengehalten war, bedeckte die Gestalt, die die Fülle einer Frau in den besten Jahren verriet. Nur die schwarzen, glühenden Augen hatten etwas, was mit der hausmütterlichen und zugleich frommen Situation der Frau nicht zusanimengestimmt haben würde, wenn sie nicht der Ausdruck sanfter Trauer gemildert hätte. Else sah das schöne, verblühte Gesicht der ebenso zärtlichen als frommen Mutter anfangs mit mitleidigen Blicken an; nach und nach schien sich das Mitleid in ein gewisses Interesse, selbst i» Erstaunen zu verwandeln. Sie machte mir verschiedene Zeichen, die ich aber nicht verstand. Endlich, nachdem sie die Frau wiederholt beobachtet, schien sie ihrer Sache gewiß zu sein und raunte mir ins Ohr: „Wissen Sie, wer die Frau ist?" Ich schüttelte den Kopf. „Laurabella!" flüsterte Else weiter. „Weiß der Himmel, es ist Laurabella, die große Laurabella, das erste Sujet der Gesellschaft, die berühmte Reiterin, der Liebling des Publikums und das Ziel aller Stutzer, die Rivalin der Cuzent und heute! so berühmt wie vor einigen Jahren Lamvrinette und Adelheid Hinne. Eine Heroin des Circus; — seit vierzehn Tagen schlagen ihr in Amsterdam tausend Herzen voll Sehnsucht entgegen- Die kennen Sie nicht? Sie sind sehr zurück." Während mir Else so ins Ohr flüsterte, fing das Kind zu weinen an. Laurabella erhob sich und ging an das Tor. so fern als möglich von der betenden Gemeinde, und lief dort tänzelnd auf und ab, indem sie das Kind auf.den Armen wiegte. Else folgte ihr voll Neugierde und wie unwillkürlich. Als das Kind wieder ruhiger.wurde, und Laurabella am Scheunentor in einem Winkel stehen blieb, näherte sie sich ihr mit jener Neugierde, welche die Frau der guten Gesellschaft der Frau gegenüber, die einer abenteuerlichen Welt angehört, immer empfindet, und der sie gern die Zügel schießen läßt, wenn es die Umstände erlauben. „Ihr armes Kind ist krank?" fragte sie teilnehmend. „Seit mehr als acht Tagen," seufzt« die Angeredete; „das arme Würmlein, wie soll es genesen? Seit fünf Tagen sind wir auf der Reise — keine Ruhe, keine Pflege möglich — kaum daß ich mit einem Arzte sprechen konnte." Sie sagte das alles so traurig und in kurzen, abgebrochenen Worten, daß Elses Teilnahme sich in wahrhaftiges Mitleid verwandelte. „Nun," sagte sie tröstend, „Sie gehen ja nach Amsterdam, soviel ich weiß, dort finden Sie Aerzte und werden das Kind in Ruhe Pflegen können."

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