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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
Seite 45 (sequence 11)
Language
German
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45 die Jndenheit nur noch 1 Prozent der deutschen Bevölkerung, und man kann den Zeitpunkt mit einiger Sicherheit bestimmen, wann es nur noch ^4 und '/s Prozent am Anteil des deutschen Volkes ausmacht. Auch der Einfluß muß bei einer derartigen Verflüchtigung abnehmen, wie es ja bereits der Fall ist. Der Prozentsatz der Juden im deutschen Heere ist gesunken, die Schülerzahl jäh gefallen, ganze Schulen sind entvölkert, andere öffentliche jüdische Unterrichtsanstalten werden demnächst vom Staate geschlossen, weil die Aufwendungen für die zusammengeschrumpfte Schülerzahl sich nicht mehr rechtfertigen. Hat der Staat die Juden' bisher als Luft betrachtet, so kann sich das jetzt noch weniger zu ihren Gunsten ändern. Mögen es äußere und innere Fragen sein, sie stehen in unauflöslicher Wechselwirkung mit dieser Erscheinung. Das Blühen und Gedeihen des Gemeindelebens, die Entwickelung der jüdischen Anstalten steht im innigsten Zusammenhang mit derselben und nicht zuletzt hängt davoy zum Teil der Respekt und die Achtung ab, die dem Judentum gezollt wird. Selbstverständlich muß dieselbe geringer werden, wenn das Judentum nicht mehr dieselbe Breite, denselben Boden einnimmt. Besonders empfindlich muß auch der Stimmenverlust bei den Wahlen ins Gewicht fallen. Die Juden können nicht mehr in der alten prozentualen Stärke auftreten, sie haben 25 bis 30 000 Wahlstinnnen eingebüßt, und würden sie in entsprechender Höhe im Reichstage vertreten sein, sie würden auch hier an Einflußgebiet verloren und nur noch vier statt der fünf Abgeordneten zu stellen haben. Ist so die Macht des Judentums durch seinen Stillstand, der aber hier wie sonst nirgends mit Rückschritt gleichbedeutend ist, in Reick, in Staat, Gemeinde und Gesellschaft verkürzt und zurückgedrängt, so hat der Rückgang in der Vermehrung den jüdischen Gemeinden selbst unheilbare Wunden geschlagen, Wunden, denen viele Gemeinden erlegen sind und an denen andere weiter dahinsiechen. Das Zurück- und völlige Eingehen von jüdischen Schulen ist schon erwähnt; aber kleine und mittelgroße Gemeinden sind bis auf geringe Ueberbleibsel zertrümmert und können sich nie mehr erholen. Man hat lange Zeit der Abwanderung in die Großstädte die Schuld an dem Aussterben der Gemeinden gegeben, während ein offener Blick einen gleich großen und noch stärkeren Wegzug bei der christlichen Bevölkerung ohne diese Folgewirkung hätte wahrnehmen müssen. Der Wegzug aus den Kleinstädten hat wirklich in gewaltigem Maßstabe stattgefunden, aber da keine, oder doch so gut wie keine Bevölkerungsvermehrung vorhanden war, so konnte für die in die Großstädte wandernden Massen kein Ersatz geschaffen werden, und nur darum sind zahlreiche Gemeinden fast wie vom Erdboden vertilgt. Eine einfache Rechnung lehrt die Richtigkeit dieser Behauptung, die ja jetzt von niemand mehr angezweifelt wird- Die Juden bildeten vor Eintritt in die Rückschrittsperiode! 1,20 Prozent der deutschen Reichsbevölkerung und müßten demnach bei gleichem Wachstum unter der rund 57 Millioneil zählenden Einwohnerschaft 685000 Seelen ausmachen, während tatsächlich nur 587000 Juden im Jahre 1900 im Deutschen Reich ermittelt wurden. Dieses säst nur durch Mindergeburten > verschuldete Minus von 100000 hätte vollkommen ausgereicht, den darniederliegenden, ans dem Aussterbeetat stehenden Ge-; meinden neues Leben und neue Kräfte zuzuführen und sie vordem gewissen Untergang zu bewahren. Unzählige andere Gemeinden hätten einen unter den jetzigen verkümmerten Verhältnissen niedergehaltenen Aufschwung an Größe, Ansehen religiösem Leben und wohltätigen Einrichtungen genommen. - Die Aussichten für die Zukunft sind alles andere eher denn vielverheißend. Aber wie dem auch sei, man muß den Tatsachen ins Gesicht schauen und sie ungeschminkt wie sie sind und ohne Beschönigung betrachten können. Eine Uebermalung dieser Erscheinung mit rosigeren Farben würde wenig dem gebotenen Ernst, mit dem diese und alle mit ihr zusammenhängenden Fragen zu behandeln sind, entsprechen. Rothschild und der IudenleibM. Von Louis Lamm-Berlin. umfangreiche Literatur über den Judcnleibzoll erwähnt meines Wissens nicht, daß auch der Gründer des Frankfurter Bankhauses Rothschild seinen ganzen Einfluß auswandte, diese schmachvolle Steuer zu beseitigen. Mir selbst wnrde diese Tatsache erst bekannt, als mir in einem bayerischen Kreisarchive das nachfolgende Aktenstück, das der Form und des Inhalts nach für seine Zeit charakteristisch ist, zu Gesicht kam. Indem ich nun meineil Fund der Oeffent" lichkeit übergebe, weise ich noch darauf hin, daß sich für einen unserer jüngeren Rechtsgelehrteil — etwa einen, der sich mit der Frage abquält: worüber schreibe ich meine Jnaugural- Dissertation? — das Thema „Geschichte des Judenleibzolls" recht wohl eignen würde.*) Maximilian Joseph, Herzog in Ober- und Niederbaiern, der ober» Pfalz, Franken und Berg rc. rc., des heil. röm. Reichs Erzpfalzgraf, Erztruchseß und Churfürst. Der Landesdirektion zu Neuburg wird abschriftlich anliegende Vorstellung des churfürstl. hessischen Oberhofagenten Mayer Amschel Rothschild aus Frankfurt a. Mail: wegen Aufhebung des Judenleibzolls mit dem Befehle zugeschlofsen, in ihrem Gutachten über die Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der Juden hierauf die geeignete Rücksicht zu nehmen und zugleich eine Durchschnittsberechnung über den Betrag dieses Leibzolls in der ihrer Administration untergebenen Provinz beizulegen. München, 26. März 1804. Auf churfürstl. Befehl v. Flaad. An die churfürstl. Landesdirektion Neuburg. * * * Mehrere durchlauchtigste Reichsfürsten haben seit Beendigung des letzwerfloffenen Krieges den Judenleibzoll unter der Bedingung aufzuheben geruht, daß alle Juden, die das > Glück haben, die Länder zu bewohnen, in denen diese erniedrigende Abgabe aufgehoben worden setz, frei, und nur diejenigen, die dieses Glück entbehren, noch die Last fanatischer Jahrhunderte zu tragen, verbunden sehen, und damit einer Nation, die so langeher Verfolgungswuth und Religionseifer dem Vieh gleich gleichgestellt hat. wieder die Hoffnung gegeben, > daß auch sie sich des milden Geistes der Zeiten erfreuen und *) Manche interessante Daten enthalten die längst verschollene Schriften von Fr. Jos. K. Scheppler (lieber die Aufhebung des Judenzolls. Hanau und Leipzig 1805) und I. A. Schloß (Betteljuden und Judenleibzoll Frankfurt 1806).

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