Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- Seite 44 (sequence 10)
- Language
- German
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ist die Austastung, die in diesem offenbaren Niedergang einen Vorteil für das Judentum in subtiler, den Horizont gesunden Menschenverstandes übersteigender Weise herausdeduziert. Wer darin nicht ein Symptom zu ernstem Nachdenken erblickt, für den kann es überhaupt keine ernste Frage auf jüdischem Gebiete geben. Von allen Anzeichen, die eine Volksentartung signalisieren, ist die rapid gefallene und noch immer fallende Zunahme das deutlichste, in die Augen springendste und überzeugendste. Alle feinen Berechnungen, logischen Haarspaltereien und Seiltänzersprünge, die das Gegenteil beweisen, sind selber schon untrügliche Beweise eines kratz dekadenten und verkehrten Empfindens. Mit dieser Methode, das, was ist, unter allen Umständen und gegen die zwingendste Logik für gut zu erkläre«, kann man ebenso gut die zunehmende Finsterniß für einen erfreulichen Fortschritt hinstellen. Der einzige Vorteil, der in der geringen Geburtenzahl erblickt werden könnte, wäre die kräftigere Struktur des zukünftigen Geschlechts. Aber diese billige Beweisführung ist hinfällig, denn die Zusammenschrumpfung der Geburten rührt zum großen Teil von den Spätheiraten her; die den Eltern in höherem Alter Geborenen sind aber stets schwächer, zarter und reizbarer. Da die Juden durchschnittlich zehn Jahre später heiraten, so ergibt sich daraus von selber, daß auch im Punkte kräftigerer Körperanlage der Vorteil nicht auf Seiten der Juden ist. Im Gegenteil müssen dem folgenden Geschlecht auch alle Schwächen und Nachteile der Spätgeborenen anhasten. Das jetzige Geschlecht ist dem künftigen gegenüber immer noch günstiger gestellt, obwohl es — wenn auch infolge der einseitig bevorzugten geistigen Berufsarten — die Merkmale nervöser Ueberempfindlichkeit auch schon unverkennbar an der Stirn trägt. Die Ursachen dieser Erscheinung sind ja nicht verschwunden, sondern haben sich noch gehäuft, um dein künftigen Geschlecht ein ähnliches Gepräge, wahrscheinlich gleichfalls verstärkt, aufzudrücken. Zu diesen neuen Quellen der Qualitätsverschlechterung — zugleich auch eine der Quan« titätsabnähme — gehören sicher die Spätheiraten. Daß sie außerdem — auch ohne die Freiwilligkeit — notwendig das Herabgehen der Geburten verschulden, ist nicht erst zu beweisen. In keiner Beziehung bietet das Faktum Grund zur Freude — es sei denn den Antisemiten, vielleicht auch ihnen nicht einmal, denn mit dem Allssterben der Juden hat auch dieser Partei die letzte Stunde geschlagen. Und was noch ärger — aus Mangel an Arbeitsstoff würde sie zu einer sehr unerfreulichen Todesart, zu politischem Selbstmord verurteilt. Die Tatsache des rapiden Fallens des Wachstumsmessers erhält aber erst die rechte Würdigung in Verbindung mit dem anderen Faktum, daß die Zunahmeverhältnisfe des deutschen Volkes nicht nur unendlich viel besser, sondern im fortgesetzten Steigen begriffen sind. Die jüdische Bevölkerungszunahme ist aber nicht bloß sehr gering, sondern befindet sich immer noch im Rückgänge. Auf jüdischer Seite geht die Prozentziffer dauernd herunter. Schon die letzte Volkszählung hat Zahlen geliefert, die grelle Unterschiede verlautbarten. Gegenüber einer zehnjährigen Vermehrung von 13 Prozent steht eine jüdische Vermehrung von 3,3 Prozent. Nach dieser Skala muß sich die deutsche Bevölkerung in noch nicht 50 Jahren verdoppelt haben, die jüdische aber erst nach 300 Jahren. Während die Allgemeinbevölkerung sich in dieser Zeit mit 64 multiplizirt haben wird, wird die Judenheit sich erst verdoppelt haben, d. h. vorausgesetzt, daß die gegenwärtige Ziffer der Zunahme anhält und nicht, wie der bisherige Vorgang vermuten läßt, sich noch weiter reduziert. Denn der Tiefstand ist allem Anschein nach noch nicht erreicht. Mit jedem Jahre läßt sich vielmehr ein neuer Rückgang feststellen, und es ist sehr fraglich, ob in einigen Jahren überhaupt noch Ueberschüfse, oder nicht gar Unterbilanzen erzielt werden. Berlin z. B. weist noch lange nicht die ungünstigsten Zahlen auf. Aber während 1898 vie Vermehrung für Berlin noch 646 Seelen betrug, ist sie 1899 auf 491 Seelen gefallen. Dabei ist 491 noch nicht die endgiltige Ziffer. Davon sind zunächst die Täuflinge abzuziehen, ferner auch ein Teil der aus Mischehen hervorgegangenen Kinder, die hier zur Hälfte den Juden zugezählt, während tatsächlich ihnen nur ein Viertel zuzurechnen sind. Als Resultat bleibt ein Zuwachs von etwa 350 auf rund 100 000 Seelen. Wie vorauszusehen war, find die Todesfälle sehr stark gestiegen, während die Geburten um ein Geringes gefallen sind. So ist es aber überall. Die höheren Altersklassen werden stärker gelichtet und der Nachwuchs ist von Jahr zu Jahr spärlicher. Nur Frankreich bietet einen Vergleich, sonst ist bei allen Völkern eine aufsteigende Tendenz vorhanden. Aber es fällt keinem Franzosen ein, diese Tatsache als einen Vorzug vor den anderen Nationen auszugeben. Auch steht Frankreich nicht so trostlos in seiner Verödung da wie die deutsche Judenheit, denn Frankreich hat eine höhere und augenblicklich sogar eine steigende Geburtenziffer. Mir liegt hier die Statistik von Paris für das Jahr 1896 vor. Sie giebt 2,44 Prozent Geburten und 2,12 Prozent Todesfälle an. Das macht einen Ueberschuß von 0,32 Prozent, also ähnlich wie der der deutschen Inden. Man darf wohl annehmen, daß die Provinz nicht schlechter gestellt ist als das „Seinebabel". Dann sind die Geburtenziffern viel günstiger als die der deutschen Juden, die hier nur etwas über 1,8 Prozent beträgt, ein Tiefstand, wie er bei keiner Bevölkerung der Welt wieder vorkommt. Sogar Paris ist weit bester dran. Die geringere Geburtenzahl bedingt die Prozentual steigende Sterbeziffer. Höhere Geburtenziffern lassen immerhin die Möglichkeit offen, durch die Verbesserung der öffentlichen Hygiene die Sterbeziffer herabzumindern, diese Möglichkeit besteht für die Juden nicht. Ueberall ist die Zahl der Todesfälle gefallen und die Ueberschüfse bei gleicher Geburtenzahl in die Höhe gegangen — als Folge des größeren Verständnisses, das den samtären Fragen zugewendet wird. In Frankreich ist die Frage der Volksvermehrung der Gegenstand lebhaftester Sorge seitens der Staatsmänner, und wie sehr Zola die Beklemmung um die Verminderung der Volksvermehrung das Herz zuschnürte, erhellt zur Genüge daraus, daß er in einem großen Werke mit Eifer die Lösung des Problems versuchte. Es liegt auf der Hand, daß Frankreich in einigen Jahrzehnten zu einer Großmacht zweiten Ranges herabgesunken sein wird. Noch weniger gleichgültig kann es für das Judentum sein, ob es in seiner Zahl steigt oder fällt; denn die französische Nation ist eine kompakte Masse und ist dadurch vor völliger Auflösung bewahrt. Ganz anders das Judentum, namentlich das westeuropäische, das in ktein» und kleinste Splitter zerteilt ist. Eine noch weitere Zerpulverung kann den Bestand aufs ernsteste gefährden. Statt vor 10 Jahren I V« Prozent, bildet