Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- Seite 43 (sequence 9)
- Language
- German
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4S die Schulinspektionen und die Schulrevisionen eingeführt sind, werden schon wissen, was der Schule not tut — der Geist ist immer willig, aber das Fleisch ist oft schwach — und da muß ich sage»», daß ich durchaus nichts dagegen vorzubringen wüßte, daß der Rabbiner mein Schulinspektor sei. Für den Religionsunterricht aber kann es doch schon aus der^Natnr der Sache keinen geeigneteren Inspektor als den Rabbiner geben. Ist doch der Stoff des Religionsunterrichts keiner anderen Quelle als der Bibel und dem Talmud entnommen, und da vergeben wir uns durchaus nichts, wenn wir anerkennen, daß der Rabbiner aus diesen Gebieten dem Lehrer überlegen ist. Die Bibel und der agadische Teil des Talmuds aber enthalten eine solche Fundgrube von pädagogischer Weisheit, daß ihre Jünger, wenn sie noch das weltliche Wissen eines modernen Rabbiners besitzen, ohne Frage pädagogisch gebildet sind, ohne ein Lehrerseminar besucht und eine Prüfung in Pädagogik bestanden zu haben. Waren doch die Talmudisten wahre Künstler auf dem Gebiete des Unterrichts, Vorsteher großer Gelehrtenschulen und Ueberwacher und Förderer des Kinderunterrichts! Von den geistigen Früchten jener Schulen und jener Lehrer aber lebt noch heute unser Judentum, und doch hat wahrscheinlich weder Rabbi Jochanan ben Sakkai, noch Rabbi Akiba, noch Rabbi Möir, noch irgend einer der Amoraiin der babylonischen Hochschulen ein Lehrerseminar besucht und eine Prüfung in Pädagogik abgelegt. Desgleichen erziehen hundert Millionen Mütter ihre Kinder gut und verständig nach allen Regeln der Erziehungslehre, ohne jemals ein Pädagogisches Lehrbuch gesehen zu haben! Gott, der Meister aller Pädagogik und aller Pädagogen, hat ihnen Verstand in den Kopf und Liebe in das Herz gegeben, und Kopf und Herz befähigen die Mütter zu Erzieherinnen, und Kopf und Herz dürfen auch natürlich dem Rabbiner nicht fehlen, wenn er sich in den Dienst der Schule, sei es als Lehrer und Leiter, sei es als Revisor, zum guten Gedeihen stellen will. Diese Weisheiten und Wahrheiten sind allerdings meinen lieben Kollegen nicht minder bekannt als mir, denn Io daseliomosini Iii welo meoiver Iiijoiu Iii. Wenn aber gleichwohl ein sehr erheblicher Teil der jüdischen Lehrerschaft der geistlichen Schulinspeklion gegenüber sich ablehnend verhält, so entspringt dies wohl zum großen Teile weniger sachlichen Gründen als dem sehr gespannten Verhältnisse, das bedauerlicherweise zwischen Lehrern und Rabbinern besteht. Dieses Verhältnis aber würde sich wohl ändern können, wenn jeder Lehrer an seiner Stelle dem Rabbiner diejenige Achtung und Ehrerbietung entgegenbringen würde, die er dem weltlichen Kreisschulinspektor entgegenbringt, und auf die der Rabbiner schon als den torok und als geistiges Haupt der Gemeinde berechtigten Anspruch hat. Auch dem Lehrer liegt es ob, „der Pflichten schwerste zu erfüllen, zu bändigen den eigenen Willen". Eitler Ruhm aber darf uns nicht bewegen! Uebergriffe und Anmaßungen einzelner dürfen uns nicht gegen den ganzen Stand nervös und ungerecht machen, und die Aeußerung eines jungen, unerfahrenen Mannes, daß „die jüdischen Lehrer hinsichtlich ihrer geistigen Bildung und sozialen Stellung auf einer so niedrigen Stufe stehen, daß ihnen unmöglich das Tragen eines Talares gestattet werden dürfe", darf uns nicht gar zu sehr ansbringen; solche Dinge dürfen nicht allzu tragisch genommen werden und uns nicht irresühren; wollen wir vielmehr denen Ehre entgegenbringen, denen Ehre gebührt, und über Toren lachen! — 8uum euigus! — Ueberhaupt verzichte: der allergrößte Teil der jüdischen Lehrerschaft recht gern auf Talar, Kanzel und Altar und fühlt sich vor der Schulbank und den Schulkindern am wvhlsten. Wer aber unter uns in sich die Neigung und Fähigkeit für die Kanzel und den Talar verspürt, der wird sich vor derartigen Aeußerungen noch lange nicht hinter den Ofen verkriechen, sondern seine Kräfte durch Fleiß und Eifer erweitern und am rechten Platze schon zeigen, welche Bildung er besitzt und welche soziale Stellung er sich zu erwerben versteht. Hat doch ein großer Teil unserer Rabbiner früher dem Lehrerstande angehört! Zum Schluß möchte ich noch eines Umstandes erwähnen, der mir mit der vorliegenden Frage im innigsten Zusammenhänge zu stehen scheint. Uns jüdischen Lehrern allen liegt die Erhaltung der jüdischen Volksschule sehr am Herzen, und der Rückgang und Verfall derselben erfüllt uns mit Wehmut und Trauer, nicht um unseretwillen, sondern weil wir im Verfalle der jüdischen Schule einen Verfall des Judentums überhaupt erblicken. In jüdischen Lehrerversammlnngen und in jüdischen Blättern ist schon oft darüber gesprochen und geschrieben worden. Nicht besser aber wird es auf diesem Gebiete werden, so lange die jüdische Lehrerschaft einen gegnerischen Standpunkt dem Rabbiner gegenüber einnimmt. Der Rabbiner besitzt in der Gemeinde auf geistigem und religiösem Gebiete den größten Einfluß und muß diesen Einfluß besitzen, wenn seine ganze Existenz nicht eine verfehlte sein soll. Wie können wir nun von den Rabbinern die in erster Reihe für die Erhaltung und Neugründuug von jüdischen Schulen mit unzweifelhaftem Erfolge eintreten könnten, die Geltendmachung ihres Einflusses erwarten, wenn die Lehrer der Volksschulen und das Organ dieser Lehrer eine derartige Haltung den Rabbinern gegenüber einnehmen? Warum sollten die Rabbiner für die Erhaltung eines Institutes eintreten, von dem sie mit Sicherheit eine Gegnerschaft erwarten müssen? Ohne den fördernden Einfluß der Rabbiner abergeht die jüdische Schule nach und nach völlig zugrunde! Lassen wir daher alle Empfindlichkeit ruhen, begraben wir die Streitax für immer, und nähern wir uns aufrichtig und in Frieden den Rabbinern, dann wird auch der Volksschule Heilung und dem Judentum Heil entstehen! Lelwlom, sekolom loi'Oi'Iiok ivelskoloiv, omsr allonai urotossivv! Max Katz, Hauptlehrer an der jüdischen Schule zu Gnesen. -*K«- Das Volksdrlint, Von Bernhard Traubenberg. (^^ie statistischen Erhebungen haben, wie fast in jedem Jahrfünft, abermals für das Judentum eine relativ rückläufige Bewegung festgestellt. Einzelne jüdische Blätter haben fast jubelnd mit Siegermiene ein Gefühl der Genugtuung kundgegeben über die gegenteiligen Verleumdungen der Antisemiten, nach denen die Juden fortgesetzt eine günstigere Entwicklung aufweisen als die übrige deutsche Bevölkerung. Ich muß gestehen, ich verstehe die Blätter nicht, die aus diesem Aulaß in ein Triumphgeschrei ausbrachen; ich meinerseits würde diesen Triumph gern den Antisemiten überlassen. Ein solches Gebaren verrät ein geringes Verständnis für die Tragweite dieser Frage. Noch unverständlicher