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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
Seite 42 (sequence 8)
Language
German
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während Herr LouiS Sachder Erhöhung widersprach und eine spätere sernere Vorlage des Vorstandes abwarten will. Die Abrechnung über die Reparaturen an den Gemeinde-Grundstücken fordert die Nachbewilligung von 515.69 Mark, welche gewährt wird; 7975.73 Mark sind Minderausgaben gegen den Voranschlag erzielt worden. Für die Errichtung einer Selekta in der Gemeinde-Mädchenschnle für den Fortbildung-Unterricht im Handlungswesen werden 1700 Mark bewilligt; in einer Resolution bittet die Versammlung, die Einrichtung des fakultativen Unterrichts im Englischen in Erwägung zu ziehen. — In einer dringlichen Vorlage teilt der Gemeindesyndikus Liti en thal mit, daß die Gemeinde zur Erbin des Vermögens des in Grevensbroich (Rheinprovinz) verstorbenen Rentiers Michael Rothschild eingesetzt worden sei. Die Revenuen des Nachlasses, der etwa 150 000 bis 160 000 Mark betrage, sollen zu wohltätigen Zwecken verwendet und die Verteilung dem Gemeindevorstande überlassen werden. Nur zwei kleine Legate im Betrage von je 300 Mark sind hiervon in Abzug zu bringen. Die Repräsentanten erklärten sich diskussionslos mit der Annahme der Zuwendung einverstanden. Rabbiner und Lehrer. Sehr geehrter Herr Redakteur! ur Frage der Schulinspektion bitte ich Sie höflichst, auch meiner unmaßgeblichen Meinungsäußerung in Ihrem von uns Lehrern hochgeschätzten Blatte gütiost Raum zu gewähren. Um null gleich in meckirw res zu gelangen, bemerke ich, daß ich die an anderer Stelle veröffentlichten Ausführungen des Herrn Provinzialrabbiuers Dr. Sander für vollkommen berechtigt und zutreffend erachte, und mir ist es ganz unverständlich, wie man auf Grund der Ausführungen des Herrn Provinzialrabbiners zu der Meinung gelangen kann, dieser gestehe klipp und klar zu, daß die Bedenken gegen die Inspektion des Religionsnnterrichts durch Theologen berechtigt seien. Ganz das Gegenteil ist der Fall! Herr Dr. Sander erbringt den tatsächlichen Beweis, daß die meisten unserer Rabbiner in ihrem Studiengange planmäßig ^pädagogisch soweit vorgebildet werden und durch die gebotene Unterrichtsgelegenheit sich selbst soweit vorbilden, daß sie wohl in der Lage sind, den Unterricht in der Religionsschule zu leiten und zu überwachen; desgleichen vermutet er ferner wohl nicht mit Unrecht, daß diejenigen Rabbiner, denen bei ihrer Ausbildung die Gelegenheit zur Erwerbung pädagogischer Kenntnisse und Erfahrung etwa gefehlt hat — was. nebenbei bemerkt, fast unglanbllch scheint —, diese Gelegenheit nach Eintritt ins Amt schleunigst suchen und finden. Und wahrlich! Auch die Lehre der Pädagogik ist keine Hexerei, und es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß ein Mann, der zunächst in der Jugend ein humanistisches Gymnasium absolviert hat, darauf viele Jahre in Ernst und Fleiß akademischen Studien widmet und dazu noch dasjenige Maß von talmudischem Wissen und Kenntnis der jüdischen Literatur sich aneignet welches er notwendig besitzen muß und besitzt, ui» das Rabbinat mit Würde bekleiden zu können, ich sage, es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieser Mann geschärfte und geläuterte Urteilskraft genug besitzt, um unterscheiden zu können, ob die Behandlung eines Gebetstückes, eines Psalms, einer biblischen Geschichte oder die Entwickelung einer religiösen Wahrheit oder Lehre durch den Lehrer sachgemäß, klar und verständlich, zweckmäßig, mit anderen Worten, pädagogisch und methodisch richtig war oder nicht, daß ferner ein Mann mit einer solchen Vorbildung wohl in der Lage ist, selbst einem pädagogisch vorgebildeten Lehrer pädagogisch begründete Ratschläge zu erteilen und pädagogisch berechtigte Grundsätze beizubringen. Mir aber will es überhaupt scheinen, alS ob wir jüdischen Lehrer uns auf unser pädagogisches Wissen doch etwas zu viel einbilden und unsere pädagogische Vorbildung etwas zu oft und bei zu vielen Gelegenheiten heransstreichen. Ich wenigstens für meine Person scheue mich nicht zu gestehen, daß all mein pädagogisches Wissen eitel Stückwerk ist; und doch bin ich auf einem königlichen Seminar vorgebildet, habe in meinem hochverehrten Herrn Direktor Goebel, z. Z. Löbau i. W., einen vorzüglichen Lehrer und Meister der Pädagogik gehabt und in meinen beiden Prüfungen für alle Fächer der Pädagogik das Prädikat „gut" erhalten! Von meiner ersten Unterrichtsstunde au aber bis heute — es sind nun bald 22 Jahre — habe ich nie, weder vor einer Unterrichtsstunde, noch während derselben, noch nach derselben, über die Grundsätze der Pädagogik nachgedacht, die sür den betreffenden Untercichtsgegenstand etwa angewendet werden müßten, sondern mich nur stets redlich bemüht, nach meinem Verstände und mit ganzem Herzen die Kinder zu unterrichten; ob es richtig war? Nun, ich bin nie bei Revisionen zurechtgewiesen worden, weder von den weltlichen Kreisschulinspektoren, noch voll dem geistlichen Ortsschulinspektor. d. i. voll dem Rabbiner, und habe bei meinen Kindern Erfolge erzielt — nun. wie sie sich eben erzieleil lassen, bei manchen gute, bei manchen befriedigende und bei manchen geringe. Ob andere Lehrer in ihrem Unterricht öfter und intensiver an die Pädagogische Weisheit denken, die sie aus dem Seminar mitgenommen haben, ist mir nicht bekannt; wohl aber scheinen die Erfolge keine anderen zu sein, wie dieses aus dem Resultat der 291 Arbeiten über die Chanukah- Preisfrage deutlich hervorgeht; denn auch von diesen Arbeiten waren erfreulicherweise mehrere sehr gilt, noch mehrere gut, die meisten genügend, aber der größere Teil von den 291 Arbeiten konnte nicht mit dem Prädikate „genügend" bezeichnet werden. Aus diesen Ausführungen soll hervorgehen, daß nicht die Quantität des pädagogischen Wissens, sondern angeborenes Lehrgeschick, gesunder Menschenverstand, Beherrschung des Stoffes, und am allermeisten die Liebe zum Berufe und zu den Kindern den Lehrer befähigt, in seinem Amte segensreich zu wirken; und was vom Lehrer gilt, gilt in noch weit ausgedehnterem Maße vom Schulcevisor, und es ist daher durchaus nicht notwendig, daß dieser die Menge seiner Pädagogischen Kenntnisse vor einer Prüfungskommission mit der Elle und dem Metermaße beweise; es genügt vielmehr, daß der Revisor vermöge seiner Vorbildung pädagogisch urteile und handele und als Mensch denke und fühle. Denn, „wenn ihr es nicht fühlt, so werdet ihr es nicht erjagen", gilt in gleicher Weise vom Lehrer wie vom Revisor, mag nun dieser geistlich oder weltlich sein. Wenn ich aber gefragt würde, ob ich lieber von einem Rabbiner oder von einem zum Schulinspektor vorgerückten Kollegen beaufsichtigt werden wollte, so würde ich antworten: „Gott schütze mich vor meinen Freunden u. s. w.!" Am liebsten möchte ich weder den geistlichen noch den weltlichen Schulinspektor in der Schule sehen, denn die Kinder sind gewitzigt genug, um zu wissen, daß die Prüfung nicht für sie, sondern für den Lehrer vorhanden ist, und im Laufe der Jahre wird der Lehrer mehr als jeder andere Mensch geprüft, und doch betet auch der Lehrer täglich: ,,^I tsvvieiw lo licke M880M1 >veIo licke In8ozon." Wenn aber Karlchen nicht will oder zufällig verwirrt ist, dann spielt der Lehrer oft trotz guter Leistungen in den Augen der Kinder eine, gelinde gesagt, zweifelhafte Rolle. Aber diejenigen Organe, von denen

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