Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- Seite 39 (sequence 5)
- Language
- German
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lichen Markt zu bringen, in der Orient-Gesellschaft aber sich an das Tatsächliche zu halten. Ich freilich bin jetzt auch für dieses mißtrauisch geworden. Denn wenn ein Forscher die Texte, die seit Jahrtausenden seststehen, so sehr mißdeuten kann, welches Vertrauen soll ich zu seiner Lesung und Deutung von Texten haben, die unter den Fachgelehrten noch so schwankend sind? Me Woche. Berlin, 21. Januar. /(A^er Vortrag von Professor Friedrich Delitzsch über Bibel und Babel hat in dieser Woche fast alle anderen Ereignisse auf dem uns interessierenden Gebiete in den Hintergrund gedrängt. Wir bringen an anderer Stelle einen bedeutsamen Aufsatz, der vom theologisch-wissenschaftlichen Standpunkte aus die Hypothesen und Angriffe jenes Vortrags in scharfsinniger Weise vornehm widerlegt. Aber die Sache hat wohl noch eine andere und zwar allgemeine, ja politische Seite; denn es ist nicht das religiöse Element in erster Reihe, welches uns zwingt, gegen Delitzschs Vorgehen zu Protestieren, die liberalen Blätter machen sich bei dieser Gelegenheit geradezu einer Fälschung schuldig, wenn sie sagen, daß nur die Schwarzen aller Richtungen gegen Bibel und Babel ein Geschrei erheben. Es ist vielmehr eine leicht zu konstatierende Tatsache, daß Assyriologen und Bibelkritiker aller Richtungen sich schon beim erstenmal gegen Delitzsch erklärt haben, von der äußersten Orthodoxie bis zum äußersten Radikalismus, und es unterliegt keinem Zweifel, daß dies jetzt in noch viel nachdrücklicherer Weise geschehen wird; denn sie müssen Protest erheben gegen die geradezu unwissenschaftliche Art seines Vorgehens, und wir gegen die ausgesprochene Tendenz, das Judentum herabzusetzen. Bisher war es irr Deutschland üblich, große wissenschaftliche Entdeckungen, die in der einsamen Studierstube gemacht werden, zunächst dem Kreise der Fachgenossen vorzulegen und erst dann, wenn diese Entdeckungen dort geprüft, beurteilt und wesentlich gebilligt worden, mit denselben vor einen weiteren Kreis von allgemeiner Bildung zu treten. Delitzsch hat den umgekehrten Weg eingeschlagen, und darum wird sein Vorgehen von den maßgebenden Kreisen der Wissenschaft entschieden mißbilligt werden müssen. Die Erregung aber, die sein Vortrag hervorgerusen, wird noch lange, und zwar in den Kreisen, an die er gar nicht gedacht hat, nachwirken. Ganz verblüfft darüber sind die Antisemiten und Konservativen, welch letztere bis heute noch nicht'recht zu wissen scheinen, ob sie sich über die Herabsetzung des Judentums freuen oder ob sie sich darüber empören sollen, weil Delitzsch in seinem Vorgehen eigentlich ja die Grundlagen des Christentums erschüttert, wenn er dies auch sehr vorsichtig zu verhüllen und mit Ausfällen gegen das Judentum zu verbrämen sucht. Für uns liegt keine große Gefahr in diesem Vorgehen; wir haben schon schlimmere Gegner wie Delitzsch und Genossen überlebt; aber ob die freie Forschung wirklich aus dieser Hypothesenjagd irgend welchen Nutzen ziehen wird, wie viele liberale Blätter glauben, erscheint uns mehr als zweifelhaft. Für uns liegt nur die eine Gefahr nahe, daß sich gedankenlose Nachbeter in unseren Reihen finden könnten, die iu verba msAwtri schwören und daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Etwas anderes haben wir nicht zu befürchten. Denn tatsächlich hat Delitzsch das Judentum nur vom historischen Standpunkte, das Christentum aber recht eigentlich in seiner dogmatischen Grundanschauung angegriffen. Ja, die Angriffe auf daS Judentum waren sozusagen nur ein Pflästerchen für die Hörer, die etwa durch die Anschauungen des Redners über Religion an sich verletzt werden könnten. Diese Anschauungen über Gott, Offenbarung und Religion zeigen übrigens Herrn Professor Delitzsch ganz auf dem Standpunkte der „Gesellschaft für ethische Kultur". Soviel für heute — wenn der Vortrag gedruckt vorliegen wird, werden die Vertreter seiner Wissenschaft das Wort zu ergreifen haben. z Aber schon heute muß es gestattet sein hervorzuheben, welche Konsequenzen die Angriffe Delitzschs auf die Bibel in gewissen Kreisen nach sich ziehen. Ein hiesiges Antisemitenblatt bringt darüber einen Aufsatz, in dem es unter anderem heißt: „Je mehr diese unscheinbaren Steine reden, desto mehr verblassen die althebräischen Geschichten der Bibel, und wir erkennen, daß wie so oft auch in ihrer Religionslehre die Juden nicht die Schöpfer, sondern nur die Nachahmer hochbegabter Völker gewesen sind. Dieser Tage hat ein Berliner Professor Delitzsch in Gegenwart des deutschen Kaiserpaares seinen zweiten Vortrag über die Enthüllungen gehalten, welche die Ausgrabungen in den uralten Kulturstätten Mesopotamiens der Welt geboten haben. Professor Delitzsch gelangte zu dem Resultat, daß die israelitische Religionsauffassnng heute nicht mehr als eine originelle aufgefaßt werden könne. Damit ist tatsächlich die Autorität, welche das alte Testament noch immer genoß, vollständig zerstört, und es entsteht die Frage, ob unter solchen Umständen dasselbe überhaupt noch als giltiges Religionsbuch anzusehen sei. So hat das kleine Steinchen in der Ebene von Babylon tatsächlich die Welt gewaltig erschüttert. Kleine Ursachen, große Wirkungen! Für uns Antisemiten aber, die wir stets dem alten Testamente gegenüber uns ablehnend verhalten haben, enthalten die Enthüllungen von Babylon eine willkommene Rechtfertigung; aus dem Schutte der Jahrtausende sind uns Rächer erstanden für die zahlreichen Verurteilungen, welche unsere Gesinnungsgenossen für ihre Kritiken des alten Testamentes erleiden mußten." Wir haben diesen charakteristischen Ausführungen nichts hinzuzufügen; sie sprechen für sich selbst! 4- Der Sieg, den die österreichischen Antisemiten bei den letzten Landtagswahlen errungen haben, hat diese etwas übermütig gemacht. Ihr offizielles Organ, das „Deutsche Volksblatt" in Wien, macht folgende Vorschläge zur Lösung der Judenfrage: 1. Die Begründung eines jüdischen Staats auf einer kernen Insel des Ozeans. 2. Die Verbannung aller Inden dorthin. 3. Kein Jude dark bei Todesstrafe diese Insel verlassen. 4. Sobald die Juden nach dieser Insel verbannt werden, soll ihr Vermögen konfisziert und Eigentum des Staates werden, in dem sie bis dahin gelebt haben. 5. Alle Handelsverbindungen zwischen der Judeninsel und der übrigen Welt sind streng verboten. Man glaube aber nicht, daß es sich hier um einen Faschingsscherz oder um die Ausgeburt einer kranken Phantasie handelt Nein, diese Vorschläge werden von dem Leiborgan des Wiener Magistrats und der Majorität des niederösterreichischen Landtags der öffentlichen Diskussion in allem Ernste unterbreitet.