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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
Seite 38 (sequence 4)
Language
German
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38 Völkern zur Anbetung zugeteilt hat, nicht verehren solle, den partikularistischen Monotheismus des Alten Testaments erweisen will? Er hat ja noch soeben Dillmann als Autorität zitiert, der doch die Stelle anders erklärt, nämlich so, daß auch das zum göttlichen Erziehungsplan der Völker gehört: Es ist Jahves Wille, daß sich bei den Völkern „die Reste ihres Gottesbewußtseins (einstweilen) durch die Verehrung der Gestirne wach erhalte." Was beweist aber auch dem Manne der Wissenschaft, der kurz vorher ausgeführt hat, daß der Pentateuch durch fortdauerndes Jneinanderarbeiten von ganz verschiedenen literarischen Bestandteilen entstanden sei — was beweist ihm diese eine Stelle gegenüber zahllosen anderen Stellen? Weiß er denn nichts von der Verheißung Gottes an Abraham, Gen. 12, 3: „Und es sollen durch dich gesegnet werden alle Geschlechter der Erde?" Kann man denn den Zweck der Auserwählung Israels verkennen, wenn Exod. 19, 6 gesagt wird: „Und ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk," womit offenbar auf die künftige Missionstätigkeit Israels inmitten der Weltgemeinde hingewiesen wird? Und hat er wirklich keine einzige von den vielen messianischen Stellen der Propheten behalten, die den edelsten Universalismus atmen, nicht einmal die berühmte Stelle Jesaia 2, 3: „Es werden zahlreiche Völker hingehen und sprechen: Auf! Laßt uns hinaufziehen zum Berge Jahves, zum Hause des Gottes von Jakob, damit er uns lehre seine Wege und wir wandeln in seinen Pfaden. Denn von Zion wird die Lehre ausgehen und das Wort Jahves von Jerusalem"? War es doch die erhabenste Hoffnung aller Propheten, daß dereinst alle Völker durch Israel für den sittlichen Monotheismus gewonnen werden sollen! Allein dieser sittliche Monotheismus, der den Ruhm Israels ausmacht, war es eben, gegen den der Redner alle Pfeile seines Grimmes entsandte. Aber der Haß blendet, und der Schütze verfehlt sein Ziel. Es war geradezu lächerlich und darum wirklich betrübend, als Delitzsch die niedrige Stellung der Frau im alten Testamente damit beweisen wollte, daß sich nirgends ein Frauenuame findet, aus den« hervorginge, daß das Mädchen als ein Geschenk Gottes angesehen werde! Und das höchste Erstaunen erregte es, als er unter Hinweis auf Stellen wie Deut. 12, 18: „Du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd rc." die Frage aufwarf: Wo bleibt hier die Frau? Denn das war falsches Spiel. Einem Delitzsch braucht man doch nicht erst zu sagen, daß in diesem „Du" (ebenso wie in dem Sabbatgebot des Zehnwortes) das Weib wie der Mann eingeschlossen ist, und daß gerade dadurch, daß sie nicht ausdrücklich wie Sohn und Tochter aufgeführt ist, ihre hohe Stellung im Hause neben dem Manne bezeugt wird. Oder soll man ihn erst an das Gebot des Zehnwortes erinnern: „Ehre deinen Vater und deine Mutter", welches Lev. 19. 3 so geordnet ist: „Ein jeder soll seine Mutter und seinen Vater ehrfürchten"? Er weiß ja von den Patriarchenfrauen, von den Prophetinnen Mirjam, Debora und Chulda, er kennt auch die Rede bei Jesaia 3, 16 ff über die Putzsucht der Frauen, die wahrlich keine niedrige Stellung des Weibes verrät. Und genügt ihm das alles nicht, so kann er sich aus den Sprichwörtern, diesem klarsten Spiegel der Volksseele (Spr. 9, 9; 14, 1; 19, 14), insbesondere aber aus dem Preisgesang auf das „tapfere Weib" (Spr. 31, 10 ff) die nötige Belehrung holen. Wie sehr verärgert und verblendet Delitzsch war, bewies er auch noch dadurch, daß er der grausamen babylonischen Kriegsführung die Eroberung Palästinas durch die Juden an die Seite stellte. Das Gebot der Ausrottung der kanaanitischen Völkerschaften wird Lev. 18, 24—29 mit ihrer Sitte nlosigkeit begründet, die eine schwere Gefahr für das israelitische Volk bildete. Würde Israel in dieselbe Sünde verfallen, so müßte das Land auch sie ausspeien, „wie es die Völkerschaften vor ihnen ausgespieen hat." Und dabei ist es noch fraglich, ob Israel, dessen Kriegsführung 1. Kön. 20. 31 als eine humane gerühmt wird, jenes Gebot wirklich ausgeführt hat. Mag aber auch im Kriege, deisenBeseitignng die ifraelitischenPro- Pheten herbei sehnten (Jes. 2,4; Micha 4,3), hüben wie drüben gesündigt worden sein, so ist es doch ein anderes, den Feind zu töten als den Feind zu martern wie in Babylon, wo die Ausgrabungen uns den König zeigen, in der einen Hand die Strippe, die durch die Lippen der Gefangenen gezogen ist, in der andern den spitzen Elsenstab, mit dem er ihm die Augen aussticht. Wie durfte Delitzsch endlich wagen, durch den Hinweis auf die Notwendigkeit von Bibelausgaben für den Schulgebrauch anzudeuten, daß auch die Bibel unsittliche Dinge enthalte?! Die Bibel spricht wie alle epischen Volksbücher von geschlechtlichen Vorgängen in naiver Weise, aber sie ist überall von dem Hauche der Heiligkeit durchzogen, und sie erwähnt das Unsittliche nur, um es leidenschaftlich zu bekämpfen. Bei solcher Auffassung von der Bibel ist es kein Wunder, daß der Redner es dem Christentums nahelegte, vom Alten Testamente abzurücken und es völlig preiszugeben. Er wird damit keinen Eindruck machen, weder bei den Orthodoxen, noch bei den Vertretern der freisinnigen Theologie. Von den Gnostikern und Marcioniten, die mit dem Judentum auch das Alte Testament verwarfen, sagt Harnack in seinem neuesten Buche „Die Mission und Ausbreitling des Christentums rc." Seite 59, Anmerkung: „Sie erscheinen als die Konsequenten und sind es doch nicht; denn das Alte Testament abschneiden heißt für das Christentum eine andere, neue historische Grundlage suchen, und diese konnte nur in irgend einer anderen Religion oder einem anderen Kultfystem gefunden werden." Was aber in alter Zeit nicht möglich war, das wird man in der Gegenwart, wo es für viel weitere Kreise des Volkes bereits völlig klargelegt ist, woher das Christentum nicht blos seinen Kultus, sondern auch das Reste seines Lehrgehalts entlehnt hat, erst recht bleiben lassen müssen. Ob es nach alledem taktvoll war, daß der Redner zum Schluffe das Wort aus der Görlitzer Rede des Kaisers, das Wort von der „Weiterbildung in der Religion" für sich und sei,len Standpunkt in Anspruch nahm und dadurch das erhabene Haupt der Nation in den sicher ausbrechenden Streit hineinzog, mögen andere entscheiden. Das aber wollen wir hier noch sagen, daß diese zwei Vorträge Delitzsch' der Deutschen Orient-Gesellschaft das nicht eingetragen haben, was sie wohl erwartet hat; sie dachte an Erweckung von Sympathie, und ich fürchte, sie wird sich darin getäuscht sehen. Die Deutsche Orient-Gesellschaft darf nicht zu einem Tummelplatz für theologische Kämpfe gemacht werden, sie soll vielmehr der neutrale Boden sein, auf dem alle Richtungen, welche vom Oriente Licht erhoffen, sich friedlich die Hände reichen. Die Deutsche Orient-Gesellschaft wird darum Herrn Delitzsch ersuchen müssen, seine Hypothesen anderswo auf den Wissenschaft-

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