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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-23 · Heft 4 (23.1.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 4 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. Nr. 4. Allgemeine Berlin, 28. Januar 1903 eitung öes Audenchums. Gin ««parteiisches Organ für alles jüdische Interesse. »Diese Zeitung erscheint wöchentlich. > Abonnements Preis.- Durch Buchhandel, I Post oder direkt von der Expedition in Berlin I unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. I Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabüiner Dr Ludwig Philippson-Lonn. Verlags-Grpedition: Berlin, Äerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Ervedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums" Berlin 8^ ., Jerusalemer Straße 48.49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel: Friedrich Delitzsch über Babel nnd Bibel. Von Dr. S. Mahbaum. — Die Woche. — Das Volksdefizit. Von Bernhard Traubenberg. — Rothschild und der Iudeiileibzoll. Von Louis Lamm- Berlin. — Feuilleton: Lei Kunstreitern. Von Mo ritz Ha rt mann. II. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeinoedote. Hdorresp^nve .^en und Nachrichten: Berlin, Insterburg, Kolberg, Natibor, Chemnitz, Münster i. W., St. Wendel, München, Wien, Florenz. — Bon Nah und Fern. — Miszellen. — Geschäftliche Notizen. Friedrich Delitzsch über Babel und Bibel. Von Dr. S. Maybaum. Berlin, 20. Januar. uf die zahlreichen Angriffe, welche der Vortrag erfahren, den Friedrich Delitzsch vor Jahresfrist aus Veranlassung 0^ der Deutschen Orientgesellschaft über „Babel und Bibel" gehalten, hat er Montag, den 12. d. in der Singakademie in Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin und einer auserlesenen Zuhörerschaft geantwortet. Er hatte keinen glücklichen Tag. was bei den vielen haltlosen Behauptungen seines ersten Vortrages, die er verteidigen wollte, vorauszusehen war- Seine Ausführungen waren überdies sichtlich vom Zorn eingegeben und von einer so großen Animosität gegen die Bibel durchzogen, daß schon dadurch allein die Schwäche seiner Sache jedem offenbar werden mußte. Statt der Gründe und Beweise wurden nur Anklagen und pathetische Deklamationen ins Feld geführt. Zuerst klagte und jammerte er über die Alttestamentler, von welchen er sagte, daß sie die Assyriologie bekämpfen, anstatt sich zu freuen über die Aufschlüsse, die sie für die biblische Wissenschaft aus ihr gewinnen. Sehr mit Unrecht. Denn im Gegenteil, keiner der Außenstehenden freut sich mehr über die Fortschritte der Assyriologie als die Vertreter der alttestamentlichen Wissenschaft; sie begrüßen selbstverständlich mit Genugtuung jeden Beitrag, der aus der Entzifferung der keilinschriftlichen Texte für das Verständnis der Bibel gewonnen wird. Was sie bekämpfen, das ist nur die Ueberschätzung der babylonisch-assyrischen Kultur, die Behauptung, daß die wichtigsten religiösen und sittlichen Institutionen von Jsrael-Juda, ja selbst der Jahvekultus in Babylon ihren Ursprung haben. Sodann rannte Delitzsch wirklich offene Türen ein mit der Behauptung, die er noch des weiteren begründete, daß bei der Annahme, die ganze Bibel sei Offenbarung Gottes, von einer wissenschaftlichen Erklärung derselben nicht mehr die Rede sein könne. Denn nicht alle Gegner Delitzsch' stehen auf dem dogmatischen Standpunkt; man kann der freiesten Richtung in der biblischen Kritik huldigen, ohne in allem mit Delitzsch übereinzustimmen und ohne zu verkennen, daß Jsrael-Juda sich durch seine religiöse Erkenntnis vor allen anderen Stämmen der semitischen Völkerfamilie auszeichnet, und daß sich in seiner Religionsentwickelung ein göttlicher Heilsplan offenbart. Wenn Delitzsch die „Hand aufs Herz" legt und dabei sagt: „außer der Gottesoffenbarung, die jeder im Herzen trägt, brauchen wir keine", und wenn er dann fortfährt, daß wir aus mancherlei Gründen, zu denen er auch „die Schmach vom vorigen November" rechnet, eine Gottesoffenbarung gar nicht verdienen, so sind das Expektorationen, über die man mit dem Redner nicht rechten wird. Bedenklicher aber ist es schon, daß der größte Teil des VortrageS mit solchen Gesühlsergüssen ausgefüllt war. Endlich kam die Erwiderung. Wie ein Donnerschlag, meinte Delitzsch, habe sein vorjähriger Ausspruch, daß der Jahve-Gedanke babylonischen Ursprungs ist, auf die theologischen Kreise gewirkt; aber sein Ausspruch bleibe bestehen, denn er sei die Frucht wissenschaftlicher Erkenntnis. Das war alles. Auch nicht der Schotten einer Erwiderung auf die gewichtigen Einwände seiner Gegner wurde von ihm vorgebracht. Er hat es gesagt! Das genügt. Auch von dem babylonischen Ursprung des Sabbats sprach er ruhig weiter, als ob nicht alle seine darauf bezüglichen Ausstellungen von seinen Gegnern vernichtet worden wären. Neu waren nur die jetzt folgenden Ausführungen, in denen er — gleichsam um Babel an allen seinen Gegnern zu rächen — die Bibel in all den Punkten, welche ihren Stolz bilden, herabzusetzen suchte; neu allerdings nur im Munde eines so vornehmen Gelehrten wie Delitzsch; denn in der antisemitischen Literatur sind sie längst bekannt. Selbst das Wort „Gojim" gebrauchte Delitzsch genau so wie die Antisemiten, als er von den Völkern sprach, denen Jahve nach Deut. 4, 19 die Gestirne des Himmels zur Anbetung zugeteilt hat. Was soll man dazu sagen, wenn Delitzsch behauptet, daß Jahve in der Bibel körperlich gedacht sei, weil er in der biblischen Sage vvm Sündenfaü „zur Abendzeit spazieren geht", und weil er „bei Abraham Kalbsbraten speist"? Braucht man ihn erst dieser Darstellung der Sage gegenüber aus Exod. 33,19 und auf Deut. 4, 12. sowie auf die erhabene Gottesvorstellung der Propheten zu verweisen? Oder wie soll man es nur verstehen, wenn Delitzsch aus der Strafrede der Propheten gegen den Götzendienst des Volkes schließen will, daß es mit dem Monotheismus deS Alten Testaments nicht weit her sei?! Oder wenn er aus Deut. 4, 19, wo gesagt ist, daß Israel die Sonne,. den Mond und die Sterne, die Jahve den anderen

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