Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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67. Jahrgang. Nr. 3. Berlin. 16. Jannar 1903 Vertage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 82 Berlin, 13. Januar. Gestern hat Professor Dr. Friedrich Delitzsch seinen zweiten Vortrag über „Bibel und Babel" in der Singakademie vor dem Kaiserpaar und einer auserlesenen Gesellschaft gehalten. Dieser zweite Vortrag überbot den ersten noch an gewagten Hypothesen und unhaltbaren Theorien. Nun hat Delitzsch so ziemlich alltzs den Juden ab- und den Babyloniern zugesprochen. Er ist auf dieser abschüssigen Bahn bis zu der Anschauung gelangt, daß der ganze Offenbarungsgedanke des Alten Testaments wissenschaftlich unhaltbar sei! Nun, die Männer der Wissenschaft werden Herrn Delitzsch die Antwort auf seine offene Herausforderung nicht schuldig bleiben. Dies alles soll uns aber nicht hindern anzuerkennen, daß die babylonischen Ausgrabungen in der Tat manches überraschende Material zur Erklärung der heiligen Schrift bieten, und daß er nach dieser Richtung hin interessante und wertvolle Ausschlüsse gegeben hat. In jedem Falle wird man das Erscheinen seines Vortrags abwarten müssen, um dazu im großen ganzen wie im einzelnen bestimmte Stellung zu nehmen. Berlin, 12. Januar. Soeben ist die Nr. 59 der „Mitteilungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" ansgegeben worden. Besonders wichtig ist der erste Artikel, der die aus dem zum zweitenmal erneuerten Vertrage mit der „Victoria" zu z erwartenden Segnungen für die jüdischen Gemeindebeamten bespricht. Auf Seite 3 sind unter vier verschiedenen Punkten die neuen Vergünstigungen zusammengestellt, während auf Seite 4 unter rr — e die Vergünstigungen für alle Versicherungsnehmer aus Bundesgemeinden aufgeführt werden. Die hinter dem erwähnten Artikel abgedruckten „Neuen Satzungen der Friedrich Wilhelm Victoria-Stiftung" unterscheiden sich von den alten Statuten durch den Wegfall einiger Bestimmungen, durch die sich die Klienten der Stiftung beschwert gefühlt haben. Der Artikel „Anträge des Rabbinerverbandes" enthält eine vorläufige Zusammenstellung der auf die bezüglichen Beschlüsse des Gemeiudetages eingelaufenen Antworten von 51 altpreußischen größeren Gemeinden. Von besonderer Wichtigkeit scheint uns die Bildung von Pezirksrabbinaten zu sein; als Illustration mag der Bericht aus dem Bezirksrabbinat Pasewalk bienen. In dem Lebensbilde des Heimgegangenen Ausschußmitgliedes Eugen Rosenstiel wurde die Bedeutung dieses Mannes für eine Verbesserung des jüdischen Wohltätigkeitswesens in der Richtung auf Erziehung zur Selbsthilfe gewürdigt. —Daß sich der Landesverein für israelitische Kultusgemeinden in Bayern dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde angeschlossen hat, scheint uns ein erfreuliches Zeichen für fortschreitende Erkenntnis der Notwendigkeit des Zusammenschlusses der jüdischen Organisationen zu sein. Die Artikel über die beiden Fürsorge-Erziehungsanstalten in Repzin und Plötzensee und über die Arbeiterkolonie in Weißensee dürften verschiedenes unsere Leser Interessierende enthalten. Die „schwarze Liste" der unterstützungsunwürdigen Petenten scheint noch nicht genügend den Interessenten bekannt zu sein. Die Frage der „Grenzbureaus" und die Zentralisirung der Bestrebungen zur Förderung des Handwerks bedürfen der wohlwollenden Beachtung, die sie unseres Erachtens auch verdienten. Ebenso würde der Gesamtheit ein Dienst erwiesen werden, wenn die Bitte des Bureaus wegen der Beantwortung der statistischen Enquetebogen Gehör fände. d. Berlin, 11. Januar. Am 4. und 5. d. M. trat Hierselbst die von der letzten Generalversammlung des Rabbinerverbandes gewählte K omissi on zur Ber atung der Satzungen der Ruhegehaltskasse, Witwenkasse und Waisenkasse unter dem Vorsitz von Dr. Freudenthal-Danzig und im Beisein des Verbandsvorsitzenden Dr. Maybaum-Berlin zusammen. In eingehenden Beratungen wurden die Satzungen unter Berücksichtigung der eingelaufenen Anträge und Vorschläge festgestellt und dem Verbandsvorstand überwiesen. Sobald nunmehr der Garantiefonds die erforderliche Höhe erreicht haben wird und die gesetzlichen Formalitäten erfüllt sind, dürfte dem Jnslebentreten der Kasse nichts mehr im Wege stehen und damit eine lange gehegte Hoffnung der Erfüllung entgegensetzen. 8. Berlin, 12. Januar. Der hiesige Israelitische Frauen- Unterstütz ungsv erei n stellt sich zu rechter Zeit in diesem Jahre mit einem am Mittwoch, den 21. Januar, abends 8'/? Uhr in der Schlaraffia, Enckeplatz 4, stattfindenden Wohlthätigkeitsfest ein. Für das Festprogramm sind im ersten Teil unter Mitwirkung hervorragender Kräfte Promenadenmusik, Prolog, Deklamation. Violinkonzert, Gesang, im zweiten Teil, den Herr Baron von Enzberg leitet, unter Teilnahme bestbekannter Künstler ein Kabaret in Aussicht genommen. In den Festsälen finden noch mannigfache Belustigungen statt. Heben wir noch hervor, daß der Zweck des Vereins, arme jüdische Wöchnerinnen und eheverlassene Frauen zu unterstützen, einer der edelsten ist, dem sich die Wohlthätigkeit widmen kann, so dürfte es diesem Fest an regstem Besuch sicher nicht fehlen, um so weniger, als die Teilnehmer nicht nur durch ihr Scherflein den wohlverdienten Verein in der Erreichung seiner Ziele tatkräftig fördern helfen sondern selbst noch eine reichliche Entschädigung in dem Gebotenen finden werden. Bitlets ü 2 Mark sind bei allen Mitgliedern des Vorstandes und in sämtlichen Filialen der Korsettfabrik von W. L G. Neumann erhältlich. — Berlin, 9. Januar. Ueber den „Ritualmord" sollte am 6. d. M. wieder vor der 2. Strafkammer des Landgerichts I verhandelt werden, und zwar auf Grund eines seinerzeit in der „Staatsbürger- Zeitung" erschienenen Artikels über dieses Thema, das gegen den damaligen verantwortlichen Redakteur Dr. Böckler und den Verfasser Schriftsteller Paul Koch eine Anklage wegen Beschimpfung der jüdischen Religion veranlaßt hat. Zum gestrigen Termin war nur der Angeklagte Dr. Böckler zur Stelle, der Angeklagte Koch war. ebenso wie schon bei zwei früheren Terminen, auch diesmal nicht erschienen. Er hatte brieflich angezeigt, daß er sich unmöglich dem nach seiner Meinung einseitigen Gutachten des als Sachverständigen geladenen Professor Dr. Strack unterwerfen könne und daher den Pfarrer Krösell in Kloxin i. P. als Gegensachverständigen dafür geladen habe, daß alttestamentarische Vorschriften den Juden den Ritnalmord zur Pflicht machen. Pfarrer Krösell habe ihm nun gestern gedrahtet, daß er durch eine Amtshandlung am Erscheinen im Termin verhindert sei. Der Angeklagte Koch beantragte daher die Vertagung des Termins. Der Gerichtshof entsprach diesem Anträge nicht, beschloß vielmehr auf Antrag des Staatsanwalts den Angeklagten Koch wegen unentschuldigten Ausbleibens in Haft zu nehmen. N. Berlin, 8. Januar. Die vergiftete Suppe des Grafen Pückler-Kl.-Tschirne bildete den Gegenstand einer gestern vor dem Schöffengericht verhandelten Privatklage. Graf Pückler hatte sich bekanntlich nach seiner Verurteilung wegen qualifizierter Sachbeschädigung auf einige Zeit nach der Schweiz begeben und unter anderem auch in dem Bergdorf Hauptweil (Kanton Thurgau) aufgehalten. Dort hatte er in der Gastwirtschaft des Jean Etter zu Mittag gegessen. Am 6. Juni 1902 hielt Gras Pückler in den Konkordiasälen eine Rede über das Thema „Das deutsche Volk am Rande des Grabes". Er berührte dabei auch seinen Aufenthalt im Gasthof zum Löwen zu Hauptweil und erzählte seinen Zuhörern, daß er daselbst beinahe durch eine vergiftete Suppe ums Leben gekommen wäre. Der Gastwirt, so sagte er wörtlich, habe einen scheußlichen und widerwärtigen Eindruck gemacht. Der Kerl habe in jeder Beziehung eine Verbrecher-Physiognomie gehabt. Neben ihm habe ein Judenbengel gesessen. Solches Gesindel laufe ihm ja immer nach, wo er auch gehe und stehe. Erhübe sofort nach dem ersten Löffel Suppe gemerkt, daß dieselbe vergiftet gewesen sein müsse und habe sie mit dem Ausruf „Verfluchtes Dreckzeug" wieder ausgespien. Hätte er die Suppe aufgegessen, so wäre er sicher eine Leiche gewesen, so aber sei er mit starkeil Leibschmerzen davon gekommen. Er habe unmittelbar darauf den un-