Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- Seite 34 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228531--59408-3295921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S4 kommen. Die Tag« waren schon kurz, und die Nacht war da, ehe wir uns ihrer versahen. Mit der Nacht waren plötzlich schwarze Gewitterwolken heraufgezogen, und bald sahen wir den Weg nur mittelst detz Blitzes Schon tröpfelte der Regen herab, wir gaben den Pferden die Sporen, schon strömte es vom Himmel, und Donnerschlag folgte auf Donnerschlag. Wir befanden uns in einer Lage wie Dido und AeneaS und hatten uns außerdem verirrt. Else hatte sich zu sichere Kenntnis des Landes zugetraut, und selbst bei der besten Kenntnis wäre es in dunkler Nacht und bei strömendem Regen schwer gewesen, sich zurecht zu finden. Die Straße lief in vielfachen Windungen zwischen Kanälen und Gräben hin; wir mußten ihr folgen, da es in keinem Lande so schwer ist, wie in Holland, querfeldein den Weg abzukürzeu oder eine Zuflucht zu suchen. Erst nach einem Ritt, der uns bei den vielen Unannehmlichkeiten sehr lang erschien, entdeckten wir rechts von unserem Wege, etwa zweihundert Schritte weit von uns, ein Licht, das unregelmäßig aus Fenstern und Spalten irgend eines Gebäudes zu dringen schien. Glücklicherweise führte an dieser Stelle eine Brücke über den Kanal und vom Kanal aus ein Weg dem Lichte entgegen. Wir folgten diesem Wege und kamen an ein Tor, das eine Staketenzaunwand schloß, und wir vermuteten, daß das Gebäude, aus dem das Licht kam, eine Scheune sei, wie man sie auf den großen, eingezäunten Wiesen Hollands zu finden pflegt. Auch eine Scheune war uns bei dem immer heftiger strömenden Regen als Zufluchtsstätte höchst willkommen. Ich stieg ab, öffnete das Staketenthor und führte mein und Elses Pferd der Scheune entgegen. Ter Weg führte gerade an das Scheunentor, dennoch mußte ich lange klopfen, bis es geöffnet wurde, denn der Lärm des Donners, der noch immer grollte, des strömenden Regens, verbunden mit Pferdewiehern und Gestampf, welches zugleich mit einem höchst eigentümlichen Gesnmse aus dem Innern der Scheune kam, machte, daß mein Klopfen und Rufen nicht gehört wurde. Endlich wurde geöffnet. Ein kleiner, brauner Junge sah uns mit großen, schwarzen Augen au, verstand uns bald und lud uns ein, so rasch als möglich einzntreten, indem er Fräulein Else mit vielem Geschick vom Pferde hals, während er zugleich den Zaum meines Tieres ergriff. Dieses, erschrocken über den Anblick, den das Innere der Scheune bot, bäumte sich; aber der Junge behandelte es als ein Mann, der sich auf wilde Pferde versteht, und brachte es rasch wieder zur Ruhe. Er führte die Tiere in die Scheune und wir folgten ihm. Ein wunderbares Schauspiel erwartete uns, ein Schauspiel, das uns beiden ein erstauntes Ach! ebenso schnell hervorrief als unterdrückte. Die ganze Scheune bildete einen einzigen großen, ungeteilten Raum; auf diesem weiten Raum boten sich die verschiedensten Gruppen in verschiedener Beleuchtung. Beinahe die ganze Hälfte der Scheune rechts vom Tor, durch das wir eintraten, war vvu Pferden der verschiedensten Größen und Rassen eingenommen, von denen einige aus Trögen fraßen, andere neugierig und klug den Neuangekommenen entgegensaheu, noch andere bereits auf dem Stroh lagen, um, wie es schien, nach langem, ermüdendem Marsche auszuruhen. Einzelne Stalllaternen erleuchteten sie und einzelne Männer, die zwischen und hinter ihnen auf dem Stroh lagen, mit dämmerigem Lichte. Die Männer erfreuten sich eines tiefen Schlafes, trotz dein Lärm des Ungewitters und der mannigfachen Töne, die sich in der Scheune selbst hören ließen. Eigentümlicher aber war der Anblick, den der Winkel links am anderen Ende der Schenne gewährte. Dieser war in volles Licht getaucht, und dieses Licht kam von den vielen Stalllaternen, die dort an den Holzwänden angebracht waren, von zwei großen Kerzen, die vor einer Art improvisierten Betpultes brannten, und von zehn bis zwölf großen, anS rohem Wachs gekneteten Wachskerzen, die alle zusammen in einem mit Sand ungefüllten Futtertroge rechts vom Betpult staken. In dieser hellerleuchteten Abteilung der Scheune stand eine höchst auffallende Versammlung von Männern. Sie alle hatten weiße wollene oder damastene, von schwarzen oder blauen Bändern eingefaßte Mäirtel nmgeworsen, voll deren Ecken vier gleichmäßig gebundene, längliche Wollfadenbüschel herabfieleu und die oben, an dem Teile, der den Nacken bedeckte, mit silbernen oder goldenen Treffen bedeckt waren. Mehrere dieser Männer trugen unter dem Mantel lange, weiße, leinene Kittel, die faltig bis über die Knöchel herabfielen, geschloffen und in der Mitte vermittelst einer Schnur am Leibe festgehalten waren. Der Mann, der in einem solchen Kittel an dem Betpult in der Nähe der gelben Wachskerzen stand, hatte die Brust mit einein aus Silbertreffen zusammengesetzten viereckigen Schilde geziert. Die Männer in den Kitteln trugen auf dem Kopfe weiße Hauben, die zum Teil mit Stickereien bedeckt waren, die anderen hatten Hüte oder gewöhnliche Mützen auf. Sämtliche Männer standen in einer Richtung, dem Betpulte zugekehrt. So stille als sie dastanden, so stille saßen hinter ihnen auf ausgebreitetem Stroh mehrere Weiber und Mädchen, deren manche ei» schlafendes oder wachendes Kind auf dem Schoße oder in den Armen hielt. Der weibliche Teil der Versammlung hatte, das andächtige Schweigen abgerechnet, nichts Feierliches oder Festliches. Die Frauen waren im äußersten Neglige, sie lagen oder saßen höchst ungezwungen auf dem Stroh, die Haare ordnungslos zurückgestrichen oder über Brust und Schulter herabfallend, die gewöhnlichsten Werktagskleider nach Bequemlichkeit lose gemacht oder verschoben. Hinter dieser Gruppe, ganz nähe dem Tore, stand eine lange Reihe von Kasten und Kisten, welche teilweise geöffnet waren und einen Blick in ihr Inneres gestatteten. Da waren die phantastischsten männlichen und weiblichen Trachten aufgehäuft, welche alle Farben spielten und meist mit Goldtressen, Schleifen und allerlei schimmerndem Flitter geschmückt waren Zwischen den Kisten ordnungslos zerstreut lagen und ragten hervor allerlei buntbemalte Reisen, Stangen. Fahnen und anderer ähnlicher Hausrat wandernder Kunstreitergesellschaften. Es war kein Zweifel, wir befanden uns bei einer Knnstreitergesellschaft und zwar höchst wahrscheinlich bei der im Lande berühmten Truppe Wullenwebers, deren Ankunft seit mehreren Tagen in Amsterdam erwartet wurde. Das erkannten wir sogleich bei unserem Eintritt; aber die in dem beleuchteten Winkel stehenden, i» Totenhemden gehüllten Männer, ihr stilles Gebühren und die sonderbare Beleuchtung blieben Elsen noch immer »in Rätsel. lsiortf. solgl.»