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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-16 · Heft 3 (16.1.1903) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 3 (16.1.1903)
Date
1903-01-16
Page
Seite 33 (sequence 11)
Language
German
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33 Nach einer Sage sollen am Versöhnungstage die Herzen der vom Judentums Abgefallenen in geheimnisvollem Schauer erzittern. Wie dies bei Moritz Hartmann an einem Kol-Nidre- Abend zutras, zeigt seine Novelle „Bei Kunstreitern", die die Leser dieses Blattes sicher mit hohem Interesse lesen werden. Bei Kunstreitern. Von Moritz Hartman n. 1. (9^H!/'an kann auch in einer holländischen Stadt glücklich selbst wenn diese Stadt ihre historische Größe und Bedeutung längst eingebüßt hat, selbst wenn zwischen dem ordentlichen Pflaster dieser Stadt das Gras wächst und selbst wenn sie nur von Holländern bewohnt ist. -- Ich war um so glücklicher in einer solchen Stadt, die ich . nicht nennen will, als ich daselbst eine liebenswürdige deutsche Familie kannte, welche sich hier ansiedelte, um die vor kurzem angeerbten Güter und deren Verwaltung in der Nähe überwachen zu können. Ich hatte sie auf eitler Lustreise kennen gelernt, war von ihr eingeladen, und als ich der Einladung ein Jahr später folgte, mit einer Herzlichkeit empfangen worden, wie man nur einen lieben Anverwandten empfängt. In solcher Fremde, in der man mit Sitten und Charakter der Einheimischen nichts gemein hat, ist jeder Landsmann ein Anverwandter, abgesehen von den, Interesse, das man für Reisebekanntschaften empfindet, deren Andenken sich sehr vorteilhaft mit den Erinnerungen einer schönen Lustreise verknüpft und mit diesen identisch wird. Was mich betrifft, ich bedurfte dieser Erinnerungen »licht, um mich zu der deutschen Familie hingezogen zu fühlen und um der Einladung, ungeachtet eines großen Umweges, sobald als tunlich zu folgen. Fräulein Else, die Tochter des Hauses, wäre stark genug gewesen, mich in viel unwirtbarere Gegenden zu locken. Sie hatte während der kurzen Reise mit ihrer lebhaften Anmut, mit ihrem lieblichen Wesen mein ganzes Herz gewonnen, und die Briefe, die ich während unserer Trennung von ihr erhielt, waren nicht geeignet, ihr Andenken in mir ersterben zu lassen. Auf den verschiedensten Wegen, in den verschiedensten Gegenden, in den fernen Pyrenäen wie in dem traurigen Irland erheiterten sie mich und gaben mir das Bewußtsein, dessen der Wanderer so sehr bedarf, daß es irgendwo auf Erden einen Punkt giebt, da man gerne gesehen wird, da man gemütlich ausruhen könnte. Je größer die Anzahl dieser Briefe wurde, desto größer wurde in mir die Sehnsucht nach dieser gemütlichen Rast, und von Irland kommend, vernachlässigte ich die Schönheiten Schottlands, um mich so rasch als möglich in Leith nach Holland einzuschiffen. .Seit vierzehn Tagen weilte ich bereits bei den Reisebekannten, und sie waren mir schon mehr als Gastfreunde. Der Vater gehörte seinen landwirtschaftlichen Sommerheschäftigungen an, da er als neuer Gutsbesitzer in einem fremden Lande die hiesige Art der Oekonomie mit deutscher Gründlichkeit studieren wollte. Er verbrachte den größten Teil seiner Zeit auf den Feldern und überließ mich seiner Tochter, die, da die Mutter längst gestorben war, dem Hauswesen Vorstand. Noch mehr als für dieses Vertrauen war ich ihm für die Freuden, für die tiefen Herzensgenüsse dankbar, die mir dieser Umgang mit dem ebenso schönen als liebenswürdigen Mädchen verschaffte. Wir ritte» zusammen aus, wir lasen, wir plauderten, wir glaubten einander bis in die geheimsteil Winkel unserer Herzen zu kennen und empfanden beide die schöne Genugtuung, durch diese nähere Bekanntschaft eines in des andern Augen nichts verloren zu haben. Die Heiterkeit unseres Umganges war uns dessen sichere Bürgschaft. An einem schönen Septembernachmittag folgten wir trotz einigem Widerstreben der Einladung mehrerer junger Männer, die in der Stadt den Ton angaben und uns schon mehrere Male aufgesvrdert hatten, mit ihnen einen Ritt nach einem der schönen Punkte der Umgegend zu machen. Wir ritten wohl an zwei Stunden starken Trabes ins Land hinein, ohne eine Veränderung der Szenerie zu bemerken. Man kann in Holland eine Stunde lang selbst auf der Eisenbahn die Augen im Schlafe schließen, ohne beim Erwachen zu bemerken, daß man nur weiiige Schritte weiter gekommen. Ein Kanal, auf dem sich ein Trekschuyt langsam fvrtbewegt, ein Garten mit ölbestrichenem Staket, eine Wiese mit wenigen Kühen, am Horizont eine unendliche Reihe von Windmühlen, die langweilig ihre Flügel bewegen das ist die Landschaft, der man noch häufiger in der Natur als auf der Leinwand der holländischen Maler ins Gesicht blickt. Auf unser»! Spazierritt war es nicht anders. Die Pferde bewegten sich, die Sträucher rechts und links flogen an »ns vorbei — die Landschaft blieb dieselbe. Wir hielten vor einein Weghause, das etwas höher gelegen, die Aussicht über eine größere Anzahl von Kanälen und Windmühlen gewährte, außerdem seines guten Käses, seines trefflichen Thees und seines guten Weines wegen berühmt war; vor seiner Türe kreuzten sich mehrere Land- und Wasserstraßen, lmd es war hier etwas lebhafter, als sonst im offenen Lande dieses dem Meere abgerungenen Sumpfbodens. Die Jugend der.... er guten Gesellschaft fand an dem Champagner des Weghauses so großes Gefallen, daß es ziemlich spät wurde, ehe man sich auf den Heimweg »lachte, und daß sie dann mit großer Schwierigkeit die richtige Stellung im Sattel fand. Es ging beim Aufsitzen, trotz der Gegenwart mehrerer Damen, so lärmend her, daß demnächstige Rohheit zu befürchten war. So entschloß sich Else kurz, gab ihrem Pferde die Sporen und galoppierte vorwärts. Ich folgte ihr, und bald hatten wir die ganze Gesellschaft weit hinter uns. Es that uns so wohl, nach mehreren geräuschvollen Stunden wieder allein zu sein, daß Else einen Nebenweg einschlug, der uns, wenn auch mit einigem Zeitverlust, doch sicher nach Hause bringen und vor der Wiedervereinigung mit der Gesellschaft behüten sollte. Aber Else mußte sich geirrt haben; denn wir ritten und ritten, freilich in behaglichem Schritt, der ein ebenso behagliches Gespräch erlaubte, ohne in bekannte Regionen zu

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