Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- Seite 32 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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3Ä Fleckles in Prag zurückführten, geboren, lebte er zu einer Zeit, in welcher Gedanke und Wort gefesselt, die begeisterte Vaterlandsliebe geächtet und namentlich im österreichischen Kaiserstaate durch Polizei, Zensur und geistige Absperrung jede nationale und liberale Regung unterdrückt wurde. Moritz Hartmann verließ daher als 22 jähriger Jüngling sein Vaterland, um in seiner ersten Gedichtsammlung, die er unter dem Namen „Kelch und Schwert" herausgab, seinem Ingrimm über die herrschenden erbärmlichen Zustände und seinen fortschrittlichen politischen und religiösen Ideen öffentlich Ausdruck verleihen zu können. Freiheit und Vaterland waren die leuchtenden Sterne, zu welchen er schon in früher Jugend mit schwärmerischer Seele aufblickte, und denen er treu blieb, bis sich seine Augen znm letzten Schlafe auf Erden schlossen. Wohl wäre es dem ebenso begabten als schönen Dichter infolge seiner Beziehungen zu einer Fürstin, die sich der Gunst und Freundschaft der damaligen Kaiserin von Oesterreich erfreute, ein Leichtes gewesen, zu Aemtern, Würden und Reichtümern zu gelangen; aber der Schwärmer und Träumer, wie ihn gesinnungslose Glücksjäger innerlich zu nennen Pflegten, zog es vor, das bittere Brot der Verbannung zu essen und ein Flüchtlingsleben, zeitweise unter Entbehrungen und Gefahren, zu führen, weil er sich und seinen Idealen treu bleiben und mit dein Einsatz seines persönlichen Lebensglücks in Wort und Schrift für sie eintreten wollte. Es war daher nicht zu verwundern, daß er den österreichischen Machthabern verdächtig und verhaßt war und Ende 1847 bei seiner Heimkehr in Kriminaluntersuchung genommen wurde, der jedoch die Märzrevolution des folgenden Jahres ein Ende machte. In dieser herrlichen Frühlingszeit des erwachten deutscher! Vaterlandes trat Moritz Hartmann an die Spitze der gegen Despotismus. Reaktion und Polizeiherrschaft kämpfenden deutschen Partei seiner böhmischen Heimatprovinz und wurde vom Wahlbezirk Leitmeritz zur Nationalversammlung gewählt, in welcher er der radikalen Linken beitrat, die eine deutsche Republik anstrebte. In der Paulskirche in Frankfurt war es denn auch, wo er neben den großen Rednern zwar keine führende Rolle spielte, aber durch das Feuer seiner Beredsamkeit, durch die Poetische Verklärung, die über seinem Tun und Sprechen ausgebreitet lag, durch seine wunderbar klang- und kraftvolle Stimme und nicht minder durch seine auffallende männliche Schönheit die Zuhörer zu fesseln und hinzureißen verstand. Eben seine Schönheit war die Ursache, daß ein anderes Parlamentsmitglied, der eitle und gefallsüchtige Fürst Lichnowski, der bald darauf ein so tragisches Ende nahm, so eifersüchtig auf ihn ward, daß dieser mit einem befreundeten Maler in Streit geriet, weil der Künstler unter den hervorragenden Mitgliedern der Nationalversammlung auch den Dichter Moritz Hartmann malen wollte. Im darauffolgenden Monat sandte die demokratische Fraktion der Nationalversammlung eine aus den Reichstagsabgeordneten Robert Blum, Moritz Hartmann, Fröbel und Trampusch bestehende Deputation nach Wien, um die dortige Einwohnerschaft zu ihrem Aufstande gegen die von der Regierung geplante Aufhebung der österreichischen Verfassung zu beglückwünschen. Wie Verth old Auerbach in seinen Briefen mitteilt, trug Hartmann damals „eine schwarze Samtblnse, einen Kalabreser und hatte einen Hirschfänger umgürtet. Er war ein Bild von Paul Veronese." Nach der durch die Regierungstruppen erfolgten Niederwerfung des Volksaufstandes gelang es Hartmann uud Trampusch, rechtzeitig dem drohenden Tode zu entfliehen; die beiden anderen Mitglieder der Deputation hingegen, die auf ihre Unverletzlichkeit als Reichstagsabgeordnete vertrauten und daher sorglos in Wien zurückgeblieben waren, wurden sestgenomme», und Robert Blum am 9. November 1848 in der Brigittenau bei Wien standrechtlich erschossen. Durch das tragische Schicksal seines Freundes und Gesinnungsgenossen erschüttert, aber nicht entmutigt, nahm Hartmann in Stuttgart noch an den Sitzungen des Rumpfparlaments teil, worauf er nach der Auflösung desselben ins Ausland ging, in welchem er als Schriftsteller weiter rvirkte. Erst als in den 1860er Jahren der Genius der Freiheit wieder in Deutschland einzog, kehrte der Dichter in das lange und schmerzlich vermißte Vaterland zurück und ließ sich zunächst in Stuttgart und nachher in Wien nieder, wo er, wie schon eingangs erwähnt, im Mai 1872 starb. Wie als Politiker, so war er auch als Schriftsteller nicht auf hervorragendster Stelle gestanden. Er arbeitete, wie sein Freund Berthold Auerbach berichtet, „sehr leicht, manchmal auch locker. Aber etwas von der Anmut seines Wesens ging in jede seiner Arbeiten über". Gegen Ende seines Lebens wurde er überreizt, nicht nur weil er lange und schwer litt, sondern auch, „weil es ihn schmerzte, daß er im Flüchtlings- und Literaturleben nie zum vollen Ausdruck seiner eigentlich Intimeren Persönlichkeit kam". Dessenungeachtet bleibt sein von idealer Gesinnung getragenes und von seltener Aufopferungsfähigkeit erfülltes Leben eine köstliche Erscheinung aus besseren Tagen. Auffallend an seinem so reinen und starken Charakter war, daß er an dem Schicksal der Juden so wenig Anteil nahm. Um so bemerkenswerter erscheint es, wie ein zufälliges Ereignis einen so mächtigen Eindruck auf ihn machen konnte, daß längst erloschen geglaubte Gefühle in seinem Herzen mit ungeahnter Glut erwachten und ihn auf ewig von der Seite eines schönen und geliebten Mädchens rissen. In einer elenden holländischen Scheune, bei einer umherziehenden Kunstreitergesellschaft, hörte er nack, vielen Jahren die halbvergessenen Synagogenmelodien des Versöhnnngsabends wieder, und diese Klänge, die ihm einst als Kind so lieb und vertraut gewesen waren, führten ihn zu den jüdischen Stammgenossen zurück. Damit sich nicht genügend, lüftete er in einer seiner anziehendsten und rührendsten Erzählungen aus freiem Antriebe den Schleier seiner Abstammung, gewissermaßen als ein schmerzliches Selbstbekenntnis, welches bei diesem Manne, der nur Wahres und Tiefempfundenes zu schildern Pflegte, ebenso ergreifend als merkwürdig ist. Ja, es scheint, als habe Moritz Hartmann, der alles Sondernde von sich abgelöst zu haben vermeinte, lange unbewußt lief im Innersten noch eine Anhänglichkeit zur Religion seiner Väter in sich bewahrt, die sich nicht bannen ließ — jenes unsagbare Gefühl schmerzlichen Heimwehs und unlöslicher Zusammengehörigkeit mit dem in Schmerz und Freud' geborenen Leben der Judenheit.