Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-16 · Heft 3 (16.1.1903) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 3 (16.1.1903)
Date
1903-01-16
Page
Seite 30 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228531--59404-3295917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

so Neugeborenen Namen, welche mit den gottesdienstlichen den Anfangsbuchstaben gemeinsam haben. Wie weit dies aus Pietätsgründen geschah und geschieht, mag dahingestellt bleiben. Bei dem beschränkten Vorrat an geeignetem Material ist die Auswahl jedenfalls nicht leicht gewesen; Geschichtswerke, Encyklopädien und Lexika hat man durchstöbert, und mancher Rufname erscheint wohl daher so gesucht, so weit hergeholt. Auf solche Weise dürfte „Isidor", zum mindesten in Deutschland, der Stellvertreter von „Isaak" geworden nnd bei der Häufigkeit dieses erzväterlichen Namens auch jener in Schwang gekommen sein. „Isaak?" — wie unmodern! Welcher um die Zukunst seines Kindes zärtlich besorgte Vater mochte es so ansgesprochen jüdisch benennen! Daß „Isidor" fremdländisch klang, gewissermaßen den Weihrauchdnft der katholischen Kirche des Südens an sich trug, hat dein Worte bei vielen unserer Stammesgenossen gewiß keinen Abbruch getan. Schön wäre es in ihren Augen allerdings gewesen, wenn auch deutsche Christen ihrem Beispiel gefolgt wären. Diese taten ihnen jedoch nicht den Gefallen. Und kaum ist ein Jahrhundert seit der Rezeption des Namens vergangen, da finden ihn gewisse Leute so „verjudet", „echt jüdisch", lies: gemein-jüdisch geworden, daß sie ihm vollständig ihre Gunst entziehen und sich anderen Namengebilden, wie „Json", „Jsmar", „Jltang", zuwenden, die ebensowenig deutsch als „Isidor" und nicht einmal innen deutsam gleich diesem sind. Auf wie lange wird man an ihnen Gefallen finden? j Es ist hier an einem einzelnen, allerdings besonders hervorstechenden Beispiel gezeigt, zu welch verkehrten Folgerungen l Unkenntnis führt, dann aber auch, daß wir Israeliten in der Wahl von Vornamen weder eine sehr glückliche Hand noch viel — Rückgrat verraten. Ist jemand schon der Meinung, ein biblischer Name könne der gesellschaftlichen Einsührung, dem geschäftlichen Fortkommen seiner Kinder hinderlich sein, dann auch keine Verbeugung nach zwei Seiten, keine Halbheit, nnd statt „Moses", „Elias" nnd „Sara" frischweg „Christian". „Friedrich" und „Maria" gesagt. Wenn jüdische Eltern ihre zufällig am christlichen Pfingstfest geborenen Sprößlinge der Welt in Zeitungsannoncen als „Pfingjunge", „Pfingstmädel" vorstellen, so ist ersichtlich, wie weit mancher in der Kunst der Anpassung uüd des sich Assimilierens es bereits gebracht hat! Im Mittelalter wählten die Juden mit besonderer Vorliebe Namen aus der deutschen Heldensage — und das war in jedem Falle besser und würdiger. In bemerkenswertem Gegensatz hierzu steht die Tatsache, daß in England und Holland Christen sich alttestamentliche Namen zulegen. Das war von Alters her dieser Länder Brauch, man denke an Englands berühmten Jsaac Newton, und ist es noch heute, zum Beispiel trägt Hollands gegenwärtiger Premierminister Dr. Kuyper den Vornamen Abraham. Beiläufig gesagt, scheint die Verehrung, welche das Alte Testament in beiden Ländern genießt, an seinem Teil die Menschen dort vor dem Rückfall ins Antisemitische zu bewahren. Bezeigen aber Andersgläubige ihren Respekt vor den hehren Gestalten des Alten Bundes dadurch, daß sie deren Namen tragen, so gibt es streng genommen keine Rechtfertigung dafür, wenn Juden selbst, welche die angewiesene Schutz- und > Leibgarde der alten Ueberlieferungen bilden, sich dieser Namen schämen. -I. L. Georg Christoph Lrchtenberg über Moses Mendelssohn. Von Max Weinberg. n dem jüngst erschienenen Band 11 von „Lichtenbergs Briefe", herausgegeben von Albert Leitzmann und Carl Schüddekopf (Leipzig Dieterichscher Verlag, Theodor Weicher 1902), ist auch ein Brief enthalten, der für die Moses Mendelssohn-Literatur und demgemäß auch für die Leser dieses Blattes von hervorragendem Wert ist. denn er gibt den Eindruck wieder, den das Hinscheiden des Berliner Philosophen auf den geistvollen und geistesverwandten deutschen Schrift, steller und Gelehrten gemacht hat. Der Brief ist all Nicolai gerichtet und knüpft an den Nachruf an. den dieser dem dahingeschiedenen Freunde in der Allgemeinen deutschen Bibliothek gewidmet hat- Er ist vom 21. April 1786 datiert und lautet: Das Denkmal, welches Sie Moses Mendelssohn in Ihrer Bibliothek errichtet haben, ist vortrefflich und hat mich bis zu Tränen gerührt. Ich lese es täglich wieder. Die Häupter sterben hin, und Gott weiß, was die Erbprinzen machen werden. Der Laudator tsmporis aeti regt fick täglich stärker in mir. ich fürchte fast, daß es Alter ist. Ich weih nicht. Allein Sie, wertgeschätzter Freund. Sie müssen Mendelssohns Biograph werden. Erlauben Sie mir einmal, daß ich srei rede, man j ist bei offenem Herzen nirgends besser aufgehoben als bei Ihnen. Es zeigt sich hier, wie mich dünkt, für Sie eine Gelegenheit, ein Zusammenfluß von Umständen. Ihren bereits gegründeten Ruhm mit einem Werk zu krönen, die, ich möchte fast sagen seltner sind als das! Genie sie zweckmäßig zu nützen. Das Leben Mendelssohns müßte > unter Ihren Händen ein Fundamentalwerk für die Menschheit werden- Toleranz, wahre Gotteserkenntnis, wahrer Protestantismus, Ueberzeugung. daß man, ohne Kaiser oder König von Preußen zu sein, in! dem einen bescheidenen Sprengel, ohne einen Groschen auszugeben, sehr viel Gutes thun kann, wäre es auch nur das Almosen der Verträglichkeit und der der Zeit angemessenen Anschmiegung an Lehrmeinungen, die sich noch nicht umschaffen lassen; Hoffnung, daß diese Almosen, im großen Schatz zur Besserung der Welt niedergelegt, dereinst sicher ihre Interessen tragen werden; Uebung eigener Denkkraft der Mitglieder des Rats über Wahrheit und Irrtum ohne Rücksicht auf Namen, zu allem diesen würde sich Gelegenheit finden, und zwar eine, die vielleicht in Jahrhunderten nicht wieder kommen möchte. Es wird sobald kein Mendelssohn wieder sterben, und geschieht es in hundert Jahren etwa einmal wieder, wird da auch ein Nicolai wieder da sein, der der Welt mit der Kenntnis und Ueberzeugungskrast für die Stärkern und mit dem Kredit und Autorität für die Schwächeren, also für alle auf einmal mit der Macht deS Stils, die Sie besitzen, sagen können wird, das haben wir verloren, so sieht es um unser Vaterland aus, und das müssen wir tun? Sie können das alles sonst tausendmal sagen, aber das Publikum wird so leicht nie wieder die Disposition haben, es so aufzunehmen. Man will jetzt etwas lernen und annehmen, und der Beifall fliegt Ihnen entgegen. O hätte ich doch Mendelssohn gekannt wie Sie, hätte ich Ihre Erfahrung in der Welt und Ihre Tätigkeit. Ich schickte Ihnen wahrlich statt dieses ganzen aus dem Herzen fließenden Zurufs das Manuskript zum ersten Bogen. Mendelssohn wird auf diese Weise vollenden, was er angesangen hat. Sie werden sein Leben sortleben, wenn Sie sich der Arbeit unterziehen. Glauben Sie, Ihres verstorbenen Freundes Seele hat sich Ihnen nicht vergeblich mitgeteilt. Im Physischen lebt das Zerstörte noch immer in Nachkommen fort, warum nicht auch hier? O nützen Sie diesen Zeitpunkt, mit der Welt ein Wort zu reden. Sie hat ihre eigene Weise und die Kraft der Lehre ihre Zeiten; geht diese vorüber, so wird ein Augenblick im Kampf mit Aberglauben, falscher Religion und falscher Philosophie rc. versäumt, den unsere Augen nie wieder haben werden. — Ich habe noch nie Subskribenten gesammelt; für dieses Werk verspreche ich Ihnen meinen ganz unbeschränkten Beistand von der Seite, ich will alles tun, was ich in der Welt kann, doch eines solchen Beistandes bedarf ein solches Werk nicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.