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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-16 · Heft 3 (16.1.1903) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 3 (16.1.1903)
Date
1903-01-16
Page
Seite 29 (sequence 7)
Language
German
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29 Werden die Bücher nun auch gelesen werden? Die Bibliothek setzt sich zusammen aus Schriften belehrenden und unterhaltenden, religiösen und allgemeinen Inhalts. Auf dies» Weise wird sich jedenfalls bald Herausstellen, wie die Serien, die vierteljährlich wechseln sollen, in den einzelnen Gemeinden zusammengesetzt sein müssen, wenn die Bücher nicht bloß die Bibliothek des Ausleihers zieren sollen. Einzelnen, und wenn es an manchen Plätzen auch nur die Verleiher (Rabbiner, Lehrer) selbst sei» sollten, wird die Gelegenheit zur Lektüre guter Werke, die ihnen sonst nicht immer leicht erreichbar sind, gewiß doppelt willkommen sein. - so viel dürfte aber feststehen, daß von der Mehrheit der Entleiher (die selbst wohl keinen allzu großen Bruchteil der Gemeinde bilden) nur belletristische Litteratur begehrt wird, was ich aber keineswegs als einen Uebelstand bezeichnen möchte; — im Gegenteil, gerade hierauf gründe ich meine Hoffnung auf einigen Erfolg des Unternehmens. In dieser Beziehung ist man ja vielfach belesen; leider ist es in der Regel nur minderwertiges Material, das von Haus zu Haus weitergeliehen wird. Feststehen dürfte allerdings auch, daß in den nunmehr dargebotenen Werken jüdischer Belletristik viele gleichfalls nur die äußere Handlung fesseln wird, nichtsdestoweniger führen sie aber den Leser mitten in das jüdische Leben hinein und belehren ihn in gefälliger Form. Sicherlich wird durch sie manches Urteil über die Erscheinungen der Gegenwart anders gestaltet und geklärt und auch einige Kenntnis der Vergangenheit des Judentums vermittelt werden. Und ist erst das Interesse einmal vorhanden, so wird auch mancher ein Buch belehrenden Inhaltes mit nach Hause nehmen, der jetzt noch leer von dannen zieht wenn die Erzählungen gerade sämtlich ausgeliehen sind. Zum Schluffe möchte ich noch daraus Hinweisen, daß die Wanderbibliothek noch in ganz anderer Weis» einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auszuüben im stände ist. Oester als ich ja vermutet hätte, konnte ich Ausdrücke des Staunens und der Verwunderung darüber hören, daß es Leute geben soll, die Bücher kaufen, um sie andern unentgeltlich zu überlassen, und so findet das ideale, in wahrem Sinne „lesekem sekomsjim" begründete Werk vielleicht seinen Erfolg darin, daß es das Verständnis für ideale Bestrebungen verbreitet. Möge ihm auch der Erfolg vergönnt sein, daß es zum Segen für unsere jüdische Bevölkerung und zum Nutzen und Heil der Gesamtheit die in unseren Landgemeinden schlummernden geistigen Kräfte zu neuem Leben erwecke! Das wäre der herrlichste Lohn und Dank für seine edle» Begründer. ILdische Vornamen. 2^»n einem der sensationellen Militärstrafprozesse der letzten Jahre hat bekanntlich ein störrischer Gaul „Isidor", den sein Bereiter, obwohl Unteroffizier, nicht aus dem Gliede zu bringen verstand, eine gewisse Rolle gespielt. Es war zu jener Zeit, als zwei junge Herren, mir als Glaubensgenossen, aber sonst nur oberflächlich bekannt, an dem von mir eingenommenen Tisch in, Cafe sich niederließen und alsbald über diesen, im Verhandlungsbericht der Abendzeitungen vermeldeten Umstand in eifrige Unterhaltung gerieten. „Wie kann ein Pferd nur „Isidor" heißen," meinte der eine. „Sagen Sie lieber, wie kannein Mensch so heißen," entgegnete der andere und gab nun seiner tiefgründigen Abneigung gegen den armen Namen lebhaften Ausdruck. Er zerzauste förmlich das Wort, ließ sozusagen keinen guten Haar-noch Grundstrich daran und zog wiederum die einzelnen Buchstaben mit einer unverkennbaren Absicht spöttisch in die Länge. Darin schienen beide übereinzustimmen, daß es das Echtjüdische des Namens, sein ausschließliches Vorkommen unter Juden sei, was ihnen so sehr daran mißfalle. Ich war eine Weile unfreiwilliger Zuhörer, konnte mich dann aber nicht länger enthalten, mit einem: „Erlauben die Herren, Ihnen meinen Vornamen zu nennen. — ich heißeJsidor," das unweise Gerede zu unterbrechen. Folgte ein Augenblick der Konsternation, dann Bitte um Entschuldigung und — Schluß. Ich war zu weiteren Auseinandersetzungen an jenem Abend nicht aufgelegt. Nicht daß ich mich Persönlich gekränkt gefühlt hätte! mein Rufname hatte mir, ehrlich gesagt, selbst öfters Anlaß zur Kritik gegeben, und ich durfte sie daher anderen nicht verargen. Peinlich berührte dagegen die leider nicht seltene, hier wiederholte Wahrnehmung, daß Jsraeliteu manchmal an einer Sache aus keinem anderen Grunde Anstoß nehmen, als weil sie wirklich oder vermeintlich jüdischer Herkunft ist. Wie wenig es indessen mit dem angeblich jüdischen Ursprung und den ausschließlich jüdischen Trägern des Namens Isidor auf sich hat, wird schon eine ganz flüchtige historische Betrachtung zeigen. Der Name ist natürlich, darin gleich Theodor, vom Griechischen abgeleitet. Wie dieser aus (Gott) und (Geschenk) — also Gottesgabe — so ist Isidor aus (äghptische Gottheit. Gattin des Osiris) und zusammengesetzt und würde, da Isis Schntzpatronin der Nilschiffer und später allgemein der Seefahrer war, soviel als Gabe oder Schützling der Isis, anknüpsend an deren Beziehung zur Schiffahrt, heißen. Im frühen Mittelalter finden wir den Namen bereits in den südlichen europäischen Ländern; im siebenten Jahrhundert ist Jsidorus Hispalensis, Bischof von Sevilla, der gelehrteste Theologe seiner Zeit, und mit wie nach ihm mancher andere Kleriker Inhaber des Namens. Daß derselbe sich gerade in der katholischen Welt einen guten Klang erworben haben muß, deutet u. a. auch seine Aufnahme in den römisch-katholischen Kalender an, in welchem sr noch heute dem 4. April beigelegt ist. Einiges Interesse dürfte es für die jüdischen Isidore unserer Tage auch haben, daß ein erst neulich gekröntes Staatsoberhaupt, der junge König von Spanien, ihr Namensgenoffe ist. Die vollständige Nomenklatur der „katholischen Majestät" lautet nämlich: Alfons Leon Fernando Maria Jakob Isidor Puscual. Wie nun dieser alles eher als jüdische Name unter den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens Eingang und so vielfache Verwendung findeil konnte, dafür liegt die Erklärung, dünkt uns, nah». Als nach der großen französischen Revolution mit der Emanzipation der Juden auch die Beurkuudung ihres Personenstandes in die Wege geleitet wurde, mußte die traditionelle Benennungsweise, wie Jakob, Sohn von Moses, der unter Christen üblichen weichen. Die Annahme eines bestimmten Familiennamens wurde Erfordernis, in der Wahl der Vornamen war jeder frei. Damals, so stellen »vir uns den Hergang vor, begannen die Namen der Patriarchen, Propheten, Könige und sonstigen Größen der Bibel bei vielen in Mißkredit zu kommen und, wenigstens für das bürgerliche Leben, über Bm'd geworfen zu werden. Nun gab man den

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