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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-16 · Heft 3 (16.1.1903) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 3 (16.1.1903)
Date
1903-01-16
Page
Seite 28 (sequence 6)
Language
German
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28 Gobinau anscheinend krank gelesen. Er hat sich infolgedessen gedrängt gefühlt, einen Gesetzentwurf einzubringen, der die Naturalisation der Ausländer in Frankreich wesentlich erschweren soll. Er ist um die Reinheit der französischen Rasse besorgt. Er fürchtet, daß die massenhaft einwandernden Fremden sie verschlechtern und schließlich ganz auflösen würden, wenn man ihnen das Ausgehen in die französische Volksgemeinschaft allzu sehr erleichtert. Wenn inan nicht wüßte, daß der wackere Herr Grosjean es bitter erst meint, könnte man wirklich glauben, daß er sich über die fanatischen Rassenmystiker lustig machen wolle, so sehr gleicht sein Gesetzentwurf einer parodistischen Verspottung der von unwissenden Schwätzern mißbrauchten Rassentheorie. Er will die Reinheit einer Rasse wahren, die in den letzten drittehalb Jahrtausenden bloß folgende Bestandteile vor geschichtlich beglaubigten Zeugen in sich ausgenommen hat: phocäische Griechen, Phönizier, Karthager, Römer, Franken, Gothen, Burgunder, Mauren, Dänen (Normannen), Hunnen, Bulgaren („bougrss"), Vlämen, Engländer, Allemannen (im Elsaß) und Italiener. Dabei ist noch nicht erwähnt, daß auch die Gallier, Galater, Kelten, Keltiberer rc., die Cäsar bei der Eroberung Galliens vorfand, wahrscheinlich schon ein Gemisch aller möglichen vorgeschichtlichen Rassen Nord-, West- und SüdeuropaS waren. Die Einwanderer, gegen die Herr Grosjean die „Reinheit der französischen Rasse" verteidigen will, sind in der Hauptsache Belgier, Italiener, Luxemburger, elsässische Deutsche und Spanier, das heißt Elemente, die im französischen Volksgemisch ohnehin schon ebenso stark vertreten sind, wie die ursprünglichen Kelten und Keltiberer. Die Kammer wird den Gesetzentwurf des Herrn Grosjean schwerlich ernst nehmen, obwohl ein deutsches Antisemitenblatt verkündet, daß in keinem Parlament der Welt die Antisemiten stärker vertreten seien als in dem französischen. Sie zählen in der Kammer gegen 60 und im Senat ungefähr 20 Männer, d. h. alle Nationalisten, die doch nur die Minorität bilden. Der Gesetzentwurf des Herrn Grosjean wird deshalb nur ein Projekt bleiben. Aber er verdient dennoch Erwähnung als ein Beispiel der Wirkung von inhaltlosen Schlagwörtern au? unklare Köpfe. 4> lieber die Juden in Marokko, deren Lage wieder eine sehr unsichere ist. erzählt der Forschungsreisende Gerhard Rohlfs in seinen noch heute maßgebenden Reisewerken manches Interessante. Aus seinen Mitteilungen und aus denen neuerer Reisender geht hervor, daß der religiöse Fanatismus in Marokko gleicherweise unter der Asche gegen Juden wie Christen lodert, vielleicht sogar gegen letztere noch mehr als gegen die Juden, die sich, wie wir jetzt sehen, in vielen Beziehungen unentbehrlich gemacht haben und sogar zu Rohlfs Zeiten schon im Heere des Sultans, durch besondere Abzeichen kenntlich, dienten. Doch ist die offizielle marokkanische Religion lange nicht so intolerant, als nach dem gelegentlichen Auftreten des Pöbels erscheint, der dort von sanatischen Priestern auch jetzt wieder aufgehetzt wird. In jedem Falle ist die Lage der marokkanischen Juden eine verzweifelte, gleichviel ob der Sultan siegt oder der Prätendent. Man hat sie ja auch schon „der Sicherheit wegen" in ihr Ghetto eingesperrt. Was später werden soll, hängt davon ab, ob eine europäische Macht sich ihrer annimmt. Aus dem Elsaß. _„ Im Januar 1903. (ZjK^ie Unitas-Loge jU. O. B. B. in Straßburg hat in diesem Monat ein ideales, selbstloses Werk geschaffen, das wert ist. auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden, da es den Dank und die Anerkennung aller verdient, die für Verbreitung von Wissen und für Kulturfortschritte begeistert sind und denen die sittliche und geistige Hebung unserer Glaubensgnossen am Herzen liegt — sie hat eine Wanderbibliothek begründet und bereits an verschiedenen Gemeinden des Unterelsaff je eine Serie Bücher gesandt. Es soll auf diese Weise, wie es in einem Rundschreiben der Loge heißt, in den von den sozialen und wirtschaftlichen Umgestaltungen unserer Zeit besonders hart getroffenen kleinen jüdischen Landgemeinden das Streben nach geistiger Beschäftigung und Fortbildung wach gehalten werden, damit es nicht in dem schweren Kampf ums Dasein verkümmere und erstickt werde. Darf man auch keine allzu weitgehenden Hoffnungen auf die Erfolge dieses Unternehmens setzen, so halte ich es doch im Gegensatz zu vielen Zweiflern für wohl geeignet, neues Interesse für das Judentum und etwas größeres Verständnis desselben in den jüdischen Gemeinden zu erzeugen, ja ich erblicke in ihm einen Versuch, der notwendig von welcher Seite auch immer unternominen werden mußte, wenn in, ich möchte sagen absehbarer Zeit auf dem Lande überhaupt noch von wahrhaft jüdischem Leben die Rede sein soll. Was das religiöse Verhalten bei uns anbetrifft, so sind alle Schattirungen vorhanden, Ueberfromme, Fromme und „Unfromme" in ihren verschiedenen Abstufungen wie anderwärts auch. Gemeinsam ist aber all diesen Richtungen, daß die große Mehrheit ihrer Vertreter sich auszeichnet durch gründliche Unkenntnis nicht nur der Religion, sondern auch so ziemlich sämtlicher Fragen, die das heutige Jndentnm bewegen. Die „Frommen" halten an dem fest, was sie stets vor sich gesehen haben, jedoch in der Regel ohne tieferes Verständnis und nur zu oft selbst ohne eigentliches Interesse für die ihnen zur zweiten Natur gewordenen religiösen Handlungen, und wenn die Lauen ohne viel Bedenken das, was dem Erwerb oder der Bequemlichkeit oder der Mode entgegensteht, über Bord werfen, so ist dies weiter nichts als ein Zeichen von Irreligiosität, sie folgen gegebenen, willkommenen Beispielen. „Aufklärung" hat jedenfalls den geringsten Anteil daran, und gar manchem ist Begriff und — Name ebenso fremd, wie die Sache. Den gleichen Mangel an Energie gewahren wir auch in der Stellung zur Judenfrage. Wohl bewährt sich das jüdische Herz, wenn es gilt, unseren bedrängten Brüdern im Osten materielle Hilfe zu leisten, den Kämpfen gegen den Antisemitismus und dem Ringen nach wirklicher Gleichberechtigung bringt man aber herzlich wenig Verständnis und Teilnahme entgegen. Unkenntnis der Religion, diese erste Ursache des religiösen Verfalls und Unkenntnis der die Gegenwart bewegenden Fragen gehen somit leider vielfach Hand in Hand. Es gilt somit im allgemeinen nicht nur das Streben nach geistiger Beschäftigung wach zu halten, sondern dieses Streben sowie das Interesse für die Gesamtheit zu erwecken, und dazu dürfte sich eben nichts besser eignen, als das Lesen einschlägiger Schriften. Diesbezügliche Bücher sind aber auf dem Lande noch seltener als jüdische Zeitungen und diesem Uebelstand sucht eben di« Wanderbibliothek der Unitas-Loge abzuhelfen.

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