Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228530--59392-3295904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Sie stets treu im deutschen Interesse gewirkt haben, und lvir zweifeln nicht daran, daß dies auch künftig Ihrerseits geschehen wird, selbst wenn viel Selbstverleugnung hierzu erforderlich ist!" — Der Brief spricht für sich selbst! LI. SchueiderttÄhl, 1. Januar. Am 25. v. M. feierte die hiesige jüdische Elementarschule das übliche Chanukahfest, über das Sie wohl ausnahmsweise einem kurzen Bericht die Aufnahme nicht versagen werden. Herr Rabbiner Brann. der Lokalschulinspektor genannter Schule, machte in seiner Ansprache an die Kinder diese auf die Bedeutung des Festes aufmerksam. Deklamationen und Gesänge von Seiten der Kinder wechselten in harmonischer Weise während der Feier ab. Herr Rabbiner Braun hat nämlich in diesem Jahre das fünfzigste Mal während seines hiesigen Amtirens das Chanukahfest abgehalten und feiert am „Loliabbos 1ra§o6aut" das fünfzigjährige Jubiläum als Rabbiner unserer Gemeinde. Auf den Verlauf dieser seltenen Jubelfeier kommen wir selbstverständlich später zurück. Herr Rabbiner Brann steht im 89. Lebensjahre und erfreut sich vollster körperlicher und geistiger Frische. /. Dessau, 6. Januar. Eine traurige Nachricht habe ich heute zu melden : Frau Baronin Cohn-Oppenheim, Tochter des Baron Cohn in Dessau, ist gestern in Berlin, im Hotel Kaiserhof, gestorben. Baronin Cohn-Oppenheim hat in den letzten Jahren, seitdem das sehr große Verniögen ihres Vaters an sie gelaugte, durch Generosität größten Stils und Wohlthätigkeitsakte von imponirendem Umfang allgemeines Interesse aus sich gelenkt. Für Unterstützungszwecke hatte Baronin Cohn-Oppenheim ein eigenes Büreau organisirt, das jedes Gesuch aufs Wohlwollendste prüfte. Für Ablösung einer etwaigen Negreßpflicht ihres Heimgegangenen Vaters Baron Cohn, der Mitglied des Kuratoriums der verunglückten Preußischen Hhpotheken-Aktien-Bank und der Deutschen Grundschuldbank war. hat sie, ohne es auf eine gerichtliche Prüfung der Verpflichtung ankommen zu lassen, sieben Millionen Mark hergegeben. Auch für künstlerische Zwecke gab die Heimgegangene sehr bedeutende Summen her. zum Theil zur freien Verfügung des Kaisers. Der Kaiser, der ihr nach des Vaters Tode die Erlaubniß zur Führung des väterlichen Namens und Titels gab, bezeigte für diese Frau von vornehmer Gesinnung und ungewöhnlich nobler Denkungsweise mehr als einmal seine Sympathie. Am ersten Chanukahtage wurde die nunmehr Heimgegangene zur Exzellenz ernannt. Dem Patent war folgendes Schreiben hinzugefügt: „Ihrer Hochwohlgeboren der Frau Baronin v. Cohn-Oppenheim hier. Ew. Hochwohlgeboren gereicht es mir zur besonderen Freude die ergebenste Mittheilnug machen zu können, daß Se. Hoheit der Herzog in dem Wunsche. Ihnen für Ihre immer erneut geübte hochherzige Wohlthätigkeit, welche weiten Kreisen der Armen und Bedürftigen im Lande zum Segen gereicht, ein besonderes Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben, die Gnade gehabt hat. Ihnen das Prädikat „Exzellenz" zu verleihen. Indem ich im höchsten Aufträge anbei das Patent hierüber ergebenst übersende, füge ich mit Vergnügen meinen besten Glückwunsch zu dieser hohen Auszeichnung und die Versicherug meiner vorzüglichsten Hochachtung hinzu. Dessau, 24. Dezember 1902. Der Herzogliche Staatsministerv. Koseritz." Zur Errichtung einer neuen Leichenhalle und Erweiterung des Friedhofes der hiesigen Gemeinde spendete die Frau Baronin kürzlich 150 000 Mark. Auch ein Neubau der Synagoge lag in ihrer edlen Absicht. Nun ist das alles dahin. Die Trauer um die Heimgegangene ist hier eine allgemeine. Ihr Wirken wird unvergessen bleiben. o. Hamburg, 1. Januar. Am 26. v. M. starb hierselbst nach kurzem, schwerem Krankenlager infolge einer Lungenentzündung Herr Prediger Moritz Scherbel, nachdem es ihm nur wenig über ein Jahr vergönnt gewesen, hier die Muße zu genießen, die ihm das Ausscheiden aus dem Prediger-und Lehramte in Gumbinnen gewährte. Vor wenigen Monaten erst hatte die Feier seines 70. Geburtstages stattgefunden, unter der Antheilnahme zahlreicher Freunde und Verehrer, die er durch so viele Jahre mit seinen geist- und humorvollen Erzählungen, mit seinen anregenden Plaudereien, mit seinen gedankenvollen religiösen und philosophischen Betrachtungen, mit seinen feinsinnigen Gedichten erfreut hatte. Zwei Werke stich es besonders, die ihn bekannt und populär gemacht haben: das von tiefem philosophischen Geiste durchtränkte Buch: „Der Unsterblichkeitsglaube" und das weitverbreitete, praktischen Bedürfnissen dienende Büchlein : „Wünsche, Gelegenheitsgedichte und Tischreden". Vor wenigen Monaten erst, bei Gelegenheit seiner 70 jährigen Jubelfeier, haben wir den Lebensgaug des Verstorbenen, sein Wirken und Schaffen gewürdigt. Die Hoffnung, die wir damals aussprachen, daß es ihm noch viele Jahre vergönnt sein würde, die Leserwelt durch seine litterarische Thätigkeit zu erfreuen, hat sich leider nicht erfüllt. Wir verlieren an ihm einen treuen Mitarbeiter, dasJudcnthum aber einen begeisterten und unermüdlichen Vorkämpfer. Mit dem Rüstzeug modernen Wissens ausgestattet und beseelt von dem Streben, dem Geiste der Zeit gerecht zu werden, war er zugleich erfüllt von tiefster Frömmigkeit, von wahrhafter Religiosität und Toleranz, wie sie nur die innigste Liebe zur Menschheit, eine sonnig-heitere ideale Lebensanschauung, ein goldreines Gemüth, ein warmfühlendes Herz zu verleihen vermögen. Sein Andenken wird in Ehren bleibell. u. Köln, 4. Januar. Nicht über Chanukahfeier im allgemeinen Sinn, wie sie in jeder Gemeinde begangen werden, möchte ich heute berichten, sondern über solche, die auch nebenbei eine soziale Bedeutung haben. Zwei neue Institutionen der letzten Jahre Verdiellen es, hier ganz besonders hervorgehoben zu werden. Krankenpflegerinnen und Handwerker sind in letzter Zeit mehr als früher in den Vordergrund getreten und bezeuget! in hervorragender Weise die Verjüngungskrast des Judenthums. Der hier vor einigen Jahren gegründete Krankenpslegerinnenverein erfreut sich der ganz besonderen Gunst des Publikums. Derselbe findet vorläufig seine Unterkunft im „Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache", und werden die Schwestern in dieser Anstalt ausgebildet. Am Chanukahfest findet alljährlich die Diplomirung der ausgebildeten Pflegerinnen statt. Diese Feier, welche am 27. v. M. Abends stattfand, hinterließ einen wohlthuenden Eindruck auf die Festtheilnehmer. Alle Schwestern waren versammelt; der Vorsitzende des Vereins, l)r. M6Ü. Auerbach, hielt eine Ansprache, in der er die soziale Bedeutung der Krankenpflege hervorhob und alle Bedenken, die sich gegen derartige Institutionen geltend machen wollen, beseitigte. Nach diesem sprach Rabbiner Dr. Frank und betonte den religiösen Charakter des Vereins, der es fortan ermöglichte, in Krankheitsfällen durch Glaubellsgenossen verpflegt zu werden, ein Umstand, der entschieden dazu beiträgt, die Genesung von der Krankheit zu beschleunigen, da der Kranke sowohl zu dein Arzt wie zu dem Pfleger sympathisches Vertrauen haben müsse. Ein mit reichen Chanukahgeschenken belegter Tisch für die Krankenpflegerinnen legte Zeuguiß für die Beliebtheit des Instituts ab. Neben Dr. Auerbach haben sich Or. mell. Fritz Cahen und die Oberin Frieda Brüll besondere Verdienste um den Verein erworben. Damit auch die Alten beiderlei Geschlechts zu ihren Rechten gelangen wurden auch diese bescheert, nachdem das Chanukahlicht angezündet war und RabbinerDr.Frank auch an die würdigen Greise und Greisinnen eine passende Ansprache gerichtet hatte. Wer solchen Festen anwohnt, geht mit dem Bewußtsein nach Hause, daß „Israel nicht verwittwet ist".-Eine nicht minder erhebende Feier fand an dem folgenden Tage im „Israelitischen Lehrlingsheim " statt; galt es gestern dem Alter und Denen, die ihre Kräfte für die leidende Menschheit zur Verfügung stellen, so tritt uns im „Lehrlingsheim" die Jugend, die gesunde Kraft, das volle Leben, lauter Hoffnung und Zukunft entgegen. Einige dreißig jüdische Jünglinge, wohlgebaut und gesund an Geist und Leib boten einen freundlichen, schönen Anblick. Chanukahlicht, Prolog, Gedichte, Theateraufführung, und zuletzt Turnübungen, die dem besten Turnverein zur Ehre gereichen würden, legten Zeugniß dafür ab, daß hier ein soziales Institut äußerst segensreich wirkt. Auch hier richtete 1)r. mell. Auerbach schöne Worte an die im Festsaal zahlreich Versammelten, den! sich Rabbiner Dr. Frank als Redner anschloß; beide verbanden den Chanukahgedanken mit dem sozialen Streben in der Judenheit der Gegenwart, das die Ehre des Judenthums hochhält und wie damals wacker und tüchtig kämpft für den ererbten guten Namen aus früheren Tagen. Mit der Vertheilung von Sparkasseneinlagen an die fleißigsten Handwerkerlehrlinge schloß die religiös-soziale Feier. Oesterreich - Ungarn. m Wien, 5. Januar. Die nächsten Probep redi ger in unserer Gemeinde sind die Herren Dr. Kaminka und Dr. Grunwald-Hamburg. — Das Neujahrsavancement brachte auch zahlreichen, dem jüdischen Glauben augehörenden Offizieren eine Rangerhöhung in der kaiserlich-königlichen Landwehr. — Eine interessante Verhandlung hat vor einigen Tagen hier stattgesnnden. Eine beträchtliche Anzahl jüdischer Geschäfsfirmen klagte das „Deutsche Volksblatt" wegen eines