Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 24 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Sprerhsaal. Geehrter Herr Redakteur! Motto: Man sucht Niemand hinter ein ein Busch, hinter dem man nicht selbst gesteckt hatas obenstehende Motto, auf die Blutlüge angewendet, bedeutet, daß diese Lüge nur deshalb im deutschen Volke Glauben finden konnte, weil in ihm vielfach mystischer Aberglaube über die Bedeutung des Blutes und die Entsühnung durch das Blut herrscht, wie unter anderm aus den Phantasien von Max Bewer hervorgeht. Einerseits hat die Idee des Todes Christi, der durch seinen Opfertod die ganze Menschheit entsühnt, die Grundlage geboten. Das Gegenstück dieser Idee ist der Vorwurf, daß die Juden das Blut eines Ermordeten in die Osterbrote thun um der Versöhnung willen. Augenscheinlich eine „Gedankenverbindung", die an die christliche Hostie anknüpft. Neben dieser Form erscheint die Blutlüge häufig in der mehr materialistischen Form, daß die Juden, um sich von Krankheiten, namentlich dem Aussatz, zu heilen, des Blutes eines Unschuldigen, insbesondere des Blutes einer unschuldigen Jungfrau bedürfen. In dieser Form ist die Lüge unter Anderen von dem (sogar im preußischen Abgeordnetenhaus durch Herrn von Wackerbarth zitirten) Belgier A. Laurent vorgebracht worden. Auch das Gutachten, das Rohling zum Prozeh Tisza-Eszlar unaufgefordert erstattet hat, zielt nach dieser Richtung. Augenscheinlich ist aber dieser Gedanke, durch das Blut eines Unschuldigen von einer Krankheit zu heilen (zu entsühnen), nichts Anderes, als der Inhalt des „Armen Heinrich". Wenn in der jüdischen Litteratur eine Dichtung wie der „Arme Heinrich" vorhanden wäre <was allerdings nicht möglich ist, da dessen Gedankengehalt jüdischer Auffassung absolut widerspricht), so wäre das sicherlich für die Antisemiten ein kostbarer Fund. Als „christliche Dichtung" zeigt der „Arme Heinrich" uns den Gedaukengang, der die Gläubigen der Blutlüge hindert, sie als Lüge zu erkennen; sie setzen bei den Juden denselben Aberglauben voraus, der anderswo noch vielfach vorhanden ist. (". r Verehrliche Redaktion! <Mn jüdischen Blättern habe ich mehrfach Anspielungen auf angeblichen Antisemitismus des Abgeordneten Daszynski gelesen, so unter Anderem in einer Ihrer letzten Nummern eine derartige Bemerkung von Jwri. Meiner Ansicht nach liegt hier ein schiefes Urtheil vor. wie anliegende Auszüge aus einer Rede Daszynskis Ihren Lesern ergeben werden. Es geht daraus hervor, daß Daszynski mit der Masse der armen Juden tiefe Sympathie hat, und wenn er gegen gewisse Kreise unter den maßgebenden Juden austritt, die für die Wahlen der Pientak und Genossen eingetreten sind, so ist das vom jüdischen Standpunkt gewiß nicht zu beklagen. Denn die Pientak und Genossen sind die offiziellen Protektoren der Felizianerinnen, welche in so schamloser Weise jüdische Mädchen ihren Eltern entführen. Uebrigens zieht diese Wahlthäiigkeit im Dienste der galizischen Schlachta, welche soeben wieder dem Grasen Starzellski zu einem Mandat in Drohobycz verholfen hat. den Juden den Haß der unterdrückten Volksmassen zu, und es wäre daher im jüdischen Interesse weit nothwendiger gegen die Hilfeleistungen zu protestiren, welche die jüdischen „Honoratioren" der antisemitischen Schlachta leisten, als gegen Daszynski. der die Thätigkeit dieser Honoratioren geißelt, aber Herz für die armen Juden hat. Ich hoffe, Sie werden im Interesse der Gerechtigkeit den anliegenden Allszug zum Abdruck bringen. Hochachtungsvoll Ein Leser. Auszug aus der Rede des Abgeordneten Daszynski vom 12. November 1901. Das zweite Agens der Wahlkampagne, welches für die Schlachzizen thätig ist, sind die jüdischen Agitatoren. Meine Herren! Ich stehe wirklich nicht im Verrüfe, ein Antisemit zu sein. Von dieser Seite des hohen Hauses wurden mir schon einigemale meine Sympathieeu für die um ihr Recht kämpfende Judenschast vorgeworfen. Als Sozialdemokrat kenne ich nicht und anerkenne ich nicht den Unterschied des Glaubens und der Nationalität als etwas, was irgend ein politisches, oder irgend ein gesellschaftliches Recht beeinträchtigen sollte. Aber über die jüdischen Agitatoren muß man schließlich ein offenes Wort in diesem Hause sagen. Meine Herren! Ich wage die Behauptung, daß ohne die jüdischen Agitatoren der Polenklub nie und nimmer zu Stande gekommen wäre. Ohne die jüdischen Agitatoren in der Provinz und in den beiden Hauptstädten des Landes gäbe es keine klerikal-konservative Landtags- Majorität. Und für Jeden, der die Verhältnisse im Lande, besonders in der Provinz kennt, sind diese Behauptungen gar nicht gewagt, sie entsprechen einzig und allein der Wahrheit.- DerjüdischenMassegegenüber wird eine furchtbare Politik getrieben. Sie wird von der herrschenden Klique sozusagen wie die ersten christlichen Heiligen im Zirkus den Löwen vorgeworfen. So wird der Jude preisgegeben, und jedem Demagogen, jedem Klerikalen, jedem Antisemiten ausgeliefert. der sich an den Juden vergreifen will. Der Jude wird durch die Steuerinspektoren bis auf das Blut ausgesogen. Dieser Jude zahlt auch den größten Prozentsatz einer jeden Steuerliste in Stadt und Land. Dieser Jude kriegt nichts geschenkt, er wird über alle Möglichkeit belastet, er wird auch politisch und gesellschaftlich unterdrückt. Kein Jude darf Gymnasiallehrer werden, kein Jude Auskultant bei Gericht werden, kein Jude darf Beamter der Bezirkshauptmannschast werden u. s. w. Man hat das Wirken der Inden zusammengeschraubt und hat dann ans ihnen Servilisten gemacht, und mail hat diesen Jammer des bedrückten Volkes zum Werkzeug der Macht der Schlachzizen gemacht. Ich bin gewiß kein seichter Antisemit, der diese Juden nur verdammen oder nur gegen sie wettern würde. Ich verkenne nicht alle historischen, sozialen, politischen und nationalen Gründe, welche diese jüdischen Agitatoren zu dem gemacht haben, was sie jetzt im Lande sind. Ich begrüße aus vollstem Herzen die Juden, welche sich von dem unwürdigen Drucke über ihr Gewissen und von denMißbräuchen emanzipirt haben, der aus ihnen in Galizien gelastet hat; ich begrüße die Renaissance der Judenschaft in Krakau und Lemberg, ich gratulire diesen galizischen Wählern, die den Namen des Dr. Byk speziell als Juden aus allen Listen gestrichen und an seine Stelle den Namen des Abgeordneten Bojko, eines schlichten Bauern, gesetzt haben. Das hat die jüdische Jugend gemacht, sie hat den polnischen Bauer anstatt des jüdischen Korruptionisten gewählt. Dasselbe haben wir in Krakau erlebt, wo ein Jude, der Vorsteher einer Kultusgemeinde, einem Christen, dem Abgeordneten Notter; gegenüberstand, die Juden waren es. welche für den Christen stimmten, und die Kanonikusse und Pfaffen der Stadt waren es. welche für den Juden stimmten. Ich begrüße es aus vollem Herzen, daß hier einmal der Anfang zur Besserung, zum Guten, zur Erlangung der verlorenen Würde im Lande gemacht worden ist, und ich hoffe, daß die Juden im Lande ihre Sünden selbst gut machen, und daß sie nicht zu Gunsten des Kozlowski. Pininski, Wodzicki und Jaworski stimmen, sondern daß sie ihre Sache mit der Sache des Volkes vereinigen werden. Wenn ich das sage, so thue ich es nicht nur aus purer Begeisterung für die bescheidenen Anfänge der jüdischen politischen Renaissance, die wir in Krakau und Lemberg und theilweise auch in der Provinz bei den letzten Wahlen erlebt haben. Ich weiß ganz genau, daß die jüdische Masse so verarmt ist, daß sie nichts mehr zu verlieren hat, ich weiß ganz genau, daß auch der größte Steuerdruck aus der Judenschast nicht mehr viel auszupressen im Stande ist. ich weiß, daß man mit all diesen Verfolgungen schon an die Grenze gegangen ist, wo für den Juden nur die Wahl vorhanden ist: zu pariren oder überhaupt zu krepiren. Ich weiß, daß sich die Verhältnisse immer mehr so zuspitzten, daß die Juden gezwungen wurden, für den Antisemiten zu stimmen. Dort, wo sie nicht organisirt sind, dort, wo sie noch immer im Banne der Bezirkshauptleute stehen, dort haben sie wirklich am meisten dazu beigetragen, daß die klerikalen Antisemiten gewählt wurden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.