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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-09 · Heft 2 (9.1.1903) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
Seite 23 (sequence 13)
Language
German
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23 Litterarische Mittheilungen. — Dr. I. Ziegler: Die Königsgleichnisse des Midrasch, beleuchtet durch die römische Kaiserzeit. 677 Seiten. Breslau 1902. Schlesische Verlagsaustalt von S. Schottlaender. Eine interessante, gediegene Arbeit, die über ein wichtiges Gebiet der jüdischen Litteratur neues Licht verbreitet. Die Königsgleichnisse, gewöhnlich mit dem stereotypen eingeleitet, wurden bisher, wie die Gleichnisse des Midrasch überhaupt, mehr oder weniger als bloße Dichtungen betrachtet, einfach erfunden und ausgetüftelt. wie etwa noch heutzutage die Gleichnisse der russischen Maggidim. um zu unterhalten, und um die religiösen Gedanken dem Volke verständlicher zu machen. Nun werden wir durch Ziegler belehrt, daß die Königsgleichnisse einen ganz anderen Werth haben, daß sie aus dem Leben geschöpft sind, und zwar daß hier griechisch-römische Kultur, insbesondere die Sitten und Gebräuche am Hofe, ihren Einfluß übten. Die Midraschlehrer treten aus ihren vier Ellen der Halacha hinaus in das große Treiben der Weltstadt. Der Beweis ist dem Verfasser, wenn auch manches zu gewagt erscheint, vollkommen gelungen. Das ist nach zwei Seiten ein bedeutender Gewinn. Es wird der römischen Kulturgeschichte eine neue, ergiebige Quelle, wo kaum eine solche vermuthet wurde, erschlossen und zugleich der Midraschforschung, die bisher, nur Textkritik und höchstens noch die Beziehungen der einzelnen Midraschim zu einander zum Gegenstände hatte, ein neuer Weg vorgezeichnet. Volle Anerkennung verdient die Darstellung. Der Stoff, etwa 1000 Gleichnisse mit Angabe der Parallelstellen, wird in elf Kapiteln, von welchen jedes einer bestimmten Seite der Sitten und Gebräuche am Hofe gewidmet ist, behandelt, und zwar so, daß immer zwischen den einzelnen Gleichnissen die einschlägigen Momente, Analogien aus der Kulturgeschichte und dem Leben der Kaiser aus Grund eines sehr reichen Quellenmaterials angegeben werden. Dabei versteht es der Verfasser, die Uebergänge über die einzelnen Lücken hinweg überall so geschickt herzustellen, daß man bei der Lektüre beinahe vergessen könnte, zumal bei der Eleganz der Sprache und der gefälligen Ausstattung des Buches, daß man es mit einem streng wissenschaftlichen Werke zu thun hat. Man empfängt eine Fülle anregender Gelehrsamkeit, die Frucht jahrelanger tiefer Studien, ohne den Schweiß derselben zu riechen. Daß Ziegler im Anhang auch den hebräischen Text der Gleichnisse abdruckt, entspricht zwar nicht ganz der üblichen Art der wissenschaftlichen Werke, doch Ziegler hatte ja auch oder vielleicht hauptsächlich die klassischen Philologen im Auge, und da ist es schon ganz gerechtfertigt, daß er diesen das hebräische Material vollständig an die Hand giebt. Nur in der Uebersetzung kommen einzelne Ungenauigkeiten vor. Kap. X Gl. Nr. 51 (Midr. r. Exod. XI. II. 8) wv TW") '7W1 übersetzt Z.: „Zwei böse Thaten verübten sie? Zwei noch über 22." ist hier in demselben Sinne wie ^2*7 u nehmen: weil sie die zwei grundsätzlichen Gebote verletzten, geht Er über die anderen 22 hinweg. Kap. X Gl. Nr. 77 (Midr. r. Nnm. 2, 15> VV12 nmn N2 -Ql „Wegen einer Sache ärgerst du dich, an der kein Vergnügen ist." Der eigentliche Sinn dieser Stelle ist: wegen einer Sache ärgerst du dich, die ohne Wirkung ist. Kap. XI Nr. 149 (Thr. rab. I 1) heißt „schmutzige Kleider", nicht Linnen. Kap. XI Nr. 16 (Ialk. I 157). Die Stelle hat den Sinn: „Wenn du auch sagst, daß es für die Königstochter eine Schande bedeutet (naschen zu wollen), so mußt du doch wohl auch sagen, daß es ihr immerhin eine Qual bereitet (sich zu enthalten). Kap. XI Nr. 7 (Num. rab. X 8). darf niemals übersetzt werden: „wie ihnen der Wein bekam!" Kap. X Nr. 45. Z. liest mit Bacher ,-^12 statt 1^12- Richtig ist jedoch die ursprüngliche Lesart, da nach dem Zusammenhangs sich auf und nicht auf bezieht (vgl. Ialk. I 47). Kap. XI. Nr. 6 (Jatk.I 945) N21^22 1'28 ^28 N'N1 „dann ging er eilends zu seinem Vater." Richtiger ist wohl: Dem Vater gegenüber benahm er sich gefällig, anständig. Kap. V Nr. 97 und 98 (Ialk. I 96.) Die witzige Erklärung, die auf der doppelten Bedeutung des Wortes beruht, nämlich: hinaufbringen, darbringen zum Opfer ist nicht klar genug wiedergegeben. Gott sagte zu Abraham: "" kn ing ihn hinauf, er aber verstand, daß er Isaak opfern solle. Kap. VII, Nr. 77. (^er. Cda^. 77 e) 12^*72^ 1'22 lv W12Q „Das Gemach. das im Garten des Königs erbaut ist, dient zur Aussicht, aber nicht sich darin abznmühen." Die Rede ist von irgend einem kunstvollen Stockwerk, das nur bewundert, aber nicht wie ein gewöhnlicher Bau in Anspruch genommen werden darf. Kap. XI, Nr. 11 (?68. rab. 966) N722V bedeutet im Zusammenhänge „sie rissen sie weg" und nicht „sie ließen sie entgleiten". ^22 übersetzt Ziegler „wie in einer Heerde". Bekannt ist die Erklärung 11^21222 — NUM61US. Kap. IV, Nr. 37. (Nnlr. lolnlim 147) 1"2 VX ,N12L ll'2 N'NI OlX N'N' LX 12'V2 drin «Ein Menschenkönig, wenn da ein angesehener Mann ist, der ihm unter die Hände kommt, schlägt er ihn. . ." Das geht nicht. Eher könnte man noch wörtlich übersetzen: er ist ihm wie eine Brandwunde. Hier ist jedoch offenbar der Text korrupt. Kap. X, Nr. 49. (Cant. rab. 8, 5) ^2 ----- repotia und die ganze Erklärung ist unmöglich. N21NN oder s-sLINN ist eine im Talmud häufig vorkommende Redensart und hat etwa die Bedeutung: sich auf einen Sprung in ein gut bekanntes Haus begeben. Die Stelle ist ganz klar. Man könnte höchstens statt?st22 lesen ^28 7^22- Vergleiche ferner Kap. 1, Nr. 50 und Nr. 83; II, Nr. 28; IV, Nr. 6; VIII, Nr. 20: X, Nr. 32 und Nr. 62; XI, Nr. 40. Bedenklicher als diese Kleinigkeiten, die im Hinblick auf das Thema selbst ganz ohne Bedeutung sind, ist die Thatsache, daß Verfasser die Frage nach dem Alter der Midraschim, aus welchen er seinen Stofs schöpft, ganz außer Acht läßt. Freilich herrscht über diesen Punkt selbst noch große Unklarheit, aber es hätten zumindestens die Vorarbeiten Bubers benutzt werden sollen. Immerhin ist das Buch eine bedeutende Leistung, die in der Gelehrtenwelt Eindruck machen wird. Sieht man von den kleineren Arbeiten von Sachs, Perles und Güdemann ab, die sich übrigens aus ganz anderem Gebiete bewegen, so ist Ziegler der erste, der diesem Problem nähertrat und es mit vorzüglicher Sachkenntniß behandelte. Die Nesulte seiner Arbeit werden in mancher Beziehung auch der Frage nach der Abfassung der Midraschim zu gute kommen. Dr. K. Thieberge r. Braunschweiger, M.: Die Lehrer der Mischnah. Ihr Leben und Wirken für Schule und Haus, nach den Quellen bearbeitet und in 162 Biographien dargestellt. Zweite dnrchgesehene, verbesserte und vermehrte Auflage. 80 IX. und 319 S. Frankfurt am Main, I. Kauffmann. Seitdem Rabbi Iehuda hanasi die mündliche Lehre in der Mischnah zusammengefaßt hat, bildet dieses Sammelwerk, sei es unmittelbar, sei es mittelbar, den Ausgangspunkt des Thorastudiums. Ein Werk, welches sich, wie das vorliegende, die Aufgabe stellt, die Autoren der Mischnahlehren zu behandeln, dürfte daher weitere Kreise interessiren. Die Mischnah würdigt bekanntlich auch diejenigen Ansichten, welche von der Halacha (Richtschnur) unberücksichtigt bleiben, der Aufzählung, um der Nachwelt zu zeigen, daß jeder Widerspruch einer Erwägung Werth sei (Jdijoth 1, 4). Dieser Umstand bringt es mit sich, daß in der Mischnah mehr als 150 Tanaim (Lehrer) namhaft gemacht sind. Der Verfasser hat mit großem Fleiße reichliches Material aus Mischnah, Talmud und Midrasch zusammengetragen und dazu verwerthet, von jedem der Mischnah-Lehrer und von jeder Persönlichkeit, deren Name auch nur gelegentlich in der Mischnah erwähnt wird, ein möglichst ausführliches Lebensbild zu entwerfen. Er hat die geschichtlichen und kulturhistorischen Momente, die ethischen und halachischen Lehren, die einschlägigen Erzählungen und Gleichnisse gesammelt, geordnet und gruppirt, um in seinem Werke übersichtliche Biographien zu schaffen und die Charaktere nach allen Richtungen hin zu beleuchten. Unstreitig bildet die Vertrautheit mit dem Leben und den Lehren unserer großen Vorfahren einer, wichtigen Faktor für die Erstarkung jüdischer Gesinnung. Das Buch ist daher wohl geeignet, belehrend und veredelnd aus seine Leser einzuwirkcn. Es entspricht seiner Bestimmung, ein Lehr- und Unterhaltungsbuch in der jüdischen Familie zu sein, vollkommen, und eignet sich deshalb vorzüglich zu Festgeschenkeu. Auch für den Unterricht in der nachbiblischen Geschichte dürfte das Werk ein willkommenes Hilfsbuch sein. Das handliche Buch dürfte dem Lehrer bei seiner Vorbereitung große Dienste leisten, zumal zwei ausführliche Nachschlagsregister als Anhang beigegeben sind. —X.

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