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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-09 · Heft 2 (9.1.1903) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
Seite 22 (sequence 12)
Language
German
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22 laut hinzu, „was für ein Rischchnß hier ist, ist gar nicht zn sagen!" Der Kantor aber, und ich verbürge mich dafür, daß dies : nicht bloß der Sinn, sondern der Wortlaut jenes Satzes war: „Aber bleiben Sie doch wenigstens noch hier! Zu uns gehören Sie ja und nicht zu „Jennen". Ich that, als hätte ich es nicht gehört, drückte die fünfzehn rechten Hände am Tische, und ging mit dein Direktor auf meinen Platz zurück. Ich blieb aber nicht lange mehr; ich war zn verstimmt.! Und als ich allein auf meiner Stube war, da war mir so i bitterweh zn Muthe, wie ich's kaum sagen kann. Denn es thut weh, seinem eigenen Fleisch und Blut zu grollen. Diese! beiden Gebildeten, die hintertriebeu, daß ihre Glaubensgenossen! der gleichen „Ehre" theilhaftig würden, die sie nur sich! selber gönnten; diese Ungebildeten, die zwischen knechtischer Demuth und ungebührlicher Dreistigkeit haltlos hin und her , schwankten! . . .! Ich weiß noch, was ich in jenen schlaflosen Stnuden empfand, ich denke beschämt daran zurück, aber ich brauche nicht mit Reue daran zurückzudenken. Denn wie ich mich so in den Groll hineinwühlen wollte, da erwachte das Gerechtigkeitsgefühl in mir. Jene beiden Herren — achtungswerth erschienen sie mir auch nun nicht, aber wenn ich so die Verhältnisse erwog, unter denen sie in der kleinen Stadt lebten, fand ich ihr Verhalten für kleinliche, ängstliche Naturen zum Mindesten verständlich. Was aber nun gar die Anderen betraf — nein sie konnte ich nicht anklagen, sondern die Atmosphäre, in der sie lebten, von den Anderen abgeschieden und sich selbst abscheidend, des Verkehrs mit ihnen ungewohnt, zwischen dem Gefühl der Kränkung, von ihnen geringgeschätzt zu sein, und dem Drang, sich durch Ueberhebung schadlos zu halten, ohne Halt hin und hergeworfen .. . Und wie ich mich so weit hatte, da sagte ich mir auch: „Dn mußt die Empfindung, deren Du Dich nun schämst, irgendwie sühnen. Dann erst bist Du die Reue los." Der nächste Tag war ein Sonntag, der mir gehörte; ich hatte erst am Montag in Hannover zu sprechen. Natürlich wäre ich unter anderen Umständen schon am nächsten Morgen ans dem kleinen Nest abgereist. Ich beschloß, den Sonntag über dort zn bleiben. Wenn mehrere Juden dieses Städtchens, sagte ich mir, Mitglieder des Vereins sind, so ist damit gewiß noch sehr wenig erreicht, fast nichts. Aber das Eine doch, daß dann ein jüdischer Redner, der nach mir kommt, so Trauriges nicht mehr erlebt. Dies habe ich erreicht. Ich ging am nächsten Morgen znm Anwalt, erzählte ihm meine Erlebnisse, und schloß mit der Frage: „Wollen Sie nicht nun Mitglied werden und mir helfen, Andere zu werben?" Mein Besuch war ihm gewiß nicht angenehm. Aber die Rede, die er mir hielt, war doch im Wesentlichen eine Entschuldigungsrede. Und dann setzte er auf einen Bogen, den ich mitgebracht und auf den ich geschrieben hatte: „Herrn Dr. G., Gymnasial- Direktor, Vorsitzender des .... -Vereins zu L. Ich trete dem Verein als Mitglied bei" — als Erster seine Unterschrift. Der zweite war der Arzt, der that es sogar gerne, und ging mit mir zu den Herren G. und W., sowie dem Uhrmacher. Daun übernahm der dicke Herr K. die Kolportirung der Liste und brachte sie mir mit 18 Unterschriften versehen zurück. Ich brachte sie dem Direktor, der erstaunt war, mich noch im Städtchen zu sehen, und noch erstaunter, als ich ihm die Liste vorlegte. Er dankte mir herzlich „im Namen des Vereins." „Oh," mußte ich der Wahrheit gemäß abwehren, „um des Vereins willen habe ich es nicht gethan." „Sondern für Ihre Glaubensgenossen?!" „Auch für die nicht." „Also für Ihre Ideale?" „Nein. . . für mich — mich hätte sonst die Reue gar zn sehr gequält." Das verstand er nicht, und ich habe es ihm auch nicht erklärt, obwohl ich diesem guten und feinen Menschen zutrane, daß er mich verstanden hätte. Schriebe ich hier eine Novelle, so würde ich einen wirkungsvollen Schluß erfinden. Zum Beispiel, daß jetzt alle Juden von X. Mitglieder des Vereins sind und dort mit den Christen Zusammenleben, wie die Lämmer. Ich weiß aber nichts, gar nichts darüber, und in 23 Jahren kann sich Viel ändern, auch zum Bösen. Möglicher Weise hat der Verein jetzt gar keine jüdischen Mitglieder mehr. Aber meine Freude, damals meine Reue bethätigt zu haben, könnte selbst dies nicht trüben. Ibrahrrn. d^ief gebeugt vom hohen Alter, ^^Weiß das Haar, gefurcht das Antlitz. Saß Ismael einst am Wege. Grübelnd forschte er im Innern Nach des Lebens höchsten Gütern. Ibrahim, der weise Jude, Der von ferne ihn gesehen, Trat an seines Freundes Seite. „Ismael, worüber sinnst Du?" Dieser sprach: „Der Menschen Leben Kenne ich seit siebzig Jahren, Nirgend fand ich Ruh und Frieden, UeberaÜ nur Haß und Zwietracht. Sage mir mein großer Weiser, Der Dn Arzt und Seelen forscher, Wo blieb Menschlichkeit und Liebe?" Von Elsbeth Bruck in Ratibor. „Ismael, Du bist ein Zweifler, Zweifelst an den schönsten Schätzen. Die das Schicksal uns verliehen. Komm, ich will Dich glauben lehren/ Und sie wanderten gen Westen, lieber hartes Steingerölle. lieber duft'ge Blumeuwiesen Bis zum Strand des wilden Meeres. In Palästen und in Hütten Haben Einkehr sie gehalten, Ueberall nach langem Wandern Wurden sie gespeist, bewirthet. Immer waren sie willkommen. Ismael begann zn staunen. „Sage nun, mein weiser Meister. Ist die Welt nicht mehr dieselbe, Sind die Menschen jetzt verändert?" „Nichts voll Allem ist geschehen, Blind nur war Dein innres Auge, Denn in Deinem ganzen Leben, Das Du siebzig Jahr getragen, Sahst Du nur der Menschen Fehler. Einsam gingst Du Deine Wege, Fandest nur in Dir das Gute. Eintracht, Wohlthun, Bruderliebe Sind Dir immer fremd gewesen. Darum schien die Welt Dir böse. Kehre heim jetzt und in Frieden Mit der Welt beschließ Dein Atter, Denn des Lebens höchste Güter Findest Du nur durch die Menschen." Also sprach der große Weise.

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