Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 21 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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21 . gebildeten Juden der Stadt nicht Mitglieder unseres Vereins geworden ... Was sagen Sie dazu?" „Daß ich," erwiderte ich, „es nicht glauben würde, wenn Sie es mir nicht sagten. Natürlich mißbillige ich das Verhalten der beiden Herren auf das Entschiedenste und bedauere nur, keine Gelegenheit zu haben, diesen seltsamen Kämpfern gegen das Vorurtheil, das auf ihren Glaubensgenossen lastet, zu sagen, wie ich über ihr Kampfmittel denke. . . . Aber die vier anderen Eingeladenen?" „Die blieben auch fern," erwiderte der Direktor, „wenn auch Jeder aus einem anderen Grunde. Herr G. meinte, erhübe seit seiner Ablehnung durch den Kasinovorstand sich im Stillen fest vorgenommen, keinem vorwiegend christlichen Verein beizutreten. Herr W. erwiderte: er würde doch nur die Empfindung haben, ein Geduldeter zu sein, und das wolle er sich nicht anthun. Ein Dritter, ein Cigarrenhändler, sagte mir offen: „Herr Direktor, ich habe dafür keine Zeit. Ich stehe von 7 Uhr früh bis l)'/? Uhr Abends im Laden. Ich lese nicht einmal die hiesige Zeitung regelmäßig, obwohl ich sie halten muß. weil der Verleger mein guter Kunde ist; außerdem Gebetbuch habe ich hier noch nie ei» Buch in der Hand gehabt. Und die Vorträge könnte ich ja nie hören, weil ich erst schließe, wenn sie zu Ende sind." „Aber Ihre Frau?" fragte ich. „Meine Frau," erwiederte er, „ist sehr gebildet, sie kann Schillers „Glocke" auswendig, aber wir haben sechs Kinder und ein Dienstmädchen; wo soll sie die Zeit dazu nehmen.... Aber," fügte er bei, „ich will Ihnen was sagen, Herr Direktor, Sie sind auch eilt guter Kunde von mir wie der Verleger, haben mich auch den Herrn Oberlehrern empfohlen. Geschieht Ihnen damit ein Gefallen, so werde ich Mitglied." Natürlich konnte ich dies Opfer nicht annehmen. Der Vierte aber, der Uhrmacher, war der einzige, der sich meldete; aber auch erzog nach acht Tagen seine Anmeldung wieder zurück. Grund: die anderen Juden seien nicht dabei, nicht einmal der Anwalt und der Arzt, und da wolle er nicht der einzige sein." „Und dann," fragte ich, „als Sie die öffentliche Aufforderung zum Beitritt erließen?" „Da kam auch keiner. Heute waren zum ersten Male Juden in unserem Verein. Vor dem Vortrag fragte mich der Kantor der minder frömmelt Gemeinde, Herr P„ ob es ihnen gestattet sei, auch der geselligen Zusammenkunft beizuwohnen, weil sie Sie auch persönlich kennen lernen wollten. Ich erwiderte ihm selbstverständlich, je länger gern gesehene Gäste blieben, nin so angenehmer sei dies dem Wirth. Aber, bitte, es ist Zeit." Wir gingen in den Saal zurück. Zum ersten Male in meinem Leben ging mir jene Empfindung durchs Gemüth, von der ich oben gesprochen habe. Sie galt dem Anwalt und dem Arzt. Aber es war ein Unstern über jenem Abend; es sollte dabei nicht bleiben. Wir setzten uns an den Tisch, der für den Vorstand reservirt war und tranken unser Bier. Ab und zu trat eines der Mitglieder heran, ließ sich mir durch den Direktor vorstellen, sagte ein freundliches Wo rt oder stellte eine Frage, die sich aus den Vortrag bezog. Da kam auch, in demüthiger Haltung, die mir wehe that. ein älterer Mann in langem, feierlichem, aber nicht ganz sauberem Bratenrock heran, der sofort als Jude zu erkennen war. Er näherte sich dem Direktor und sagte wörtlich: „Hochverehrter Herr Direktor! Sie haben die Gnade gehabt. uns zu gestatten, dem Vortrag unseres (er gebrauchte ein abenteuerliches Epitheton) Glaubensgenossen beiwohnen zu dürfen. Vielleicht haben Sie nun auch die Gnade, mich ihm vorzustellen!" Gnade! .... Mir schoß alles Blut zu Kopfe und mein Herz krampfte sich zusammen. Der Direktor nannte den Namen: Herr Kantor P. Ich schüttelte die Hand des Mannes, schnitt aber die längere Rede, zu der er ansehen wollte, so kurz und so freundlich, als es mir möglich war, ab. Er ließ es sich aber nicht nehmen, sie wenigstens in Bruchstücken vorznbringen. Da wir beide dabei standen, während die andern saßen, so mochte sich dies drollig genug ansnehmen. Der Direktor sah mir die Verlegenheit an, rückte rasch einen Stuhl heran, drückte Herrn P. darauf nieder und mischte sich dann selbst ins Gespräch. Aber das war nicht nach Herrn P's Sinn. Mindestens ein Bruchstück brachte er auch nun noch vor. Dann fragte er, ob ich nicht auch den anderen Glaubensgenossen gestatten wollte, sich mir vorzustellen. „Es wird mir eine Freude sein," versicherte ich. Darauf Herr P.: „Es sind vierzehn Personen und Sie sind Einer. Da ist es doch einfacher, Sie kommen zu uns au unseren Tisch und ich stelle Sie vor." Die Herren des Vorstandes lächelten, selbst der wohldisziplinirte Direktor verzog einen Augenblick den Mund. „Ich werde kommen," sagte ich. „Aber bald," sagte Herr P. „Denn wir wollen nicht mehr lange bleiben." Nachdem er gegangen war, blieb es eine Minute still. Und abermals ging mir jene Empfindung durchs Gemüth .... Dann brachte der Direktor wieder ein Gespräch in Gang. Und dieser feinfühlige Mann, der wohl ahnte, wie unbehaglich mir zu Muth war, sagte denn auch: „Nun will ich Sie an den Tisch der Herren sichren." Sie hatten an einem Tisch dicht an der Thüre Platz genommen. Ich wurde den Vierzehn vorgestellt, acht Damen, sechs Herren. Wir, der Direktor und ich, setzten uns mit an den Tisch. Das Gespräch bewegte sich anfänglich um die in derlei Fällen üblichen Themen. Wo ich wohnte? In Wien. Ob ich verheirathet sei? Ja. Ob ich Kinder hätte? Nein. Ob ich nicht für zwei der Damen Autographen schreiben wollte? Ja. Und ich schrieb sie. Darauf sagte ein dicker junger Mann, der Schwiegersohn jenes Herrn G., der nicht ins Kasino ausgenommen worden war: „Ich habe eine Schwester in Hamburg, ein sehr gebildetes Mädchen. Ob sie schon was von Ihnen gelesen hat, weiß ich nicht. Aber wenn auch nicht, so wird doch ein Autograph von Ihnen sie gewiß freuen. Schreiben Sie mir auch eins für sie." So schrieb ich denn aus ein drittes Blatt einen dritten tiefsinnigen Spruch und wollte mich erheben. Da aber riefen der Kantor und der Dicke, ein Herr K., wie aus Einem Munde: „Aber wir haben doch noch nichts über unsere Sachen mit Ihnen gesprochen". Der Direktor erhob sich sofort, aber selbstverständlich ich gleichfalls. Da sagte Herr K.: „Nun, so will ich Ihnen wenigstens sagen, welche Freude Sie uns gemacht haben. Gut haben Sie's den Leute«! gegeben . . . denn", fügte er halb.