Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 20 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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20 kedarisch, meint Miller, habe man hier türkisch zu verstehen). Eldad ha Danis Mittheilungen bestätigen die Sprache der jetzigen Bergjuden. Nachdem sie aus Aderbeizan nach dem Kaukasus ausgewandert, hatten sie auch die iranische Sprache beibehalten, die sie in Aderbeizan erlernt, namentlich die Mundart der tatischen Sprache, die im Wortschatz und zum Theil in der Wortbildung eineil Ueberfluß an türlischen Bestandtheiten aufweist. Mit Hinblick darauf, daß die Niederlassung der jüdischen Kolonisten im Kaukasus der arabischen Eroberung Daghestans (im achten Jahrhundert) voraugegangen war, darf man annehmen, daß die Answanderung durch die Verfolgungen hervorgerufeu worden sei, denen dis Juden im Perserreiche seitens der Sassaniden-Herrscher, Fanatiker der Zarathustrareligion, besonders im fünften Jahrhundert, ausgesetzt waren. Es ist wahrscheinlich, daß die eingewanderteu Juden »ritten unter der heidnischen Bevölkerung des Ost-Kaukasus, wo sie wegen ihres Glaubens und Volksthums keinerlei Bedrückungen unterworfen waren, sogar für ihre Religion Propaganda betreiben konnten. Bei der in späteren Zeiten stattgefundeneu Ausbreitung der Religion Mohammeds waren die Bergjuden neuerlichen Bedrängnissen ausgesetzt und viele genöthigt, sich zum Islam zu bekehren. In der letzten Zeit haben die Bergjudeu in Dagestan begonnen, sich die moderne Kultur anzneignen und ihre Kinder in die russischen Volks- und Mittelschulen zu senden. Sie können es um so leichter thun, als sie der prozentuellen Beschränkung nicht unterworfen sind. Auch fangen sie jetzt an, ihren europäischen Glaubensgenossen, von denen sie sich bis dahin ostentativ ferngehalten haben, sich ein wenig zu nähern. Diese Juden sind zum Theil alte Nikolaus'sche Soldaten, welche in Rußland bekanntlich das Privilegium der allgemeinen Freizügkeit genießen, theils haben sie sich auf Grund einer lokalen, für den Bezirk Temir Chan- Schura bestimmten Verordnung, infolge deren die Juden daselbst die gleichen Rechte wie die Eiugebornen genießen, in diesen Gegenden niedergelassen. In einer kleinen Stadt. Von Karl Emil Franzos. ll. s^^ie Ziffer imponirte mir nicht eben sehr. „Und Ihr Verein," fragte ich, „hat kein jüdisches Mitglied?" „Allerdings, so ist es. Aber wie gesagt, aus sehr eigenthümlichen Gründen. Beabsichtigt war dies nicht. Als unser Verein vor vier Jahren gegründet wurde, da sagten wir uns Alle, ohne Ausnahme Alle . „Hier wird kein Unterschied gemacht. Wir laden Jeden ein, von dem wir nach seinem Bildungsgrade voraussetzen dürfen, daß er Interesse für unsere Bestrebungen hat. Ist dem so, und hat der Verein durch ihren Beitritt eine sichere Basis gewonnen, so veröffentlichen wir unser Programm und nehmen Jeden auf, der kommt." Von Juden und Christen war gar nicht die Rede, nur von Leuten, die Vorlesungen hören, Bücher und Zeitschriften lesen wollten. Ich selbst, als Obmann des Gründungskomitees, entwarf die Liste der zunächst Einzuladenden. Es waren etwas über 60 Namen, darunter sechs Juden: der Anwalt, der Arzt, der Uhrmacher und drei Kaufleute, unter den letzteren die beiden Herren, voll denen ich vorhin anläßlich der „Kasino"-Sache gesprochen habe. Der Anwalt saß selbst im Gründungskomitee. Ich traf ihn am Tage vor der Sitzung im „Kasino" und zeigte ihm die Liste: „Können Sie mir," sagte ich, „vielleicht noch die Namen einiger Herren nennen, die sich voraussichtlich betheiligen würden, so will ich sie gern beifügen. Vielleicht können Sie mir insbesondere noch einige jüdische Herren in Vorschlag bringen." Er sah die Liste durch und nannte einige christliche Herren. „Was aber die Juden betrifft," meinte er, „so sind ihrer nicht zu wenig, sondern zu viel auf der Liste. Doktor S. (der Arzt) und ich sind leider die einzigen gebildeten Juden der Stadt. Laden Sie die vier anderen Herren ein, so kommen sie nicht, weil sie für derlei Dinge kein Interesse haben, und dann heißt es wieder, die Juden hielten sich ferne, dächten nur ans Geld u. s. w. Das Vorurtheil ist ja hier ohnehin kein geringes; Ihre Absicht ist wohlgemeint, aber Sie würden dadurch das Vorurtheil nur steigern!" Sie werden mir nachsühlen, daß ich sehr erstaunt war. Er sei wohl zu ängstlich, meinte ich; die Herreil würden voraussichtlich beitreten, — und wo nicht, so sei dies kein Unglück; »vir wüßten ja auch nicht, ob die christlichen Herren alle kämen. So ich und darauf er : „Es wäre aber doch sehr mißlich, wenn sie nicht kämen. Und noch mißlicher, wenn sie kämen. Die Herren sind eben jüdische Kanfleute und Handwerker, haben, außer in Geschäften, keinerlei Verkehr mit Christen, haben andere Umgangsformen als die Christen, sprechen auch kein ganz reines Deutsch. In einem Verein macht sich das nicht gut, fällt auf, wird unangenehm glossirt. Kurz, so lauge die Herren nicht für einen derartigen Verein reif sind, bringt es sowohl ihnen, wie der guten Sache lediglich Schaden, wenn man sie beizieht. Nur aus diesem Grunde waren Dr. S. und ich gegen die Aufnahme der Herren G. und W. ins Kasino, obwohl namentlich Herr W. ein sehr ehrenwerther Mann ist." Dieses Argument war mir nicht verständlicher als das erste. „Die Umgangsformen der Herren, die ich sämmtlich kenne," erwiderte ich, „haben mich bei meinem allerdings flüchtigen Verkehr mit ihnen nicht gestört. Aber darum handelt es sich ja hier gar nicht! Nehmen wir an, daß Sie Recht hätten, so stellen wir doch an die Umgangsformen der Leute, mit denen gemeinsam wir eineil Vortrag anhören, oder einen Lesezirkel benutzen, nur die minimalsten Anforderungen, die man eigentlich bei Jedermann voraussetzen muß!" Er blieb aber dabei: das schädige die soziale Stellung der Juden der Stadt, namentlich die seine und die seines Freundes Dr. S. Bliebe ich bei meinem Entschlüsse, so thäten er und der Arzt nicht mit, so schwer es ihnen fiele, aber sie wollten dann mindestens nicht Augenzeugen von peinlichen Szenen sein, die sie kränken würden. Und wie ernst es ihm damit war, bewies er dadurch, daß er mir am nächsten Tage, zugleich im Namen seines Freundes, schrieb: wenn ich die vier Namen nicht von der Liste striche, so müsse er aus dem Gründungsausschuß scheiden, beide aber würden dem neuen Verein nicht beitreten. Ich konnte nur antworten: ich fühlte mich im Interesse des neuen Vereins, der möglichst viele Mitglieder brauche, für verpflichtet, den Antrag zu stellen. Dieser Antrag wurde denn auch — der Anwalt blieb der Sitzung fern — angenommen, und darum sind die beiden akademisch