Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 19 (sequence 9)
- Language
- German
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19 existiren nicht für den wissenschaftlichen Sinn, für die Wahrheitsliebe eines jüdische Religion benrtheilenden deutschen Prosessors. sutis 6st! Nicht eine Besprechung des über 500 Seiten umfassenden Werkes war die Absicht dieser Zeilen. Die kleine Blüthenlese sollte nur auf den Geist aufmerksam machen, aus dem heraus das Werk geschrieben ist. Nur ein „viäsant eonsules" sollte sie allen berufenen Vertretern und Führern in Israel zurufen. Wie »öthig ist doch die bereits in Frankfurt von den liberalen Rabbinern als Desiderium bezeichnte Schaffung einer jüdischen Theologie, die durch strenge Wissenschaftlichkeit, gründliche Bearbeitung der den nichtjüdischen Forschern zumeist unbekannten jüdischen Ouellenwerke alle die alten Fabeln, Entstellungen, Vorurtheile, die wie eine ererbte Krankheit sich fortschleppeu von Werk zu Werk, vernichten wird. Darum muß das Judenthum in allen Lagern mit Freuden die eben begründete Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Wissenschaft begrüßen. Denn sie hat das hohe Ziel vor Augen, die Wahrheit auf Erden hervorsprießen zu lassen. Kaukasische Bergjuden. dritte Heft der Mittheilungen des Lazarevski-Jnstitutes für Orientalische Sprachen in Moskau bringt von Vsebolod Miller einen Umriß der Phonetik der jüdischtatischen Mnndart. Der Verfasser dieser Studie hat sich schon mit früheren Publikationen um die Kenntniß und Erkenntniß einer für die Sprachwissenschaft belangreichen neuen Sprachbildung ein bleibendes Verdienst erworben. Diese von ihm der Forschung zugänglich gemachte Sprache gehört nämlich in die Kategorie jener eigenthümlichen Mischsprachen, die die Elemente zweier von einander gänzlich stammfremden Sprachen zu einer neuen verarbeiten. Bis zu einer gewissen Grenze zeigt eine ähnliche Erscheinung auch das bekannte Judendeutsch, das sich aber im Wesentlichen doch nur auf die Herübernahme einer großen Anzahl hebräischer Worte beschränkte, im klebrigen aber syntaktisch trotz zahlreicher anderweitiger Entlehnungen aus romanischen, hauptsächlich jedoch slavischen Sprachen eine deutsche Mundart geblieben und keine eigentliche Mischsprache geworden ist. Eine große Anzahl von Sprachen mögen ursprünglich Mischsprachen gewesen sein, und die Sprachforschung kann in Ermangelung zuverlässiger historischer Handhaben den Entwickelungslauf so mancher Sprache auf rein vergleichendem Wege erschließen. Daher ist zum Beispiel eine Sprache wie die jüdisch-tatische, deren Bestandtheile verhältnißmäßig unschwer von einander zu sondern sind, ebenso lehrreich als nützlich, sowohl Philologisch als ethnologisch zu betrachten. Soll man diese Sprache linguistisch charakterisiren ohne jede Bezugnahme auf die Bevölkerung, die sich ihrer bedient, sagt Miller, so fiele die Charakteristik beiläufig so aus: Es ist eine iranische Mundart mit semitischer Artikulation und theiliveise semitischer Struktur, zum Theil aber morphologisch türkischer Art. Eine solche Mundart konnte sich nur in einem Gebiete entwickeln, wo neben (und durch) einander iranische, semitische und türkische Elemente leben, und ein solches Territorium war thatjächlich Aderbeizan. Das Grundelement der Sprache der Bergjuden ist iranisch, sowohl in phonetischer als morphologischer Beziehung. Dem ersten Anschein nach zeigt sich diese Sprache als Untermundart des Neupersischen; es ist blos nothwendig, sich hierbei die Gesetze der Uebereinstimmnug in den Vokalen und Konsonanten nach beiden Seiten hin zu veranschaulichen, um aus der Menge dieser Laute und Formen eine Persische und umgekehrt aus der persischen eine jüdisch-tatische Sprache herzustellen. Bei einer eingehenderen Untersuchung überzeugt man sich indessen, daß das gewonnene Schema der Laute durch Faktoren gestört wird, die dem iranischen Vokalismus und Konsonantismus fremd sind, und die einerseits vom Einfluß der semitischen Anssprache einiger Laute B. des d, t, h), die der Bevölkerung besonders eigenthümlich waren, und andererseits vom unzweifelhaften Einfluß des türkischen Elementes auf das Jüdisch-tatische Zeugniß ablegen. Ueber die ethnologische Stellung der tauschen Juden sei hier im Anschluß an die Darlegungen Millers — die, weil russisch geschrieben, weiteren Kreisen unzugänglich bleiben dürften, neben denen deshalb ans die Arbeiten C. Hahns über die kaukasischen Bergjuden aufmerksam gemacht werden möge — Folgendes hervorgehoben. Bergjuden (russisch: ^orski evrsi, tatarisch: äazeuknt) heißen die kaukasischen Juden, die in den Aulen und einigen Städten des Daghestaner, Tersker und Kubaner Bezirkes, ferner auch im Bakimer und Elisabethopoler Gouvernement leben und sich der tatischen Sprache bedienen. Die Gesammtzahl der Bergjuden beträgt nach den im Jahre 1886 von I. S. Anisimov gepflogenen Erhebungen bei 20 000 Seelen, doch giebt es Anhaltspunkte für die Annahme, daß vor einigen Jahrhunderten die Zahl jüdischer Ansiedelungen im östlichen Kaukasus bedeutend bemerkenswerther als in der Gegenwart gewesen sein müsse. Bezüglich des Zeitpunktes der Ansiedelung der Juden kann man ans den Zeugnissen einiger arabischen Schriftsteller schließen, daß die Araber bei der Eroberung Daghestans in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts Juden schon in namhafter Anzahl dort angetroffen haben. Zu welcher Zeit sich aber die Vorfahren der jetzigen Juden in diesen Gebieten niedergelassen, darüber giebt es weder schriftliche noch mündliche Ueberlieferungen. Sie hegen vollständig die Ueberzeugung, daß sie von jenen Juden abstammen, die von assyrischen Königen aus Palästina fortgebracht worden seien und sich am Ban des neuen Tempels in Jerusalem nicht betheiligt haben. Es ist schwer zu entscheiden, ob diese Behauptung auf einer Volksüberlieferung vergangener Jahrhunderte fußt, oder ob sie nur einer rabbinischen Deutung der Worte im Buch der Könige (IV. XVII. 6) ihren Ursprung verdankt. Auf alle Fälle unterliegt es keinem Zweifel, daß sich schon in ältesten Zeiten inmitten der modischen Bevölkerung Juden befunden haben. In jenem Theile Mediens, der in der Folgezeit Aturpatakan geheißen und späterhin Aderbeizan genannt wurde, war ganz gewiß eine beträchtliche jüdische Bevölkerung ansässig, die man als die Vorfahren der kaukasischen Juden ansehen kann. Hinweise auf das Vorkommen von Juden au der Grenze von Medien und Persien sind bei einigen jüdischen Quellenschriststellern ausbewährt, so z. B. beim jüdischen Schriftsteller Eldad ha Dani, der in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts gelebt hat. Seinen Angaben zufolge wären diese Juden Abkömmlinge des Stammes Jizchak und Völkern benachbart, die dem Feuerkultus ergeben, das heißt Anhänger der Religion Zarathustras sind, und neben ihrer hebräischen auch der persischen und kedarischen Sprache sich bedienen (unter