Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 18 (sequence 8)
- Language
- German
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18 urtheilen. erreicht hat. sollen wir daran zweifeln, oder sollen wir zn seiner Entschuldigung nnnehmen, daß er bei einem Werke, welches der Heidelberger hochwürdigen Theolvgen- Fakultät gewidmet ist, zur Beurtheilung der Ethik des Judenthums sich nicht in der einschlägigen Litteratur genügend uuigesehen hat? Wie viel hätte er aus Lazarus Ethik, aus Schreiners genanntem Werke und seiner Schrift „Was lehrten die Pharisäer?" (Jahrbuch für jüd. Geschichte 1899), aus Chwolson rc. lernen können, um sein Urtheil zu ändern! Vielleicht wäre er in der Benutzung des von ihm als treffliches Hilfsmittel zur Kenntnis; der zeitigen pharisäischen Theologie bezeichneten Werkes von Weber, „Jüd. Theologie auf Grund des Talmud und verwandter Schriften (Zweite Auflage von Schnedermann, Leipzig 1896)" vorsichtiger geworden, wenn er Schreiner, „Die Jüngsten Urtheile" S. 26 Anm. gelesen hätte. „Das als epochemachend gelobte Buch von Weber hat auf diesem Gebiete schon sehr viel Unheil gestiftet und sonst objektive Forscher irregeführt". Doch wir wollen Bousset nicht Unrecht thun. Er verdammt nicht ausnahmslos. Er selber sagt ja: „Auch wir würden den Führern der Frommen Unrecht thun, wenn wir jenes Urtheil Jesus (der die Unwahrheit, Heuchelei. Scheinheiligkeit so scharf und grimmig bekämpft) schlankweg auf sie anwenden wollten. Die Polemik trifft den Durchschnitt und die Tendenz." (Richtiger wäre zu sagen, sie trifft die Auswüchse, die überall vorhanden sind und auch vom Talmud gerügt werden). Der Durchschnitt ist nach B. überhaupt schlecht. „Bei dem Durchschnitt und der Masse dieses Judenthums ist sicher der inhumane Charakter der jüdischen Moral, der vorherrschende geblieben." Ein bestimmtes Zeugnist ist ihm dafür das Urtheil griechischer und römischer Schriftsteller über den inhumanen, barbarischen Charakter des Jndenvolkes. „Allein aus Rassenhaß sind diese Urtheile nicht hervorgegangen, bestimmte Veranlassung zu jener herben und feindseligen Beurtheilung muß das Judenthnm in seiner Masse gegeben haben." Also diese heidnischen Stimmen sind ihm zur Beurtheilung des Judenthums maßgebend. Welche Beweiskraft haben dann dieselben gehässigen Urtheile der heidnischen Schriftsteller über das junge Christenthum, die Harnack in seiner neuen Schrift „Die Mission und Ausbreitung des Christenthums in den ersten drei Jahrhunderten, Leipzig 1902" S. 197 ff. 202 ausführlich schildert, und der gerechter urtheilt? Doch hören nur weiter. „In den über dem Durchschnitte stehenden Gelehrten Hillel, Gamaliel, Jochanan den Sakkai, Gamaliel ll. und manch anderen Rabbinen ist noch eine starke ethische Energie uud Lebenshaltung vorhanden. Ihre Persönlichkeit ist unter der ungeheuren Last des Gesetzes nicht ganz erstickt, in den Spitzfindigkeiten ihrer Gelehrsamkeit sind sie nicht ganz untergegangen. Manche Aeußernngen eines innerlichen, ernsten Sinnes und offener Lebensklugheit, manches freiere und weitere Wort ist von ihnen bewahrt. Aber wir bekommen bei ihren Aeußerungen den Eindruck des mehr Zufälligen und Gelegentlichen. Vorübergehend blitzt hier und da eine solche hellere Erkenntniß auf, ohue daß die weiteren Konsequenzen gezogen würden. Im nächsten Augenblicke sind sie vergessen!" Gilt dies für die Besten, so ist es selbstverständlich-- — „es versteht sich ganz von selbst, daß für den Durchschnitt der jüdischen Frommen der Kanon der jüdischen Ethik nur für den Volksgenossen gilt; denn die partikularistische Verengung, die schon vor der behandelten Periode zu kvnstatiren ist — so ist von vornherein anzunehmen — hat sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte ganz erheblich verstärkt. Es ist hier fast überflüssig. Beweise anzuführen." So verführt ein Professor der Theologie in einem Werke, das doch sicher nicht auf den Anspruch der Wissenschaftlichkeit und Objektivität verzichtet. Wehe dem jüdischen Gelehrten, der aus Beweise für seine Behauptungen verzichten wollte! Geigers Wort gilt leider auch noch heute: „Nur dem Judenthum gegenüber glaubt man mit souveräner Willkür zu Werke gehen zu können." Es ist aber erstaunlich zum mindesten, wenn Bousset einerseits den Führern des Judenthums allerdings in möglichst einschränkender Weise eine milde und annähernd humane Ethik zngesteht, andererseits diese wieder ganz herabsetzt, indem er als Hauptgrund für sie den Missionstrieb des Jndenthums anführt. Denn „Interesse und unbedingtes Wohlwollen des Menschen am Menschen kennt das Judenthum dennoch nicht." Daher wird die Regel aufgestellt: „Soweit und so energisch der Missionstrieb im Judeuthum vorhanden war, so sehr wird der partikularistische Charakter der jüdischen Ethik durchbrochen. Die Propaganda hebt das Judeuthum über den Partikularismus hinaus. Dieser Partikularismus wird aber nirgends aufgehoben, sondern gleichsam suspendirt." Bousset weiß es ganz genau, daß der Nichtjude für den Juden nur soweit Interesse gewinnen kann, als Aussicht bei ihm vorhanden ist, daß er Jude werden könnte. Rein menschliches Interesse, wie Jesus es an Sündern und Zöllnern zeigt, ist nirgends vorhanden. Wenn Hillel sagt: „Liebe die Geschöpfe und leite sie zum Gesetz," wenn Schanunai es ausspricht: „Empfange jeden Menschen mit freundlichem Angesicht," wenn vielfach in rabbinischen Kreisen Sanstmuth, Milde, Freundlichkeit, ein gesellschaftlich zuvorkommendes Verhalten, der freundliche Gruß u. s. w. gerade gegenüber der Außenwelt empfohlen wird, so ist nach Bousset der propagandistische Zweck dieser ethischen Vorschriften ganz deutlich (!). Woraus diese Deutlichkeit des Zweckes erhellt, ist nur dem Verfasser klar, der darin viel ungerechter ist als Bertholet (Die Stellung der Israeliten und Juden zu deu Fremden. 1896. S. 321 ff.), den Bousset anführt. Eine Widerlegung dieser Anschauung ist für uns an dieser Stelle nicht nvthig. Daß der Verfasser das Ceremonialgesetz nicht hochstellen wird, ist selbstverständlich. Aber wie kommt er dazu, zu behaupten, daß auch dem pharisäischen Judenthum, wenigstens dessen Führern, eine innerliche Beziehung zu den einzelnen Forderungen des Gesetzes längst verloren gegangen war, daß das Gesetz nicht innerlich durchdrungen nud mit einem bestimmten Empfindungsgehalt erfüllt wurde. Für die zahllosen Vorschriften giebt es nach ihm nur zwei oberste Gesichtspunkte: 1. Das Gesetz begründete die Besonderheit (man wollte anders sein als die anderen Völker), 2. es ist einfach als Gesetz des in seinem Willen unerforschlichen Gottes anzusehen, (Inhalt ist gleichgiltig) es kommt auf die Form, die Unterwerfung, die Gehorsamsübung an. Eine wunderliche Behauptung! Muß man bei der Beurtheilung des jüdischen Gesetzes nicht auch fragen, wie ist es in der jüdischen Litteratur jener Zeit und aller Zeiten, im jüdischen Volke selber aufgefaßt worden? War es nicht eine Lust und keine Last, galt nicht stets der Grundsatz: „Gott wollte Israel beglücken, läutern, darum gab er ihm so viele Gesetze"? War nicht des Psalmisten Wort für alle Zeiten in jüdischen Kreisen maßgebend: „Wäre nicht deine Lehre mein Ergötzen, ich wäre nntergegangen in meinem Elend"? Doch solche Anschauungen