Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 17 (sequence 7)
- Language
- German
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17 Männer, die etwas vom Jndenthum verstehen, die ein warmes Herz für das Judenthnm haben und um die Hebung des Judenthums und der „Jüdischkeit" ehrlich bemüht sind? Wie sind Sie so „rückständig", wie muß ich Sie im Namen unseres Herrn Parneß bedauern! Der erste und wichtigste Mann in der Gemeinde ist selbstverständlich der Herr Parneß. Der versteht überhaupt Alles. Dann — nach einer langen Pause — kommt der Ltmsau. (Bei uns heißt er schon längst „Oberoberkantor".) Der Rabbiner — nein, der hat keine Nummer! So wie der Herr Parueß, so denkt auch die Gemeinde, oder besser gesagt: sie denkt überhaupt nicht. Wenn's der Herr Parueß macht, wird's schon recht sein! Darum hat auch die ganze Gemeinde gejubelt, als der Herr Parneß die Abweisung des Rabbiners zu einer schon lange nicht mehr dagewesenen Gehaltserhöhung für den in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Hebung des Judeuthums benutzte. Unser schasrm hat aber auch eine einzigartige „Erfindung" im Interesse des Judenthums gemacht. Bisher Pflegte er die „Barmizway-Jungen" für die Verse, die sie nach der in unserer Gemeinde üblichen Weise aus der Thora vorzutrageu pflegen, am Klavier oder mit der Violine vorzubereiteu; jetzt hat er die hiesige Regimentskapelle eugagirt, um den Jungen die Melodie des Thora-Vortrags „einzublasen". Nur ungern berichte ich Ihnen noch, weil ich Ihnen Schmerz zu bereiten fürchte, daß unser Herr Parneß eine neue jüdische Zeitung herausgeben will. Welches der Inhalt dieses Blattes sein wird, das natürlich einem „längst gefühlter: Bedürfnisse" abhelfen soll, können Sie selbst aus den wahrheitsgetreuer: Schilderungen errathen, die ich Ihnen bisher von unserem Herrn Parneß gegeben. Oder glauben Sie . so ein Parneß existirt nicht? Nun, dann bitten Sie nur um die Adresse Ihren Lob Korach. Aas neueste Merk über die Religion des Indenthums im neutestamentlichen Zeitalter. Von Rabbiner Dr. Silberstein-Elbing. s ist ein erfreuliches Zeichen, daß mar: in der letzten Zeit in jüdischen Kreisen sich besonnen hat, mit dem gewohnten Stillschweigen zu brechen und auf den Kampfplatz zu treten, um die unwissenschaftliche oder parteiische Behandlung, welche das Judenthurn in nichtjüdischen wissenschaftlichen Schriften erfährt, zu bekämpfen und sie als das, was sie ist, in klaren: Lichte der Oeffentlichkeit vorzuführen. Bäck, Perles, Vogelstein und Eschelbacher haben alle, jeder von besonderen Gesichtspunkten ausgehend, Harnacks „Wesen des Christenthums", so weit das Judenthum darin zu kurz kommt, einer gründlichen Prüfung unterzogen. Büchler hat in den: letzten Jahresbericht der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt in Wien 1901 1902 durch seine Abhandlung „Das Synedrion in Jerusalem" an einem Beispiele zu zeigen gesucht, daß die sonst bewundernswerthe Gründlichkeit und die sonst so streng gewahrte Sachlichkeit bei manchen Gelehrten ihre Herrschaft über das Denken einbüßen, sobald talmudische Meldungen denen des Josephns oder der Evangelien widersprechen oder auch nur zu widersprechen scheinen, — daß die ganz eigenartige Behandlung, welche Kuenen, Wellhansen und Schürer, lle drei in der Wissenschaft bekannte und anerkannte Größen den jüdischen Nachrichten über das Synedrion im jerusalemischen Tempel in ihren Werken von Auflage zu Auflage unverändert angedeihen lassen, nicht blos eine ungerechtfertigte, sondern auch eine unwissenschaftliche und vorurtheilsvolle ist (vergl. s. Einleitung). Schreiner hat in seinem vortrefflichen Werke „Die jüngsten Urtheile über das Judenthnm" (Berlin. Cronbach 1902) die falschen, in der Litteratur verbreiteten Urtheile über das Jndeuthum auf ihren wissenschaftlichen Werth geprüft, auf die mangelhafte Berücksichtigung oder gänzliche Außerachtlassung der vor: den Vertretern der Wissenschaft des Judenthums ermittelten Thatsachen hingewiesen und in der christologischen Geschichtsbetrachtung, der Paulinischen Religionspsychologie und in den: bewußten oder unbewußten Streben, die indogermanische Rasse zu verherrlichen, die Motive gefunden, welche die irrlhürulichen Urtheile verschulden. Er verfolgt den wissenschaftlichen Zweck, die Neligionsforschung zur objektiven Würdigung der von ihm dargelegten Thatsachen zu veranlassen, nicht minder wie den Praktischen, Vorurtheite gegen das Jndenthum zu zerstören und des letzteren Recht zur Geltung zu bringen (vgl. Einl.). Doch wie selten werden Schriften, aus jüdischer Feder geflossen, der genügenden Beachtung gewürdigt! In der Regel fallen sie der allgemeinen Verachtung anheim. Das neueste Buch mit den: vielverheißenden Titel „Die Religion des Judenthums im neutestamentlichen Zeitalter" von I). W. Bousset, ao. Professor der Theologie an der Universität Göttingen, (Berlin 1903. Reuther u. Reichard) das als eine Erweiterung und Fortsetzung des bedeutsamen Schürerschen Werkes (Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jes. Ehr. 3. Aufl. I. Bd. 1901, II. und III. Bd. 1898) gelten will, von dem man doch wenigstens hätte erwarten sollen, daß es die trefflichen, möglichst unparteiischen von tiefer Sachkunde zeugenden Schriften des zum Christenthum vor Jahrzehnten übergetretenen Petersburger Professors Chwolson („Das letzte Passamahl Christi und der Tag seines Todes (1892)" und Die Blutanklage u. s. w. der Juden 1901) zu Rathe ziehen würde, kennt weder diese, noch erwähnt es irgend eine der neueren jüdischen einschlägigen Schriften. (Jüdische Gelehrte wie Herzfeld, Jost, Geiger, Grätz, Derenbourg, Hamburger sind ihn: für das Gebiet der späteren Gelehrtentradition unentbehrlich, wenn auch mit Vorsicht zu benutzen. S. 31.) Was müssen wir da nicht Alles hören von der partikularistischen Verengung des Judeuthums. seinem Fremdenhaß' den: Zuge zur Verengung selbst gegenüber den eigene:: Volksgenossen, von dem zwar scharf pointirteu aber nicht ungerechten Wort, womit Jesus die jüdische Ethik zusammenfassend, charakterisirt„Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen", von den: Mangel an Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit der jüdischen Ethik, die vom Ideal der Humanität weit entfernt bleibt, die eine Ethik der Korrektheit und der guten Gesellschaft ist. Beweis dafür! „In allen: sittlichen Handeln hält der Einzelne seinen Blick ständig einerseits auf den Kreis der Frommen, deren Anerkennung er bedarf, andererseits auf den Kreis der Nichtzugehörigen gerichtet, deren sittlicher und religiöser Zustand ihn: als Folie dient; die Wahrhaftigkeit wird verlangt, soweit sie direkt rechtlichen oder sozialen Werth besitzt." Ob der Verfasser das Ideal der Humanität, insbesondere der Wahrhaftigkeit,^ die er am Spätjudenthum vermißt, nach seinei: Behauptungen zu