Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 16 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228530--59381-3295893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 Für die, denen die „Weisheit unserer Väter" ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, mag ja die Nietzschesche Idee eine gewaltige, neue oder eine gewaltignene erscheinen. Wer aber Hillels Ethik studirt hat, der weiß, daß er, der im Jahre 75 o. Ehr. geboren ist, diese nämliche Idee geprägt, die aufbewahrt ist in der kostbaren Sammlung echter Münzen Spr. d. V. 2, 6: mvimkmmr selieen rrnosoliün, Inr-ebtaclel üü'.jmi88 iscb, von Kristeller verdeutscht: „Noth an Mann, nun wohlan, sei du der Mann!" Ob wir nun diesen ethischen Schatz in seiner Umgebung im Allgemeinen bewundern und ihn herausheben zur spezielleren Betrachtung, Belehrung und Belebung — er ist auf alle Gebiete menschlichen Wirkens und Webens, auf profane wie religiöse, übertragbar. Eine jüdische, unparteiische Zeitschrift kann sich neben literarischen in der Hauptsache nur mit kulturellen Angelegenheiten befassen. Es ist deshalb ein Glück, daß nun logischer Weise diese kulturellen Dinge auch die knltuellen beeinflussen. Und indem wir die ersteren hüten und entwickeln, fördern wir die letzteren. Wer keinen Sinn hat für die Interessen des Judenthums, den berühren auch die Interessen der Judenheit, der Gemeinde nicht. Und wo kein reges Gemeindeleben pulsirt, da stockt es in Gotteshaus und Religionsschule. An dieser Thatsache ändert der Umstand nichts, daß wir nur gar zu gern über unsere Judenheit zu reden Pflegen. Wo wir auch mit Glaubensgellossen Zusammentreffen, wo wir uns erst erkennen, auf der Eisenbahn, im Gebirge, all der See, im Kurorte i nicht lange wahrt's — und das eifrigste Gespräch über alle möglichen Dinge macht einem anderen Platz, das sich auf Rabbiner, Lehrer, Kantor, Schammeß und — Vorsteher erstreckt. Und da bekommen sie alle ihr gut Theil ab, glimpflich ver-- fährt der Sprecher in den seltensten Fällen mit den Seinen. Und wenn danll das aufmerksame Gegenüber sich zu der Frage erhebt: Warum treten Sie nun nicht für Ihre Ideell ein? dann erhält er in 99 voll 100 Fällen die stereotype Antwort: Was, ich soll mich Herausstellen? Mögen sie machen, was sie wollen. Für die paar Mal, die ich in Schul^ gehe, mag's so bleiben. Und paßt mir's garnicht mehr, dann bleibe ich ganz zu Hause." Das ist keine Uebertreibung, so siehts in derThat in zahllosen kleinen Gemeinden aus. Und die so sprechen, die Großen der kleinen Gemeinden, ziehen früher oder später in die Großstädte und haben auch dort kein Interesse fürs Judenthum. Sie habend verlernt, ihr Judenthum zu lieben, dieweil sie die alte Weisheit: „Sei du der Mann" nicht als für sich gemünzt erachtet haben, weil sie sie haben veralten lassen. Geschäftliche und gesellschaftliche Rücksichten stehen ihnen nämlich höher als wirklich hohe. Ihre Behandlung überlassen sie mit einem zwiefachen Lächeln, einem geringschätzigen und einem überlegenen, denen und von denen sie sich nach einer bestimmten Richtung hin abhängig wähnen. Und die kleinen, denen es an Verständniß für die wichtigsten Interessen in Schule und Gotteshaus mangelt, regieren die Gemeinde, stehen aber rathlos da, wenn antisemitische Fluchen auch ihre Füße bespülen, wenn große, die ganze Judenheit bewegende Fragen den Zusammenschluß aller Juden erfordern. Wie viele kleine Gerneinden bleiben da zurück, weil sich unter den Großen kein „Mann" gestruden, der sich Herausstellen mochte! Nicht der Sonderintereffen wegen, nicht um ungetrübte Ruhe am häuslichen Herde zu haben, nicht aus sonderbarer Scham den Andersgläubigen gegenüber, von denen sie gerade nach dieser Hinsicht lernen könnten, dürfen unsere Intelligenteren dem Gemeindeleben fernbleiben. Sie können auch nicht auf mildernde Umstände rechnen, wenn sie uns etwa sagen wollten, man halte ihnen in der Gemeinde entgegen: „wie sie dazu kämen; rvas sie das angehe". Ueber solche Indifferenten mögen sie getrost zur Tagesordnung übergehen, sie mögen vielmehr bedenken, daß es Pflicht jedes Einzelnen ist, seine bessere Meinung zum Ausdruck zu bringen: lumelienob tmielnm-ll es8 ruin886e1io: Zurechtweisen sollst Du Deinen Nächsten. Und das Recht hierzu verleiht ihm die alte Weisheit: Noth an Mann, nun wohlan, sei Du der Mann. Wird ein jeder diese Ethik, die alte, ins neue Leben hinüberretten, dann wird jede Zeit ihr großes Geschlecht finden. Are Abschaffung des Raktrinats. Sehr geehrter Herr Redakteur! (7^ hren für mich sehr schmeichelhaften Vorwurf, daß ich iu der Erfüllung meiner Korrespondentenpflichten außerordentlich saumselig sei, gebe ich Ihnen „mit Zinsen" zurück. Ich will Ihnen keine Vorhaltungen darüber machen, daß Sie mich noch immer nicht als „Eigenberichterstatter" mit einem festen Gehalt von ansehnlicher Höhe angestellt haben: ich will Sie auch nicht dadurch reizen, daß ich Ihnen verrathe, daß mir andere jüdische Blätter dasselbe Honorar bieten wie Sie. Aber daß Sie noch immer nicht auf der Höhe der Zeit stehen, ans welche ich Sie zum Heile des Jndenthums und der ganzen Menschheit bringen wollte, das sage ich Ihnen frei heraus. Sie drucken in Ihrem Blatte Aufsätze über die Bildung von Bezirksrabbinaten oder über die Ausbildung der jüdischen Theologen ab, und Sie haben keine Ahnung davon, daß unser rühmlichst bekannter Herr Parneß die Abschaffung aller Rabbinate und aller Rabbonim dekretirt hat. Natürlich hat er das in der ihm eigenen liebenswürdigen Weise besorgt. Unser Herr Rabbiner hat nämlich gewagt, auf dem Gebiete des Ritus und Kultus einige Anträge bei der Vorstandschaft zu stellen. Gewöhnliche Sterbliche sind vielleicht der Meinung, daß unser Herr Nabbiller mit seinen Anträgen nichts Unrechtes begangen habe. Unser Herr Parneß hat aber entdeckt, daß Kultus und Ritus nicht in das „Ressort" des Rabbinats gehörte, und hat darum unserem Herrn Rabbiner, natürlich in der liebenswürdigsten Weise, schreiben lassen, die Dinge, um die er sich gekümmert habe, würden ihn nichts angehen. Wenn aber beim Kultus und Ritus der Rabbiner nicht mehr mitreden darf, habe ich da nicht Recht, wenn ich behaupte: dir Abschaffung aller Rabbinate und aller Rabbonim ist dekretirt? Daß unsere Rabbiner zumeist vor leeren Bänken, im günstigsten Falle vor tauben Ohren predigen, ist doch ein offenes Geheimniß. Zudem machen ihnen die Herren Lehrer sowohl die Kanzel wie die Reduerthätigkeit bei Trauungen und Beerdigungen längst streitig. . . also? Unser Herr Parneß hat zweifellos eine erlösende That gethan, und wenn Sie, geehrter Herr Redakteur, so wie es Ihre Pflicht gewesen wäre, von ihr berichtet hätten, so hätten Sie um zahlreiche jüdische Gemeinden ein unsterbliches Verdienst sich erworben. Oder stehen Sie am Ende im geheimen Bunde mit den Rabbinern? Sehen Sie in denselben vielleicht gar noch