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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-09 · Heft 2 (9.1.1903) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
Seite 15 (sequence 5)
Language
German
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15 Die französischen Nationalisten, denen es jetzt Gott sei Dank recht schlecht geht, suchen natürlich den Fall Humbert für ihre Zwecke ausznnutzen. Der „Ganlois" veröffentlicht einen Artikel von dem frisch getansten Juden Gaston Pollonais' der den Zusammenhang zwischen dem Fall Humbert und dem Fall Dreyfus nachzuweisen versucht. Danach soll Oberst Du Paty de Clam im November vorigen Jahres verlangt haben, dem General Andrer in dieser Angelegenheit Mittheilungen machen zu dürfe». Letzterer habe es aber abgelehnt, diese Enthüllungen anznhören. Du Paty habe sodann verlangt, von Leydet, dem Untersuchungsrichter im Falle Humbert, gehört zu werden. Nun habe in aller Stille eine Besprechung stattgefunden. Du Paty habe mitgetheilt, daß die Archive des Generalsstabs unter denjenigen, die mit größter Energie für Dreyfus thätig waren, auch den Namen Humbert erwähnen. Pollonais weist darauf hin, daß Hauptmann Munier, der über die gefälschte Depesche Panizzardis einen aufklärenden Bericht erstattet hatte, kurz darauf im Eisenbahnwagen todt anfgefunden wurde. Pollonais sagt, man wolle diese Angelegenheit ersticken, er habe sich aber die Aufgabe gestellt, sie ganz zu enthüllen und die öffentliche Meinung auszuklären. Natürlich folgen der „Enthüllung" die Dementis auf dem Fuße. Es ist übrigens interessant, daß die Familie Humbert, welche unter päpstlichem Segen ihre Geschäfte betrieb und vielfach antisemitische Blätter fubventionirte, es nichtsdestoweniger nicht verschmäht hat, gelegentlich auch Juden anzupnmpen. Unter den Opfern dieser edlen Familie befinden sich, wie bereits jetzt festgestellt werden kann, nicht weniger als nenn Inden, welche zum Theil in» sehr namhafte Betrüge hineingelegt worden find. Den geringsten Verlust erleidet eine Witwe Cahn, die der Fran Humbert 250 000 Frgeliehen hat, ihr folgt Salvador Cahn mit dein gleichen Betrag, Samuel aus Brüssel, Haas und G. Levy aus Paris mit je einer Million Franks. Mr. Halphen verliert eine Viertelmillion und die Erben des verstorbenen Bankier Paul Bernard sogar 3 Millionen. Auch Dreyfus' Schwiegervater, der verstorbene Mr. Hadamard, wurde von der geriebenen Gaunerin um 150 000 Fr. erleichtert. Im Ganzen verlieren die neun an der Humbertaffaire betheiligten Juden nicht weniger als 10 Millionen Franks. Haben die Humberts also nicht Grund, Antisemiten zu sein? Rumänien schwelgt jetzt förmlich in Toleranzideen und Betheuerungen seiner Judenfreundlichkeit. Das ist sehr verdächtig! So veröffentlicht das rumänisch offiziöse Organ „Adeverul" einen Artikel, der unter wörtlicher Anführung der einschlägigen Stellen des mit dem Washingtoner Kabinett gepflogenen Schriftwechsels und der Note Hays an die Signatarmächte des Berliner Vertrages vom 17. Juli 1902 nachzuweisen sich bemüht, daß die Veranlassung zu dieser Cirkularnote der Umstand gewesen sei, daß Rumänien sich geweigert habe, dein Verlangen der Union nach Anerkennung der rumänischen Staatsangehörigkeit für die ausgewandertenJuden zu entsprechen, während die Union sich aus naheliegenden Gründen ebenfalls weigerte, diese Auswanderer ohne weiteres als amerikanische Bürger anzusehen. In der genannten Note finden sich nämlich folgende bemerkenswcrthe Sätze: „Dieses hilflose Volk der Juden ist durch die Macht Rumäniens gezwungen, sich ans die Wohlth ätigke it der Vereinigten Staaten zu stützen. Die Negierung der Vereinigteil Staaten kann zu dieser Ungerechtigkeit nicht schweigen." Es gehört die ganze Unverfrorenheit rumänischer Logik dazu, um aus diesen beiden Sätzen heranszulesen, daß Amerika nicht aus Humanitätsgründen die europäischen Mächte gegen Rumänien aufgerusen habe. Es ist aber nicht unmöglich, wie ein Wiener Blatt treffend ausführt, daß die neueste Toleranzphase der rumänischen Politik den Zweck hat, gerade jetzt Europa zu „beweisen", daß sie den Berliner Vertrag erfüllen, da sich Rußland und Oesterreich anschicken, von der Türkei die Erfüllung des 8 23 des Berliner Vertrages zu erzwingen. Deshalb mußte der Telegraph die Botschaft von rumänischer Gerechtigkeit und Gleichheit in die Welt hinausposannen. Die Wirren in Marokko beschäftigen die öffentliche Aufmerksamkeit immer angelegentlicher. Die Lage des Sultans ist äußerst bedenklich geworden. Der Snltan Abdul Asis scheint aber den Muth zum Widerstande nicht verloren zu haben. Wir haben schon in der vorigen Nummer erörtert, von welcher Bedeutung diese Angelegenheit für die dort lebenden Juden sei. Nun bringen die Blätter die folgende, von irgend einem Telegraphenbüreau verbreitete Nachricht: „Die mehr als 10 000 Juden in Fez, die von Seiten der Regierung des Sultans große Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten zu erdulden hatten, sollen geneigt sei», den Prätendenten zu unterstützen." Wir erlauben uns, diese Meldung zu bezweifeln. Die Lage der Juden ist dort in der That eine traurige. Aber gerade unter der Regierung des Sultans ist sie verhältnißmäßig besser und sicherer geworden, da die Verbrechen, welche gegen die Juden begangen werden, nicht mehr ungesühnt bleiben. In Fez und Mogador dursten Schulen errichtet werden unter den Auspizien der ^Vllisnes und der ^nglo- ^cuvi'sb ^sLooiation. Der Sultan selbst hat sie als Staatseigenthmn anerkannt und besondere Erleichterungen für die ärmeren Juden wegen des Schulgeldes getroffen. Eben kommt zur Bestätigung die Nachricht, daß die Rebellen bei Alkazar sechs Israeliten ermordeten. Unter diesen Umständen wird man die Meldung des „Jmpareial" richtig einzuschätzen wissen, der über Bu Hamara sagt: „Er achtet die Rechte der Israeliten und zeigt ein korrektes Verhalten gegenüber den Europäern". Wie es scheint, wäre es für die Inden Marokkos das Beste, wenn die Regierung des Sultans durch das Protektorat einer europäischen Macht eine gewisse Festigung erlangen würde. Eine alte Weisheit. Von Waisenhausdirektor K atz-Rhbnik. iebt es eine alte und eine neue Weisheit? Und wenn es eine neue giebt, stürzt sie die alte? Oder kann die alte immer neu bleiben? So viel Fragen, so viel Antworten sind möglich. Ich habe nur das Bestreben, zu zeigen, daß die alte Weisheit stets neu bleibt, und daß, wenn die alte zu veralten droht, wir die Pflicht haben, darüber zu wachen, daß sie sich stets verjünge. Von dem Philosophen Nietzsche stammt das Wort: „Niemand darf zu seiner Entschuldigung sagen, er überlasse die rettende That anderen; wer znrückbleibt, versündigt sich an der Menschheit."

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