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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-09 · Heft 2 (9.1.1903) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
Seite 14 (sequence 4)
Language
German
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14 haben zu manchen unliebsamen Austritten und zu heftigen Streitigkeiten Anlaß gegeben. Das ist begreiflich, wenn man sich in Erinnerung bringt, das; in Bern, Zürich und Genf eine große Anzahl jüdischer Studenten, namentlich aus dem Osten, sich befindet, die die zionistischen Ideen dort verbreiten. Die schweizerischen Israeliten nehmen daran nur insofern Antheil, als sie die Bestrebungen billigen, zum Theil auch fördern, welche auf die Hebung des geistigen Niveaus, auf die Stärkung des jüdischen Bewußtseins, auf den Kampf gegen den Jndifferentismus ausgehen; sie nennen das den sogenannten Kulturzionismus; denn der politische Zionismus hat auch dort nur wenig Anhänger. In der letzten Delegirtenversammlung zu Biel hat der Präsident selbst gesagt, daß in Bern unter mehreren hundert jüdischen Studenten, nur 60, in Zürich unter dreihundert jüdischen Studenten nur 8 Zionisten seien. Und auch diese wurden es nicht in der Schweiz, sondern sie waren es vorher. Er selbst erklärte, er verstehe vor allen! unterzionistischer Agitation die Ausbreitung des Gedankens, daß die jetzigen Verhältnisse der Juden nicht nur in nationaler, sondern auch in ökonomischer Beziehung unhaltbare seien. Man solle zunächst mehr für die armen Leute thun und ihnen helfen, dann erst komme die nationale Frage. Auch die Idee einer jüdischen Hochschule wurde zurückgewiesen. Man sieht also, daß die schweizerischen Zionisten Leute sind, die mit sich reden lassen. Andererseits ist die Existenzfrage vieler an den schweizerischen Universitäten Studirenden eine wahrhaft brennende und der Regelung dringend bedürftig. Alle diese Bestrebungen könnte eine Vereinigung der Schweizer Israeliten in das richtige Fahrwasser leiten. Wie es scheint, fehlte es bis jetzt hauptsächlich an einen! solchen Centralorgau zur Vertretung nach innen und außen, um die schlummernden Kräfte zu wecken und die vorhandenen zu sammeln. Mögen die Schweizer Israeliten aus den Erfahrungen lernen, welche ihre Glaubensgenossen in anderen Ländern gemacht haben, und mögen sie an ihrem Theil dafür sorgen, „daß kein Ort der Freiheit fremd dem anderen sei!" sondern daß alle Gemeinden der Eidgenossenschaft in friedlichem Zusammenwirken das Judenthum in der freien Schweiz zu Ansehen und Ehren bringen. Me Woche. Berlin, 8. Januar. ^Meine Partei im ganzen Deutschen Reich arbeitet so emsig für die nächsten Wahlen wie die Antisemiten. Diese Anerkennung darf ihnen selbst ihr Todfeind nicht versagen. Schon seit Wochen reisen ihre Agitatoren, hauptsächlich in den Provinzen Brandenburg, Pommern und Posen von Ort zu Ort, um für die Wahl der Herren Bruhn, Krösell, Ahlwardt u. s. w. Propaganda zu machen. Während alle anderen Parteien noch müßig sind, haben sie die Vorbereitungen zu den nächsten Reichstagswahlen schon lange ernstlich in Angriff genommen; selbst die Zwistigkeiten unter den verschiedenen Gruppen sind angesichts dieser schweren Aufgabe etwas in den Hintergrund getreten. Auch die Krisis innerhalb des Bundes der Landwirthe dürfte den Antisemiten zu Gute kommen. Denn wie es scheint, sind die Leiter des Bundes geneigt, die „reinen" Antisemiten zu unterstützen und damit steigt die Gefahr antisemitischer Wahlerfolge. Es handelt sich hauptsächlich um die Kreise Arnswalde-Friedeberg, Deutsch-Krone, Schlochau- Flatow, Phritz - Saatzig, Nenstettiu, ferner um Hersfeld-Rotenburg-Hünfeld und Bautzen, in denen die Herren Bruhn, Berg, Krösell, Ahlwardt, Werner und Zimmermann kandidiren wollen. Aber bei den bevorstehenden Wahlen wird der Kampf nicht blos gegen die Antisemiten im engeren Sinne des Wortes zu führen sein. Den Antisemiten im Lager anderer Parteien, insbesondere der konservativen, muß mit der gleichen Entschiedenheit eutgegengetreten werden, wie der Gefolgschaft der Liebermann, Bruhn, Werner, Böckel u. s. w. Bündlerische wie konservative, aber auch gewisse klerikale und Pseudoliberale Organe kultiviren einen Antisemitismus, der an Gehässigkeit dem der „rein" antisemitischen kaum nachsieht. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß, je mehr die Agitation der Antisemiten sich steigert, die Verpflichtung aller Geguer des Antisemitismus, sich rechtzeitig zum Wahlkampse zu rüsten, eine um so dringendere wird. * Vor einigen Tagen feierte der ehemalige Handels- Minister Maybach seinen achtzigsten Geburtstag. Man schreibt uns dazu von angesehener Seite: „Auch wenn man das Verdienst anerkennt, welches er durch die Verstaatlichung der preußischen Eisenbahnen sich erworben hat, wird man zugeben müssen, daß er in der inneren Politik Preußens eine verhäugnißvolle Neuerung eingeführt hat. Von ihm rührt das bekannt gewordene Schlagwort von dem „Giftbaum der Börse". Es ist natürlich Jedermanns Sache, wie er über die Börse denkt, und es soll Niemand verwehrt werden, über sie die möglichst schlechte Meinung zu haben. Nur eine Person sollte in dieser Beziehung ausgeschlossen sein, nämlich der Handelsmiuister. Der Handelsminister ist der Vorgesetzte der Börse, deren Schließung er mit einem Federstrich bewirken kann. Zufällig war Exzellenz Maybach, als er das geflügelte Wort von dem Giftbaum der Börse Prägte, auch Handelsminister, da damals ein besonderes Ministerium für die Eisenbahnen nicht bestand, sondern Börse und Eisenbahnen dem Handelsminister unterstanden. Da nun Exzellenz Maybach als Handelsminister gegen die Börse, welche seinem guten Willen überliefert war. keinerlei Schritte unternommen hat, sind blos zwei Deutungen möglich. Entweder hat sich der Minister eine große Pflichtverletzung zu Schulden kommen lassen, indem er gegen die Börse, welche er für einen 'Giftbaum, also für ein schädliches Institut ansah, nichts unternahm, oder er gebrauchte das Schlagwort von dem Giftbaum der Börse wider besseres Wissen, aus demagogischen Gründen, um dem deutschen Geist, der wesentlich individualistisch und deshalb der Verstaatlichung der Eisenbahnef nicht günstig gestimmt war, durch die Hetze gegen die Börse die? Verstaatlichung schmackhafter zu machen. Dieses war die wirklickl Bedeutung des Schlagwortes vom Giftbaum der Börse. Der Minister hat die Verstaatlichung gerade mit Hilfe der Börse (d. h. der spekulatives und kapitalskräftigen Kreise der Börse) gegen die ursprüngliches Aktionäre der Eisenbahnen durchgeführt.! Die Demagogie hat seither in jenen Kreisen weitere Fortschritte gemacht und ist zu einem schweren Schaden geworden. Ganz abgesehen davon, daß wir Juden häufig die Zielscheiben dieser Demagogie sind, dürfen wir es wohl sagen, daß es der Hochachtung für die „bestehende Gesellschaftsordnung" nicht gerade dienlich ist, wenn die Regierungskreise selber Haß gegen einzelne Berufsklassen oder Bevölkeruugsklassen erregen, denn sie haben die Klinke der Gesetzgebung in der Hand, und wenn sie diese nicht in Bewegung zu setzen streben, ist es ein Beweis, daß sie mit ihren Angriffen lediglich Demagogie treiben. Derjenige, welcher unseres Wissens im Gegensatz zur alten preußischen Tradition zuerst derartig aufgetreten ist, war Exzellenz Maybach. Deshalb war neben der Anerkennung, die man seinem Wirken für die Verstaatlichung der Eisenbahnen zollt, auch seines Schlagwortes „vom Giftbaum der Börse" gebührende Erwähnung zu thun." 4

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