Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-02 · Heft 1 (2.1.1903) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
Seite 12 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228529--59368-3295879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 betrat, der „fast nur durch Zufall" keine jüdischen Mitglieder hatte. Aber als ich oben stand, da dachte ich: „Nun erst recht — und Du willst ihnen deine Meinung sagen. Nicht direkt, aber doch so, das; sie dich nicht mißverstehen können." Das Thema bot mir Gelegenheit dazu. Ich hatte über die Kultureutwicklung im östlichen Europa zu sprechen. Da mußte ich des wichtigsten Hindernisses Erwähnung thun, daß sich dort von jeher einer gedeihlichen Kulturarbeit entgegenstellte und heute erst recht entgegengestellt: des Rassen- und Glaubensstreites. Bei diesem Punkte verweilt hätte ich jedenfalls, nur that ich dies jetzt mit besonderem Nachdruck. Ich legte meinen Hörern — und damit blieb ich ja nur bei der Wahrheit — sehr eindringlich dar, daß sich der Haß der Eingeborenen hauptsächlich gegen die Deutschen und die Juden richte; wer von Beiden dem Russen oder Polen verhaßter sei, sei schwer zu entscheide». Und dieser Haß gegen Beide komme genau aus denselben Quellen, nicht bloß aus der Abneigung gegen die fremde Rasse, den fremden Glauben (die Deutschen in jenen Ländern sind überwiegend protestantisch), sondern auch ans dein Neid über ihre wirthschaftlichen Erfolge, der Furcht vor ihrer überlegenen Tüchtigkeit. Und dann sagte ich, was ich über Haß unter Menschen aus diesen Gründen auf dein Herzen hatte. Das Publikum hörte nicht bloß aufmerksam zu, sondern wurde bald warm — das merkt ja der Redner immer aus tausend kleinen Anzeichen — und dann immer wärmer. Ich glaube nie besser gesprochen zu haben, als in jener kleinen, weltentlegeneu Stadt. Wenigstens habe ich schwerlich im Leben so gewirkt, wie dort. Nach dem Vortrag ging ich mit den Herrn des Vorstandes in ein kleines Zimmer, bis im Saal die Sessel entfernt und kleine Tische für die Abendmahlzeit aufgestellt waren. Kaum daß wir jenem Stübchen Platz genommen hatten, begann der Direktor: „Sie haben uns heute eine Lektion gegeben. Nu», das schadet nichts, das nützt nur. Aber Sie dürfen nicht glaubendaß wir gar so schuldig sind. Was diesen Verein betrifft, sind wir sogar ganz unschuldig. Hören Sie, bitte!" Und er begann: „Vor Allem nur haben hier besondere Verhältnisse. Unsere Stadt ist sehr alt, aber die Judengemcinde jung. Früher durften kraft mittelalterlicher Privilegien keine Juden hier wohnen. Was sich daun, als die Ansiedelung frei stand, zunächst hierher wandte, waren nicht eben die besten Elemente. Sie werden diese Meinung freilich vielleicht auch ganz und gar für einen Ausfluß des Vorurtheils halten . ." „Doch nicht!" sagte ich. „In gewissem Grade mag natürlich auch in solchen Fällen das Vorurtheil mitsprechen: „So also sehen die Leute ans, die sich unsere Väter fern gehalten haben — vH, sie waren klug, als sie's thaleu!" Es liegt in den Verhältnissen, in der Menschennatur, daß die ersten Juden in einer bisher, wie der liebenswürdige, schon vom alten Eisenmenger gebrauchte Ausdruck lautet, „judenreinen" Stadt besonders schief angesehen werden. Aber die besten Elemente sind es thatsächlich selten, die sich zuerst niederlassen. Wer anderwärts gut vorwärts gekommen ist, sich Achtung erworben hat, braucht eben keine neue Wohnstätte zu suchen . . . Ich habe beides: das geschärfte Vorurtheil gegen die neuen Zuzügler und ihre nicht immer einwandfreie Art, selbst in meiner Studentenzeit bei der Entstehung der Judengemeinde in Graz, aus nächster Nähe mitansehen können. Das gehört eben mit zu dem Mißlichen in der neuesten Geschichte der Juden . .." „Nun ja," sagte der Direktor. „Aber Thatsache ist, von den beiden ersten Ankömmlingen war der Eine ein Trödler, der bald bedenklicher Ankäufe wegen den Gerichten verfiel, und der Andere ein Wucherer, der nur unbehelligt blieb, weil er noch schlauer als schlecht war. Dann freilich kamen andere Leute auch, einige Kaufleute, ein Uhrmacher und ein Schneider, gegen die nichts zu sagen war, außer daß sie sich eben nicht sehr gut unter einander vertrugen. Unter den Kaufleuten nahm die Konkurrenz Formen an, die bisher in unserer kleinen stillen Stadt nicht bekannt waren. Endlich kamen auch besser situirte Leute, schließlich ließ sich ein jüdischer Arzt und ein jüdischer Anwalt hier nieder. Es giebt nun etwa fünfzig Familien hier, und ich muß sagen: von dem brüderlichen Zusammenstehen, von der Eintracht, die man oft den Leuten Ihres Glaubens nachsagt, sehen wir in unserer Stadt nicht viel. Es giebt zwei Gemeinden, eine fromme und eine minder fromme, und sie befehden sich recht hart. Auch an Beleidigungsklagen und Prozessen unter einander fehlt es nicht. Der Bildungsgrad ist im Durchschnitt kein hoher..." „Geringer als der der christlichen Handwerker nnd Krämer?" „Das wohl nicht, aber auch kein höherer, wie uns immer wieder von Verlheidigern der Juden versichert wird..." „Mag sein," meinte ich, „aber das sind dann ungeschickte unter ihren Vertheidigern. Die Juden haben, weil der Ent° nationalisirungsprozeß noch nicht ganz vollzogen ist, zum Theil andere Vorzüge und Fehler als ihre christlichen Mitbürger, aber keinem verständigen Juden ist es je beigefallen, zu behaupten, daß die Juden im Durchschnitt besser und gebildeter wären. Das ist auch für unseren Anspruch gar nicht nöthigdenn dieser Anspruch geht ja nur auf gleiches Recht. . Aber wie ging es nun bei der Gründung Ihres Vereins zu?" „Vermuthlich anders," erwiederte er lächelnd, „als Sie denken. Wir sind ein Vortragsverein, unterhalten einen Lesezirkel, haben mit Ausnahme der geselligen Zusammenkünfte nach den Vorträgen keinerlei Versammlungen zu sozialen Zwecken. Ich bedaure dies, weil,ich uns nicht vorurtheilsloser erscheinen lassen möchte, als wir sind. Wären wir ein Geselligkeitsverein, so hätten sich vermuthlich gegen die unbeschränkte Aufnahme von Juden Stimmen erhoben, und es wäre wohl damit so gehalten worden, wie in unserem „Kasino". Der Rechtsanwalt und der Arzt wurden, als sie sich meldeten, sogleich und einstimmig ausgenommen; ein jüdischer Kaufmann, der sich dann um die Aufnahme bewarb, wurde abgelehnt, nicht aus Gründen seiner Konfession, aber ich bin gerecht genug, zu sagen, daß diese Gründe vermuthlich minder stark und eifervoll betont worden wären, wenn er Christ gewesen wäre. Ein vierter Herr, gleichfalls Kaufmann, der sich melden wollte, that dies nicht, als er von der Ablehnung seines Vormannes ersuhr; der Vorsitzende des Vereins versicherte ihn; zwar, daß er mit Freuden willkommen geheißen würde, wenn er anklopfte, und dies war auch die Wahrheit, aber er erwiederte nur immer: er setze sich der Gefahr einer Ablehnung nicht aus. Bemerken muß ich aber, denn es gehört zur Sache, daß auch er zwei Gegner seiner Kandidatur im „Kasino"- verein hatte: den Rechtsanwalt und den Arzt; beide Herren meinten, er sei zwar ein Ehrenmann, habe aber keine ganz sicheren Verkehrsformen. So hat das „Kasino" allerdings nur zwei jüdische Mitglieder. . . (Schluß folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für di« Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.