Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Romanelli, als hebräischer Dichter, wird von Fr. Delitzsch, Zur Geschichte der jüdischen Poesie (Leipzig 1836, S. 92, vergl. auch 3l), der ihn fälschlich: Romanili nennt, folgendermaßen charakterisirt: „Sein Melodrama Ilri-Oolot gleichfalls zur Verherrlichung einer Vermählungsseier verfaßt, ist g r i e ch i s ch er im Geiste und italienischer in der Anordnung im Vergleiche mit ^esbarim ledila (von M. Ch. Luzzatto) nächstdem es eins der werthgeschätztesten Kleinodien der Nation ist; es entlehnt seinen Mechanismus aus der klassischen Götterlehre, und ist durchweg für den Gesang mit Anetten eingerichtet. — Auch der Stil Romanilis ist, fast noch in höherem Grade, eine Blumenlese der würzigsten poetischen Ausdrücke und seltensten Formen, und, wie der Luzzatos, reich all Inversionen, theils aus stilistischen, theils aus tonischen Gründen. Doch unterscheidet er sich von dem Stile Luzzattos dadurch, daß er bei dem Gedankenreichthum seines Gehalts oft zu gnomisch, zu ko uzen tri sch und abrupt ist und daß er alle Partikeln vermeidet, während Luzatto sie in den feinsinnigsten Abschattungen häuft." Daß er ein belesener Mann war, darf man aus seinen Zitaten schließen, die nach Zedner, ans Tasso, Metastasio, Pope, Friedrich II. entnommen sind. Seine nahe Beziehung zu deutschen beziehungsweise Berliner Kreisen geht außer den obenerwähnten Thatsachen auch aus einem Trauergedicht auf M. Mendelssohn hervor-), in dem er übrigens als einer der Erstell Mendelssohn lieben Moses und Maimonides stellte. Aus allen diesen Momenten darf man den Schluß ziehen, daß der von F. L. W. Meyer so glänzend charakterisirte Schriftsteller Romanelli war. Er, dessen Aufenthalt in Berlin und dessen Bekanntschaft mit Friedländer zweifellos ist, konnte durch diesen sehr leicht in die Berliner litterarischen Kreise eingeführt werden, die damals noch nicht sonderlich ausgedehnt waren Parteiungen gab es zu jener Zeit, vor dem Aufkommen der romantischen Schule, noch wenig; der Ausländer, selbst wenn er Jude war, gewann leicht Zutritt und der voll den Aufklärern Geachtete konnte Meyer, der als Freund G. Försters diesen Kreisen nahe stand, nicht unbekannt bleiben. Ist nun Romanelli, wie wir annehmen, der von Meyer geschilderte italienische Jude, so darf er nicht mehr als widerwärtiger Schnorrer, sondern muß als ein respektabler, wohlverdienter Kellner und Bermittler deutscher Geisteswerke für Italien angesehen werden. 0 Anhang zur italienisch-hebräischen Grammatik. Triest 1799, S. 193. Vergleiche auch seine Kritik über ein Gedicht eines Mitgliedes der Measfim über ein Erdbeben, das in „un Niweui'i'o" eingerückt war. S. 206 1'x. NII.I.LI'ON In einer kleinen Stadt. Von Karl Emil Franzos. (^M^^ein Lebensgang hat mich mit manchem argen Antisemiten zusammengeführt, und ich habe viel Hartes und Ungerechtes über Juden und Judenthum abwehren müssen. Und noch öfter habe ich derlei Allgriffe zu esen und zu beantworten gehabt. Aber sagen muß ich doch— 'agen, weil es die Wahrheit ist und auf die Gefahr hin, daß mir auch hier das Aussprechen der Wahrheit Peinliches einträgt — so hart wie Juden habe ich selten Andere über uns Juden urtheilen hören. Und fragt man nach dem Grund, so hört man die Antwort: „Weil wir unter den Fehlern unserer Glauberlsgenossen leiden! Was können wir dafür, daß sie so viele störende Eigenschaften an sich haben!" Wir können nichts dafür — gewiß! Aber Dreierlei sollten wir immer erwägen. Erstlich, ob wir, die angeblich schuldlosen Opferlämmer, nicht auch solche störende Eigenschaften aufweisen. Zweitens: ob wir nur Grund haben, uns über diese Eigenschaften zu erzürnen, und nicht unendlich viel mehr Grund, zunächst zu erkennen, woher diese Eigenschaften rühren, und dann, soweit uns irgend die Kraft reicht, uns dahin zu mühen, daß sie sich verringern. Drittens aber: man glaube doch nicht daß man sich straflos in eine solche unethische Empfindung gegen die eigenen Glaubens- und Schicksalsgenossen hinein wühlt! Es schädigt uns innerlich, es macht uns roh und anmaßend. Die Antisemiten sind mir Gegner, leider sehr selten achtungswerthe Gegner, aber die jüdischen Antisemiten sind mir widerlich. Was mich betrifft, so weiß ich meine Seele mindestens voll diesem Makel frei, so sündig sie sollst sein mag. Nur einmal habe ich einige Stunden hindurch diese häßliche Empfindung in mir getragen und nicht los werden können. Und es soll mir eine Buße sein, wenn ich das Erlebniß dieser mir unvergeßlich gebliebenen Stunden hier schildere. Es war im Jahre 1879; ich hielt eine Reihe von Vorträgen ill Norddeutschland; zuletzt in zwei Vereinen einer großen Hafenstadt. Bon dort aus war es nur etwa eine Stunde Fahrt nach einer kleinen uralten Stadt voll etwa 8000 Einwohnern, wo gleichfalls ein Vortragsverein bestand, der mich zu hören wünschte. Ich blieb den Tag über in der großen Stadt, wo ich Freunde hatte, und fuhr erst mit dem letzten Zuge hinüber. Es war gegen sieben Uhr Abends, als ich, der einzige Passagier, auf dem kleinen Perron ausstieg. Ein Herr des Vorstandes erwartete mich; es war der Direktor des Gymnasiums. Wir fuhren in mein Hotel; auf dem Wege orientirte er mich über das Publikum. Eben das einer kleinen Stadt, aber nach Anregung dürstend. Die Vorträge seien immer vortrefflich besucht; selbst voll ganz simplen Ackerbürgern mit ihren Familien. „Und heute," fügte er bei, „wird es sogar besonders voll sein. Einige Ihrer Glaubensgellossen haben uns den Wunsch ansgedrückt, Sie zu hören. Der Verein erhebt kein Eintrittsgeld, aber wir glaubten Ihren Intentionen zu entsprechen, indem wir den Herren bereitwilligst den Eintritt gestatteten." „Gewiß!" sagte ich. „Meinen Intentionen würde es sogar noch mehr entsprechen, wenn meine Glaubensgenossen als Mitglieder anwesend wären, nicht blos als Gäste. " „Dem stände auch nach dem Statut nichts im Wege," versicherte er eifrig. „Es ist wirklich nur Zufall, daß wir keine jüdischen Mitglieder haben . . . Oder" — er räusperte sich - „fast nur Zufall ... Ich erzähle es Ihnen später!" In der That war nun keine Zeit zu Gesprächen. Ans 7V2 Uhr war der Vortrag angesetzt und so viel war es null. Ulld ich mußte mich ja erst ins Festgewand einschließlich weißer Kravatte stürzen. Nllll, das war bald geschehen. Aber innerlich war ich nicht eben festlich angethan, als ich das Podium des Vereins