Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Die Erklärung dieses Schweigens und auch des Schweigens über Herder ist darin zu finden, daß Böttiger damals das intime Verhältnis; mit Herder aufgegeben hatte und vvn Schiller und Goethe etwas scheel angesehen wurde, obgleich die eigentliche Feindschaft mit ihnen einige Jahre später entstand. Für die Leser dieses Blattes ist jedoch die andere Frage unendlich wichtiger: Wer ist dieser italienische Jude? Böttiger, der damals den Deutschen Merkur heransgab, entsprach der Bitte seines Berlinischen Korrespondenten nicht: aus einer Notiz in jene»; Blatte läs;t sich also der Name des italienischen Inden, der die deutsche Litteratur so gut kannte, nicht eruiren. Auch in Goethes Tagebüchern und Briefen jener Jahre ist kein Name zu finden, durch den sich unsere Frage beantworten ließe. Denn die in Goethes Tagebuch als Besucher genannten Dr, Brera aus Pavia und Majolino Bisaccioni am 8. August 179«; sind durchaus unbekannt, bei Landau sind sie nicht erwähnt, von Letzterem ist nicht einmal festzustellen, ob es der Name eines Zeitgenossen ist. Der etwas räthselhafte Michel Salvm ans Padua, der Goethe im Jahre 1782 die Probe einer Werther- Uebersetzung einschickte und von ihm durch einen Brief geehrt wurde, Weimarer Ausgabe, Briefe 5, 266 ff. ist hier schwerlich in Betracht zu ziehe». Auffallend ist freilich, daß dieser Michel Salom, von dem man sonst gar nichts weiß, erst 1796 seine Nebersetznng herausgab und dieser den Brief Goethes in italienischer Fassung verdruckte. Er scheint auch, wie Goethe es wünschte, ihm seine Arbeit ganz geschickt und, auf des Dichters Anregung, die Heldin, die er zuerst Annetta genannt, richtig Earlvtta bezeichnet zu haben. (Vgl. Briefe an Frau v. Stein, 6. Ausl. 1899 Bd. I, 66?. 699), Vvn dem damaligen Zustand der Juden in Italien giebt Graetz, Geschichte der Juden XI. 286 nur sehr dürftige Notizen, eigentlich nur Vereinzeltes über die zu den Verhandlungen des Sanhedrin deputirteu Italiener. Das tüchtige Buch von Rieger-Bogelstein erzählt gerade von dem litterarischen Leben am Ende des Jahrhunderts wenig, giebt nur Band ll. Seite 348 ff. merkwürdige Kunde von einer Gährung, die in den jüdischen Gemeinden Italiens zu jener Zeit herrschte. In deutschen Zeitungen war damals die Nachricht verbreitet, das; in Italien eine große Berbitternng innerhalb der jüdischen Gemeinden sich zeige und daß man eine Generälsynode wegen wichtiger Meinungsdifferenzen berufen habe. Diese Kunde war so auffallend und wurde so lebhaft ventilirt, daß italienische Rabbiner zu einer Beschwerdeschrist veranlaßt wurden. Es wäre nun sreilich eine seltsame Kombination, wenn mau den Juden, von dem in diesem Briefe die Rede ist, etwa als einen Abgesandten der italienischeil Gemeinden betrachtete. Tenn bei der ganzen Charakteristik, welche Meyer von dem Italiener giebt, tritt sein allgemeines, nicht speziell jüdisches Bildnngsiuteresse in den Vordergrund und daneben wird gerade sein politisches Streben behandelt. Aber die Wärme, mit der Meyer von seinem neuen Bekannten spricht, ist derart, daß man durchaus keinen der vielen jüdischen Wanderbettler oder dergleichen in dem hier Geschilderten sehen darf, sondern einen hervorragenden Mann. Anch die übrigen zuuächstliegenden Hilfsmittel ließen vollständig im Stich. Goedekes Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, das sonst selten versagende Verzeichniß, weist keine einzige italienische Uebersetzung der erwähnten Lessingjchen und Wielandschen Werke auf; auch M. Landaus Spezialwerk: Geschichte der italienischen Litteratur im 18. Jahrhundert (Berlin 1899) führte keinen besonderen Kenner deutscher Werke und Sprache auf. Mein verehrter Kollege. C. Fasola in Florenz, ein Spezialist in der Uebersetzungslitteratur, an den ich mich brieflich wandte, konnte mir anch keine befriedigende Auskunft verschaffen; die von ihm genannten Wielandübersetzer sind alle aus dem 19. Jahrhundert, die Lessingübersetzer gehören zumeist dem 18. Jahrhundert an. Ob Michelangelo Areontini, der Jfflands „Spieler", Wielands „Aristipp" und nach einer sehr unverbürgten Nachricht auch Goethes „Werther" übersetzte, ein Jude war,ist mindestens ebenso fraglich,als, ob er nachDeutschland kam. Durch einen Hinweis in Wünsche-Winter, kau; ich indesseil bald auf die Vermnthung, Samuel Nomanelli) könnte der Gemeinte sein, nicht zu verwechseln mit dem gleichzeitigen Dominica Nomanelli 1756—1819, der gleichfalls Reisender und Uebersetzer war. Unser Samuel Romanelli, der übrigens in Landaus obengenanntem Werke nicht vorkommt, ist nun höchst wahrscheinlich der Gesuchte. Daß er ein vielseitiger Schriftsteller war und sich einige Zeit in Deutschland aufhielt, war bekannt. Die allgemeine Angabe, er sei 1801 zu Casale Monteferrato gestorben, ist jedoch falsch; er ist nach de la Torre's Angabe, der ihn persönlich kannte, 1817 gestorben (geb. 17521. Er wird von Kayserling (bei Wünsche-Winter) charakterisirt als „ein wissensreicher, schlauer Schnorrer mit aller Ruhelosigkeit und dem unheilbaren Leichtsinn eines solchen Landstreichers ausgerüstet"; doch vermag ich nicht zu sagen, ans welchen Quellen diese Charakteristik basirt. Jedenfalls war er ein vielseitiger Schriftsteller. Am bekanntesten ist sein Neisewerk „Massa be Arad", die Beschreibung einer Reise von Gibraltar nach Marokko und des Aufenthalts daselbst. Dieses Buch, mehrfach edirt (Wilna 1835, voll Schiller-Szinessi 1886, Proben daraus bei Zedner) ist bekannt genug und braucht, zumal es für unsere Zwecke nichts bietet, nicht weiter behandelt zu werden. Seine übrige Thätigkeit, besonders seine Uebersetzungen und Dichtungen sollen aber kurz genannt werden. Er übersetzte hebräische Gebete ins Italienische und verfaßte eine italienisch-hebräische Grammatik. Außer dem Neisewerk nnd der Grammatik (Ex. in Berlin) werden bei Steinschneider als in Oxford befindlich, ein in Wien 1793 erschienenes hebräisches und italienisches Hochzeitsgedicht zur Vermählung von Leopold Herz und Charlotte Arnstein, sowie ein ethisches, hebräisches, David Friedländer gewidmetes in Berlin 1792 veröffentlichtes Gedicht genannt. Er soll auch italienische Operntexte, ein dramatisches mythologisches Gedicht in italienischer Sprache verfaßt und den Themistokles des Metastasio aus dem Original ins Hebräische übersetzt haben. Sicher rührt von ihm ein großes philosophisches Gedicht: INIInsioiw kelieo (Turin 1808) her, die Uebersetzung von Gedichten der Sanhedrinsmitglieder (Mantua 1807) und eine Uebertragung der Merope des Massen y Für das Folgende sind außer Wünsche-Winter, die jüd. Lit. III, 463 nnd einigen anderen Stellen (vgl. Register) noch Mittheilnngen von A. Berliner, die mir meine Romanelli - Vermnthung bestätigten, nnd Rieger ferner benutzt: Steinschneider, Catal. Bodl. Col. 2149 s., Delitzsch, z. Gesch. der hebr. Poesie, vgl. unten S. 92, 173 s. Zedner, Auswahl historischer Stücke, Berlin 1840, S. 220—240, äe lg. Torrs in Ben-Chananja V, 26 sg. Einen Anssatz v. Lettens, Wiener Vierteljahrsschrift 1853, H. 2, S. 72 konnte ,ch mir nicht verschaffen und eine» in Ben-Chananjah Bd. V, kenne ich nur dem Titel nach.